Früher Tod ist wie eine laminierte Ikone

Der Soziologe Roland Seim über die Verklärung verstorbener Stars

Neben der Liebe ist der Tod eines der herausragenden Themen in der Kunst – und damit selbstverständlich auch in der Musik. Nicht nur das Thema spielt dort eine große Rolle. Oft entsteht auch ein Todeskult um berühmte Musiker, der elementarer Teil ihrer Aura und Künstlerpersönlichkeit wird – z.B. bei jenen, die früh verstarben oder den Tod in ihren Werken immer wieder reflektierten. Besonders mit ihrem bisweilen sehr frühen Ableben wurden viele von Stars zu Legenden und Mythen – etwa Jim Morrison, Janis Joplin oder Kurt Cobain (siehe die nebenstehende Box). Doch werden die posthum entstandenen Mythen dem Einfluss solcher Größen eigentlich immer gerecht? Besteht nicht gerade bei tragisch verstorbenen Stars die Gefahr einer nachträglichen Verklärung und Überhöhung? „Saitensprung“ fragte nach bei dem Kunsthistoriker und Soziologen Roland Seim aus Münster, Mitherausgeber des Buchs „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore – Tod und Sterben in der Rockmusik“.

Saitensprung: Herr Seim, trägt der Tod von Popmusikern in der posthumen Betrachtung zu einer nachträglichen Überhöhung der jeweiligen Künstler bei?
Jeder frühe Tod eines Künstlers oder einer Künstlerin symbolisiert die Tragik des unvollendeten Œuvres, vor allem bei einem selbstverschuldeten und mithin eigentlich vermeidbarem Ende durch Drogen oder Suizid. Die mitunter kultische Verehrung korrespondiert allerdings nicht immer mit dem tatsächlichen Einfluss.

Falls doch, fällt Ihnen spontan ein Beispiel dafür ein?
Ach, ich möchte da posthum niemandem zu nahe treten. Aber Sid Vicious von den Sex Pistols dürfte so ein Fall gewesen sein.

Spielt die Beziehung zum Tod, die ein Künstler zu Lebzeiten (in seiner Musik) hatte, eine Rolle? Ist der Tod bei der Mythenbildung von z.B. Kurt Cobain also wichtiger als bei Ray Charles oder Prince?
Bei Prince war der relativ frühe Tod eine Überraschung, da man dachte, er verabscheue Drogen, Alkohol und Zigaretten. Ähnlich wie Michael Jackson scheint aber auch Prince ohne Aufputsch- und Schmerzmittel nicht dem Erwartungsdruck gewachsen gewesen zu sein. Hier wurde der Tod wie ein tragischer Unfall wahrgenommen. Bei Musikern wie Ian Curtis von Joy Division oder Kurt Cobain, die ihn nicht nur in ihrem Werk thematisierten, sondern dessen düstere Vorahnung Teil ihrer Depression war, erschien er folgerichtig, passte ins Gesamtbild und vergrößerte den Nimbus.

Spielt es eine Rolle, wie lang die Karriere eines Künstlers vor dem Tod dauerte – nach dem Motto: Wer früher stirbt, ist länger tot und kann sein eigenes, zu Lebzeiten geschaffenes künstlerisches Denkmal nicht durch schlechte Kreation einreißen? Kann man sagen: Je kürzer und intensiver die Karriere, desto stärker die Legende und der Mythos nach dem Tod?
Die Gleichung geht so einfach nicht auf. Auch eine lange Karriere kann zu einer mythischen Verehrung nach dem Tod führen, wie z.B. David Bowie und Lemmy Kilmister zeigen, die übrigens trotz ihres exzessiven Lebensstils letztlich einem profanen Krebsleiden erlegen sind. Ihr Tod führt uns vor Augen, dass jede Party endet. Aber es stimmt schon: Wer mehr Zeit hat, kann auch mehr Unsinn machen und in Vergessenheit geraten. Wer einen atemberaubenden Start hinlegt und schnell aus der Kurve getragen wird, hinterlässt einen dramatischeren Eindruck, da sich das Publikum vorstellt, was er noch alles zustande gebracht haben könnte. Da extrapoliert die Imagination einen Genius, den das reale Leben wohl nicht verwirklicht hätte. Marilyn Monroe oder James Dean als alte, womöglich fette Karikaturen ihrer selbst wären der Legendenbildung nicht zuträglich gewesen. Jim Morrison hat das zum Ende seiner nur 27 Jahre ja fast schon gezeigt.

Wären z.B. die Musiker des „Clubs 27“, die nach relativ kurzer Karriere und meist unter unnatürlichen Umständen verstarben, auch ohne ihre Vorgeschichte und das frühe Ableben solche Legenden?
Vermutlich nicht. Das Dramatische, in der Blüte der Jugend dahingerafft zu werden, paart sich mit dem Rebellischen, Rauschhaften und Schnellen des Rock im Motto „Live fast, die young“. Wohl niemand tötet sich, um seine Karriere als Rockmythos zu befördern. Für die Musikindustrie aber ist der Mythos des toten Rockstars sehr lukrativ. Das durch den Tod „abgeschlossene Sammelgebiet“ macht Künstler teurer, da nichts mehr nachkommen kann, auch nichts Schlechtes. Vielleicht unternimmt die Industrie deshalb nichts gegen deren Selbstzerstörung, wie der tragische Niedergang von Amy Winehouse zeigt.

Wie stark unterliegt die Legenden- und Mythosbildung im Nachhinein einer nicht unbedingt wahrheitsgetreuen Konstruktion von außen?
Wir waren alle nicht dabei. Entscheidend sind die Erinnerungen an unser eigenes Leben, die wir mit den Künstlerinnen und Künstlern verbinden. Wenn die Mythen der Musik zur verklärten Rückschau auf unsere eigene Jugend passen, dann funktioniert es. Das ist natürlich mehr Konstruktion als Wahrheit. Der frühe Tod friert das Bild ein, wie eine laminierte Ikone. Die Zeit kann an dieser Momentaufnahme ihr zerstörerisches Werk nicht mehr vollbringen. Statt eines gebrechlichen, langweiligen Greises bleibt der früh Verstorbene als Legende der ewigen Jugend in Erinnerung. Jede Platte ist wie eine Zeitkapsel.

Welche Rolle spielen Medien und andere Musiker? Der Tod von Prominenten ist ein starker Nachrichtenfaktor. Kann die Legendenbildung ohne mediale Aufbereitung und Aufgreifen durch andere Musiker überhaupt funktionieren?
„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, heißt es bei Niklas Luhmann. Auch den Tod als größtes Mysterium und Gegenentwurf zum Leben können wir selber nicht erfahren und darüber berichten. Ohne die dunklen Seiten, Schmerz, Angst und Tod wäre Kunst nur Kitsch. Deswegen interessiert uns der Tod der anderen. Vor allem bei performativen Musikern, die auch bizarre Phantasien auf die Bühne bringen. Sie laden unseren Schmerz auf sich; viele scheitern daran.

Das Gespräch führte Philipp Strunk

TRICK 27

Der „27 Club“, exklusiver Club aller Musikerinnen, die mit genau 27 Jahren gestorben sind, ist eines der sagenumwobenen Themen der Rock- und Popmusik.
Angefangen hat alles zwischen 1969 und 1979. In diesem Jahrzehnt starben Brian Jones, Jimi Hendrix und Janis Joplin, die alle 27 Jahre alt wurden. Anderthalb Jahrzehnte später, 1994, stirbt Kurt Cobain mit ebenfalls 27, und der Club ist endgültig geboren. Gemeinsam haben die Musiker nicht nur ihr gleiches Sterbealter, sondern auch ihre mal mehr, mal weniger obskure Todesursache. So ist Janis Joplin an einer Überdosis Heroin gestorben, Brian Jones lag tot im Swimmingpool, Jimi Hendrix ist an seinem Erbrochenem erstickt und Kurt Cobain durch einen Schuss in den Kopf zu Tode gekommen, wobei auch bei Letzteren Drogen und Alkohol im Spiel waren getreu dem Motto „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“.
2011, mit dem Tod von Amy Winehouse, kam in den Medien die Diskussion über den Club wieder auf, doch wer nur ein bisschen recherchiert, findet schnell heraus, dass es keine statistischen Beweise dafür gibt, dass Musiker besonders oft mit 27 sterben. Wieso also genau dieses Alter so berühmt-berüchtigt geworden ist, bleibt fraglich. Fest steht aber, dass der Club als Vermarktungstrick der Medien und Musiklabels wohl mehr hergibt denn als großer Mythos der Musikgeschichte.

Simone Ziegler

Wer mehr über das Thema erfahren möchte, dem seien folgende Werke des Telos-Verlags in Münster ans Herz gelegt:

Philip Akoto: „Menschenverachtende Untergrundmusik?“ Todesfaszination zwischen Entertainment und Rebellion am Beispiel von Gothic-, Metal- und Industrialmusik. 2006.
Andreas Meier: Tabubrüche in der Musik. 2009.
Roland Seim & Josef Spiegel (Hrsg.): „Nur für Erwachsene“. Rock- und Popmusik: zensiert, diskutiert, unterschlagen. 2004.
Roland Seim & Josef Spiegel (Hrsg.): The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore – Tod und Sterben in der Rockmusik. 2009.
Reto Wehrli: Verteufelter Heavy Metal. Skandale und Zensur in der neueren Musikgeschichte. 2012.

2017-10-24T19:19:50+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|