Zwischen Museum und Kreativwerkstatt

Ein Blick hinter die Kulissen der Staatsoper Hannover

Regelmäßige Opernbesucher kennen die typische Atmosphäre in einem Opernhaus: Menschen in Abendgarderobe sitzen in spannungsvoller Erwartung auf weichen Klappsitzen in einem halbdunklen Zuschauerraum. Die Bühne wird so lange zum Raum des Geschehens, bis der letzte Vorhang fällt. Hinterher sprechen begeisterte Besucher, scharfe Kritiker und selbsternannte Experten gerne über das Wie: Wie hat der Tenor gesungen? Wie hat die Hauptdarstellerin gespielt? Wie geschmackvoll, gewagt oder gelungen war die Inszenierung? In den seltensten Fällen fragt jemand nach dem Wo, nach den Räumen abseits des Scheinwerferlichtes. Ein Besuch hinter den Kulissen des Opernhauses Hannover aber eröffnet dem Betrachter tiefere Einblicke in die Welt der Theaterarbeit. Die verschiedenen Bereiche, in denen hier gearbeitet wird, bilden das ganze Spektrum der Tätigkeiten ab, die notwendig sind, bis eine Produktion auf die Bühne gebracht ist. Und die Räume sagen auch etwas aus über die Menschen, die hier arbeiten.

Einer von ihnen ist Neil Barry Moss, der seit eineinhalb Jahren als Regieassistent an der Oper Hannover tätig ist. Er erzählt davon, dass seine Hauptaufgabe die Koordination hinter den Kulissen ist. Wenn die Gastregisseure nach der Premiere Hannover verlassen, ist der zuständige Regieassistent im Anschluss dafür verantwortlich, dass die Inszenierung weiterhin genau nach den szenischen Vorgaben des Regisseurs aufgeführt wird. Das bedeutet für Neil, dass er alles detailliert mitschreibt, was dieser sagt und entscheidet, um es später reproduzieren zu können. Er kümmert sich darum, dass das Publikum eine reibungsfreie Aufführung zu sehen bekommt. Das klingt im ersten Moment nach viel Organisationsaufwand und wenig kreativem Freiraum. So stellt sich die Frage: Wie viel kreative Arbeit findet denn hinter den Kulissen des Opernhauses überhaupt statt?
Der erste optische Eindruck, den die Räumlichkeiten vermitteln, lässt auf eine hohe Funktionalität schließen. In den Gängen und Treppenhäusern dominieren die nicht ganz sauberen weißen Wände, Stahltüren und ein paar Schilder, die auf die wichtigsten Räume hinweisen. Die Chorgarderobe der Herren ist ein hoher Raum, der eher an ein Lager erinnert als an einen Ort zum Schminken und Umziehen. An der Wand hängen diverse Pläne: Probenplan, Maskenplan, Schminkzeiten, Applausordnung – alles ist genau getaktet. Platz für Kreativität ist da eher nicht.

In der Mitte des Raumes stehen Tische mit Spiegeln und die schon vorbereiteten Requisiten. Meike Kreilkamp ist Dramaturgieassistentin an der Oper und führt gerade eine Schulklasse durch die Räumlichkeiten hinter den Kulissen. Sie zeigt den Schülern Perücken, Bärte, Kopfbedeckungen und Schussverletzungen, die den Sängern hier vor dem Auftritt „zugefügt“ werden. Die Jugendlichen hören aufmerksam zu, als sie erklärt, dass bereits hier in der Maske genau darüber nachgedacht wird, welche Bedingungen nachher auf der Bühne herrschen und welche Wirkung die Gesichter der Darsteller später haben sollen. Offensichtlich findet hier doch mehr kreative Arbeit statt, als auf den ersten Blick erkennbar ist.

Dieses Gefühl verstärkt sich beim Betreten des Kostümfundus, der einige Etagen darüber liegt. Etwa 40 000 Kostüme besitzt die Oper, die meisten davon aus eigener Produktion. Gelagert werden sie hier in einem Labyrinth aus Kleiderständern auf zwei Etagen. Der Raum mutet an wie eine Kombination aus Gefängnis, IKEA-Möbellager und Bekleidungsgeschäft. Dazu kommt eine sehr trockene Akustik, die nicht so richtig zur Raumgröße zu passen scheint. Es herrscht eine ehrfürchtig-geheimnisvolle Atmosphäre. Man fühlt sich wie in einem Museum: Jedes der Kostüme hat seine eigene Geschichte zu erzählen, alle Stücke sind speziell für ihren jeweiligen Zweck angefertigt.

Obwohl das Aussehen der Verkleidungen sehr detailliert vom jeweiligen Kostümbildner vorgegeben wird, besteht die Arbeit in der Schneiderei nicht nur aus Nähen und Säumen, sondern beinhaltet auch eine ständige kreative Suche nach Lösungen – beispielsweise beim Material: Meike Kreilkamp zeigt den Schülern einen Astronautenanzug, der für eine moderne Rossini-Inszenierung angefertigt wurde. Die Kostümschneiderei stand vor der Frage, was als Helm herhalten sollte. Die Jugendlichen raten: Ein Goldfischglas? Selbstgebastelt aus Pappmaschee? Nein, sagt Kreilkamp, ersteres sei zu offensichtlich, das zweite zu aufwändig und instabil. Stattdessen wurde eine alte Trockenhaube eingesetzt.

Wer nach kreativer Atmosphäre sucht, wird im Opernhaus auch im Chorsaal fündig. Hier probt neben dem Hauschor und dem Kinderchor auch ein Laienchor, der bei manchen Produktionen zusätzlich mitwirkt. Dank der Vorhänge und Holzverschalungen herrscht hier eine angenehme Akustik, sodass auch Aufnahmen und Live-Übertragungen auf die Bühne stattfinden können.

Das Herzstück des Opernhauses ist natürlich die Bühne selbst. „Don’t forget anything!“ steht in großen Buchstaben an der schweren grünen Metalltür, die in den Bühnenbereich führt. Dort angekommen, wandert der Blick erst einmal nach oben in den 26 Meter hohen Schnürboden. Am höchsten Punkt des Opernhauses sind die Seilzüge befestigt, mit denen die Kulissen gehoben und gesenkt werden können. Seitlich lagern die riesigen Bühnenbilder der Stücke, die aktuell im Programm sind. Trotz der vielen Scheinwerfer, Seilzüge und Kulissen, die herumstehen und -hängen, fühlt sich der gewaltige Raum irgendwie wohnlich an. Das mag an der schwarzen Grundfarbe von Boden und Wänden liegen, aber auch die Akustik spielt eine Rolle: Durch die überwiegende Verwendung der Materialien Holz und Stoff hört sich der Raum kleiner an, als er ist. Auf der rechten Bühnenseite befinden sich die Plätze für die technischen Mitarbeiter. Auf einer Leuchtanzeige werden die nächsten Bewegungen der Kulissen geräuschlos angekündigt.

Der Inspizient – Herr über die technischen Bühnenabläufe – sitzt hier während der Aufführung an seinem Pult. Regieassistent Neil Barry Moss hingegen sitzt bei den Vorstellungen auch mal im Zuschauerraum – ganz am Rand – und beobachtet aufmerksam, ob ihm irgendwelche Dinge auffallen, die nicht so sind, wie sie sein sollten. Eine technische Störung der Maschinentechnik beispielsweise sorgte bei „West Side Story“ einmal dafür, dass die Kulissen nicht mehr bewegt werden konnten. Jetzt war der Regieassistent gefragt, gemeinsam mit dem Team hinter der Bühne dieses Problem rasch zu lösen. Und zwar während der laufenden Vorstellung. Welche Laufwege der Darsteller sind blockiert? Welche Beleuchtungssituationen müssen in Echtzeit angepasst werden? Der Anspruch ist, jede Aufführung möglichst reibungsfrei bis zum Ende spielen zu können. Das ist man den Zuschauern schuldig.

Von der Bühne aus wirkt der Zuschauerraum, der immerhin 1200 Personen fasst, erstaunlich klein und unspektakulär. Die Größenverhältnisse zwischen diesen beiden Räumen bilden eine Analogie zur Wahrnehmung der Arbeit vor und hinter den Kulissen: Der Opernbesucher sieht nur einen Bruchteil des Aufwands, der notwendig ist, bis eine Inszenierung aufgeführt werden kann. Und aus der Perspektive einer Person hinter der Bühne ist der Zuschauerraum relativ klein, ebenso wie die Aufführung eines Stückes nur ein kleiner Teil vieler verschiedener und auf unterschiedlichste Weise kreativer Arbeitsprozesse ist, die am Ende hinter den Kulissen verschwinden.

Jonathan Huber

Fotos: Lara Sagen

2018-06-19T22:05:54+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|