Fantasie der Ewigkeit

Schmerz, Tod und Unsterblichkeit in der Popmusik

„Gott dieser Kammer, Jesus dieses Lochs. Ich weiß nicht, woher es kommt, ich weiß nur, dass ich sterben muss“, singt Stella Sommer von der Hamburger Band Die Heiterkeit in ihrem Stück „Ein Genie bei der Arbeit“. Ich weiß nur, dass ich sterben muss. Ein scheinbar banaler Satz, der jedoch vieles in sich birgt. Jeder von uns muss sterben, aber wie gehen wir mit dieser Tatsache um? Für die Beantwortung dieser Frage lohnt sich ein Blick auf die Popmusik, die verschiedene Ansätze und Formen gefunden hat, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen.

In den Anfängen der Popmusik scheint Sterblichkeit ein Tabuthema gewesen zu sein. Wo Rockmusik in den 1950er und 1960er Jahren zunächst nur Freude bereiten wollte, trübten erst Songs wie „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ (1966) von den Walker Brothers oder die Zeilen „I hope I die before I get old“ in „My Generation“ (1965) von The Who die Stimmung. In den folgenden Jahrzehnten nahm das Thema Tod aber eine immer größere Rolle in der Popmusik ein. Im England der späten 1970er-Jahre entstand aus der grauen und trostlosen Arbeiterstadt Manchester heraus ein Sound, der das Genre „Punk“ weiterdachte: der „Post-Punk“. Sänger Ian Curtis und seine Band Joy Division wurden zu Hauptfiguren dieser Bewegung und machten mit Klang und Ästhetik den Tod zu einem zentralen Thema – dass sich Ian Curtis nach nur zwei Alben seiner Band im Alter von 23 Jahren das Leben nahm, passte zur Fixierung auf das düstere Thema.

In der Folgezeit kamen immer neue Strömungen und Möglichkeiten auf, wie man dem Thema Tod begegnen kann. Besonders die Idee der Unsterblichkeit ist bis heute immer wieder in Popsongs präsent. So singen die Briten von Oasis in ihrem 1994 veröffentlichten Hit „Live Forever“: „Maybe I just wanna fly, wanna live, I don’t wanna die […]. You and I are gonna live forever.“ Eine Fantasie der Ewigkeit, die auch Die Toten Hosen in ihrem Song „Unsterblich“ (1999) aufgreifen: „Mit dir hab ich dieses Gefühl, dass wir heut Nacht unsterblich sind. Egal, was uns jetzt noch geschieht, ich weiß, dass wir unsterblich sind.“

Die Sehnsucht nach der Überwindung des Todes fasziniert Musiker, aber auch Trauer spielt in vielen Liedern eine große Rolle. So verarbeitet Eric Clapton den Tod seines Sohnes in „Tears in heaven“ (1992). Der vierjährige Conor Clapton, Sohn Erics und der italienischen Schauspielerin Lori del Santo, hielt sich zusammen mit seiner Mutter und einer Haushälterin im 53. Stock eines New Yorker Apartmenthauses auf und stürzte aus einem offenen Fenster. Eine tragische Geschichte, die in dem tieftraurigen Stück zum Ausdruck kommt. Clapton fragt sich, ob ihn sein Sohn im Himmel wiedererkennen würde, ob es noch einmal so sein wird wie zuvor: „Would you know my name, if I saw you in heaven? Would it be the same, if I saw you in heaven?“

Auch der deutsche Rapper Casper alias Benjamin Griffey beschäftigt sich mit der Sterblichkeit und widmet den Song „Michael X“ (2011) einem verstorbenen Jugendfreund, der sich selbst das Leben nahm. Im Text heißt es: „Und deine Mom hält dein Zimmer so, wie du’s verlassen hast, an dem Ort, wo dich Willen und Mut verlassen hat. Die Lautsprecher tönen es laut, dein Lieblingslied, aber hörst du es auch, sag hörst du es auch?“ Besonders bei Konzerten von Casper kommt die Intensität des Liedes zum Ausdruck. Im Publikum lassen sich hin und wieder Fans mit Tränen in den Augen finden.

Im Jahr 2012 verstarb die Mutter des US-amerikanischen Singer-Songwriters Sufjan Stevens, daraufhin widmete er ihr und seinem Stiefvater mit „Carrie & Lowell“ ein ganzes Album. Die Songs darauf handeln von körperlichem Verfall, den Erinnerungen an eine schwierige Kindheit sowie von der Leere, die der Tod der Mutter in seinem Leben hinterlassen hat. Songtitel wie „Death With Dignity“ oder „Drawn To The Blood“ sprechen Bände. Auch die kanadische Band Arcade Fire füllt ein ganzes Album mit dem Thema Tod: „Funeral“ (2004) wurde vom Tod einiger Verwandter der Bandmitglieder beeinflusst. Zwischen Eskapismus, Gewalt- und Selbstmordfantasien scheint Sänger Wil Butler die Tatsache des Todes am Ende des Albums aber zu akzeptieren.

Neben dem Verlangen nach Unsterblichkeit und der Bewältigung von Trauer tritt immer wieder auch das Phänomen einer Romantisierung des Todes auf. „Till Death Do Us Part“, also „Bis der Tod uns scheidet“, heißt beispielsweise das im Jahr 2004 erschienene siebte Studioalbum der amerikanischen Rap-Gruppe Cypress Hill. Die Künstlerin M.I.A. befürwortet in ihrem Song „Bad Girls“ sogar einen frühen Tod („Live fast, die young. Bad girls do it well“). Lebe schnell, sterbe jung: ein Motto, das auf einen Country-Song von Faron Young aus dem Jahr 1955 zurückgeht und mit dem sich schon viele Stars in der Musikbranche zugrunde gerichtet haben.

Pop und Tod gehören zusammen, sie bedingen sich sogar gegenseitig. Die Hamburger Gruppe Die Heiterkeit greift diesen Zusammenhang sogar in ihrem neuen Doppelalbum auf und nennt es dementsprechend „Pop & Tod I+II“.

Torben Hodan

2017-10-24T20:28:11+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|