Sinfonie der Straße

Musik im öffentlichen Raum ist ein Gegenpol zum kommerzialisierten Musikbetrieb, muss sich aber einer harten Konkurrenz um Aufmerksamkeit stellen

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Straßenmusik denken? Das Panflötenspiel zweier indianisch gekleideter Frauen? Ein osteuropäischer Klarinettenspieler, der zu seinem Playback in Dauerschleife über Moll-Skalen improvisiert? Eine Gruppe junger Musiker, die neben dem aufgeklappten Gitarrenkoffer ihre eigenen CDs verkaufen? Die Straße als musikalischer Raum vereint verschiedenste Musiker-Typen, musikalische Stile und auch Niveaus. Der Musikethnologe Mark Nowakowski veröffentlichte 2016 eine Feldstudie zu Straßenmusik in Berlin und beschäftigte sich darin unter anderem mit dem Facettenreichtum des Begriffs sowie dem Versuch einer Definition, der dieser Vielfalt gerecht wird. Als Kern des Phänomens identifiziert er den öffentlichen Raum, der von unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern als vorübergehende Bühne genutzt wird.

Doch nicht nur die Musikerinnen und Musiker sind verschieden, auch das Publikum lässt sich unmöglich über einen Kamm scheren. Wer sich in Hannovers Innenstadt umsieht und das Umfeld eines der vielen Straßenmusiker eine Zeit lang betrachtet, stellt sich unweigerlich die Frage, wie viel Prozent der Menschen die Musik überhaupt wahrnehmen. Schnellen Schrittes eilen die einen von Laden zu Laden, während die anderen in Gespräche vertieft vorbeischlendern. Kaum eines der vom Handydisplay bläulich angestrahlten Gesichter hebt sich, um die Quelle der Musik zu identifizieren. Und wer will es ihnen verdenken? In Zeiten von mp3 und Internet ist die musikalische Unterhaltung immer und überall – die Straßenmusikerinnen und -musiker müssen an einem harten Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Menschen teilnehmen.

Das war jedoch nicht immer so. In der langen Geschichte der Straßenmusik, die bis ins alte Ägypten und nach Mesopotamien zurückreicht, waren die umherfahrenden Künstler lange Zeit eine der wenigen Möglichkeiten zur Unterhaltung und – möglicherweise noch wichtiger – auch die einzige Quelle zur Information über aktuelles Geschehen. Diese Funktionen hat die Straßenmusik durch die Verbreitung von Massenmedien im Laufe der Geschichte mehr und mehr verloren. Es bleibt – so scheint es – nur die Aufgabe, das hektische und anonyme Leben in den Innenstädten durch einen kulturellen Aspekt zu bereichern. Die Musik soll den Menschen eine Gelegenheit geben, stehen zu bleiben und durchzuatmen.

Doch nicht nur die mediale Konkurrenz macht der Straßenmusik zu schaffen, auch von einer anderen Seite kommt Gegenwind. Susanne Schmidt vom Veranstaltungsservice der Stadt Hannover, die unter anderem für die Straßenmusik zuständig ist, wurde in letzter Zeit mit einer zunehmenden Zahl von Beschwerden konfrontiert. Inhaber von Büroflächen, Geschäften oder Cafés in Hannovers Innenstadt sehen sich durch die Musik gestört. Deshalb hat die Stadt ein striktes Regelwerk erstellt, an das sich Straßenmusikerinnen und -musiker halten müssen. Es beinhaltet beispielsweise einen Ortswechsel alle 30 Minuten, außerdem sind Blechblasinstrumente, Saxophone und Schlagwerk sowie jede Form von elektroakustischer Verstärkung verboten. Verstöße werden mit einem Bußgeld geahndet. Speziell das Verstärker-Verbot scheint für viele Musiker ein Problem darzustellen. Gerade Solokünstler greifen gerne auf Playbacks zurück, um nicht unbegleitet spielen zu müssen. Schmidt bekommt etwa 20 Bitten pro Jahr um Ausnahmegenehmigungen zu dieser Regel. Denen darf sie allerdings nicht stattgeben. Das Wohl der gewerbesteuerzahlenden Anlieger in Büros und Geschäften scheint in der „UNESCO City of Music“ Hannover über musikalischen Darbietungen im öffentlichen Raum zu stehen.

Andere deutsche Städte greifen zu noch drastischeren Reglements: In München bekommen überhaupt nur zehn Musiker pro Tag eine Genehmigung, auf der Straße spielen zu dürfen. Das bedeutet: früh aufstehen, denn nur die ersten zehn Anfragen werden berücksichtigt. Voraussetzung ist allerdings, dass die Musiker vorher in der Stadtverwaltung vorgespielt haben. Ein Casting für Straßenmusiker? In Hannover wird es so etwas in absehbarer Zeit nicht geben. Zwar wurde überlegt, ein System nach Münchener Vorbild zu entwickeln, doch nach reiflicher Überlegung hat sich die Stadt dagegen entschieden. Straßenmusik soll also weiterhin ohne Genehmigung möglich sein – solange man sich an die Regeln hält.

Richtlinien und Regeln auf der einen Seite, ein Kampf um Aufmerksamkeit auf der anderen: Hat das Musizieren auf der Straße wirklich so an Bedeutung und Attraktivität verloren? Mark Nowakowskis Feldstudie kommt zu einem anderen Ergebnis. Dass man damit Geld verdienen kann, spielt zwar eine zentrale Rolle für die Straßenmusikerinnen und -musiker, jedoch hat ein sehr großer Teil der Künstlerinnen und Künstler vor allem eine positive Einstellung zum Musizieren im öffentlichen Raum und schätzt neben dem Spaß an der Sache auch die vielfältigen Begegnungen mit anderen Menschen auf der Straße. Aus gesellschaftlicher Perspektive stellt die Straßenmusik einen Gegenpol zum kommerzialisierten und institutionalisierten Musikbetrieb dar. Die Öffentlichkeit ist eine Bühne, und jeder hat die Möglichkeit, hier aufzutreten.

Zurück auf den Straßen Hannovers: Am Kröpcke steht ein Mann mittleren Alters, vermutlich osteuropäischer Herkunft, und spielt Melodien, die ein bisschen nach jüdischer Musik, ein bisschen nach Volksliedern vom Balkan klingen. Immer wieder bleiben Menschen kurz stehen, hören ihm zu, werfen ein paar Münzen in die Mütze, die vor ihm liegt. Als ein kleines Mädchen mit seinen Eltern vorbeikommt, bleibt es stehen und blickt den Musiker fasziniert an. Der beendet abrupt sein Spiel und stimmt stattdessen das Kinderlied „Hänschen klein“ an. Auf dem Gesicht des Mädchens erscheint ein Lächeln. Solche spontanen Begegnungen erlebt man als Musiker nur, wenn man die Straße als öffentlichen Konzertraum nutzt.

Jonathan Huber

Literatur:

Mark Nowakowski: Straßenmusik in Berlin. Zwischen Lebenskunst und Lebenskampf. Eine musikethnologische Feldstudie. transcript (Bielefeld) 2016.

Allgemeinverfügung Straßenmusik in Hannover. Weitere Informationen unter www.hannover.de.

Bildnachweis: Pixabay

2018-09-28T15:56:49+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|