YouTube: Mehr als ein digitaler Raum für jedermann

Mit „YouTube Spaces“ treibt das Unternehmen gezielt die Kommerzialisierung der Video-Szene voran

Heutzutage hat jeder durch digitale Plattformen wie YouTube die Möglichkeit, seine eigene Musik der Welt zu präsentieren. Diese Selbstdarstellung geschah zu Beginn von YouTube und Co. vor allem von Zuhause aus: Da wurde schnell das Wohn-, Kinder- oder auch Badezimmer zu einem Proberaum umfunktioniert. Man zeigte sich mit der Gitarre auf dem heimischen Sofa oder, wie damals der kleine Justin Bieber, vor dem Zähneputzen am Waschbecken. Was diese YouTube-Videos von vielen anderen Musikvideos unterschied, waren ihre augenscheinliche Authentizität und die Möglichkeit, mit wenig Aufwand berühmt zu werden. Wer auf den großen Durchbruch hoffte, hatte es nicht mehr nötig, in irgendwelchen Clubs hunderte Gigs zu spielen. Neue digitale Räume öffneten sich.

Die Qualität der Self-made-Videos von YouTubern steigerte sich über die Jahre hinweg, und somit wurde auch das Video-Equipment immer aufwendiger. Eine gewöhnliche Kamera reichte nicht mehr aus, es musste eine richtige Filmkamera sein, und auch die Aufnahmequalität wurde wesentlich besser. YouTube durchlebte eine Professionalisierung, und die YouTuber entwickelten sich immer stärker zu Unternehmern ihres eigenen YouTube-Kanals.

Um diese Professionalisierung anzutreiben, begann YouTube sogenannte „YouTube Spaces“ zu bauen. Diese wurden über die Welt hinweg verteilt: London, Los Angeles, Mumbai, New York, Tokio, Paris, Rio, Toronto und seit 2015 auch Berlin. Die „YouTube Spaces“ bieten den Nutzern, die mehr als 10.000 Abonnenten erreichen, Räume für eine professionelle Produktion der Self-made-Videos. Diese Räume reichen von unterschiedlichen Filmsets bis hin zu Produktionsräumen für qualitativ hochwertige Ton- und Bildaufnahmen. Und auch das passende Equipment wird den Nutzern für ihre Videos bereitgestellt.
Die „YouTube Spaces“ bieten neben ihrem Angebot an Filmsets und Equipment auch Räume für Workshops und Events an. YouTube versucht somit, den Nutzern nicht ausschließlich eine digitale Plattform, sondern überdies einen realen Ort für Begegnungen und Austausch zu ermöglichen. Von dieser sozialen Vernetzung profitieren nicht nur die YouTuber, sondern insbesondere YouTube selbst. Es ist kein Geheimnis, dass das Unternehmen mit den immensen Mengen an Inhalten und Daten seiner Nutzer Geld verdient – „Big YouTube“ wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb. Damit entwickelt sich das Unternehmen aber immer weiter in eine Richtung, welche die Plattform grundlegend in ein anderes Licht rückt. Es sind nicht mehr die unabhängigen musikinteressierten Nutzer, die den digitalen Raum zur künstlerischen Entfaltung verwenden, sondern kleine Unternehmer, die mit ihren YouTube-Kanälen Unmengen an Geld verdienen.

Die Struktur und Aufmachung von YouTube ähnelt immer mehr der eines eigenen Marktes, auf dem die Anzahl der Klicks und das Übertreffen der Konkurrenz im Vordergrund stehen. Um den Umsatz noch mehr zu erhöhen, wird vor und nach den Videos endlos lange Werbung eingeblendet. Und auch die Videos selbst sind vor Werbung nicht mehr sicher. Die Kennzeichnung „unterstützt durch Produktplatzierung“ zieht sich durch fast jedes Video, und auch Schleichwerbung ist keine Seltenheit.

YouTube ist somit nicht mehr das, was es ursprünglich war. Wenn heute jemand seine Musik auf YouTube nach außen tragen will, muss er viel mehr vorzeigen können als eine kurze Aufnahme der eigenen Gesangskünste. Kleinere Nutzer fallen komplett aus der Konkurrenz heraus. Mit den „YouTube Spaces“ verstärkt das Unternehmen selbst diese Entwicklung, da mit der Professionalisierung der Videos auch mehr Geld fließt. Das selbstlose Image einer Plattform, die jedem Nutzer einen digitalen Raum zur Entfaltung garantiert, entspricht nicht mehr der Realität. YouTube erwartet von seinen Nutzern hohe Klickzahlen und versucht mit den „YouTube Spaces“ die Nutzer zu immer mehr professionell produzierten Videos zu bringen – was nicht automatisch „qualitativ hochwertig“ bedeutet. Das Motto lautet: Hauptsache es spricht die Leute an – was drin steckt, ist letztlich egal.

YouTube ist ein Wirtschaftsunternehmen und an Gewinnen interessiert, nicht an ideellen Vorstellungen. Solange die Nutzer immer weiter fleißig ihre Videos auf YouTube hochladen und dem Druck der Professionalisierung nachgeben, muss sich das Unternehmen keine Sorge über das Image oder die Zukunft machen. Wer diese Entwicklung nicht unterstützen möchte und trotzdem erfolgreich mit der eigenen Musik sein will, der muss also wohl oder übel doch wieder rausgehen, in Clubs spielen und auf den großen Durchbruch hoffen.

Aylin Öz

Bildnachweis: Pixabay

2018-09-28T15:50:31+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|