Die Totgesagte

Was haben denn nur alle für ein Problem mit der Musikkritik? So häufig wie diese bereits totgesagt wurde und doch immer wieder auferstanden ist, müsste selbst der überzeugteste Atheist zum Glauben finden. Doch ob in der Literatur, dem Theater oder der Filmkunst, die Kritik hat stets einen treuen Begleiter: die Kritik an sich selbst.

„Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen“, schrieb Schiller 1801 in dem Gedicht „Das Mädchen von Orleans“. Neben dem bekannten Zitat Goethes „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent“ scheinen schon zwei der großen deutschen Dichter und Denker ein zuweilen schwieriges Verhältnis zur Kritik gehabt zu haben. Doch zwischen Kritiker und Künstler gab es auch freundschaftliche Umgangsweisen, wie es zwischen dem Wiener Musikjournalisten Eduard Hanslick und Johannes Brahms der Fall war. Denn die Kritik erfüllt in erster Linie eine konstruktive Funktion: Schon Adorno sah in der kritischen Auseinandersetzung mit einem Werk dessen wahre Entfaltung. So schlecht ist die Musikkritik also gar nicht, wenn sie konstruktiv ist. Weshalb wird jedoch immer wieder ihr Untergang beschworen?

Wie die Sprache ist die Musikkritik ständigen Veränderungen unterworfen – und so auch einer stetigen Kritik ausgesetzt. Und genau wie der Untergang der Sprache immer wieder Thema ist, scheint auch die Musikkritik dem Untergang geweiht. Doch entgegen der weitverbreiteten Vorstellung, dass die Sprache verkomme, ist ihr Wortschatz heute so groß wie nie zuvor. Und auch die Musikkritik ist in einer immer größer und komplexer gewordenen Medienlandschaft vielfältiger denn je. Ob im klassischen Feuilleton, in Blogs von Musikspezialisten oder in Musikvideos auf Youtube – die Musikkritik ist vom einsamen Tod sehr weit entfernt. Diejenigen, die ihren Tod beschwören, haben ihre Vielfalt noch nicht erkannt, und es scheint so, als hätten sie mit ihrem destruktiven Pauschalurteil die Kritik selbst nicht verstanden.

Bruno Schubert

2017-10-24T20:10:28+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|Tags: |