GỌ̈T|TER|LIEB|LING, DER

„Wen die Götter lieben, der stirbt jung“, schreibt der griechische Schriftsteller Plutarch im 34. Kapitel der „Trostrede an Apollonius“. „Wen die Götter lieben, den führen sie zur Stelle, wo man sein bedarf“ – das stammt von Johann Wolfgang von Goethe, der sichtlich von den Griechen inspiriert war. Dem Ausspruch begegnet man im Kontext von sogenannten Wunderkindern, wie auch Mozart eines war. Ein Film über das Leben Mozarts von Karl Hartl aus dem Jahr 1942 trägt den Titel „ Wen die Götter lieben“.
Auch heute greifen die Medien die alte Weisheit gern auf, wie in der Sendereihe „Junger Ruhm und früher Tod“, die 2012 bei Phoenix lief. Wie eine moderne Version der Wunderkinder, die früh zu den Göttern geholt wurden, werden hier früh verstorbene Musikstars thematisiert, so zum Beispiel Amy Winehouse, die zum Club 27 zählt (siehe unseren Beitrag „Früher Tod ist wie eine laminierte Ikone“).
Aber was soll an dem geflügelten Wort vom „Götterliebling“ so tröstlich sein? Die Feststellung, dass die Götter einen geliebt haben und man trotzdem stirbt und dann nach dem Glauben der alten Griechen im Hades versauert, ist nicht gerade aufheiternd. „Wen die Götter lieben, den holen sie früh zu sich“ – bei dieser Variante wird viel deutlicher, was gemeint ist: dass der Götterliebling zwar die Erde verlässt, aber stattdessen auf dem Olymp mit den Göttern speist. Man stirbt also nicht wirklich, sondern ist nur zu besserer Gesellschaft berufen. In der griechischen Mythologie ist dieses Privileg nur Helden oder Halbgöttern vorbehalten. Wunderkinder wie Mozart und Weltstars wie Amy Winehouse scheinen in der jeweiligen Zeit einen ähnlichen Status erlangt zu haben.

Marie-Christin Drunat

2017-10-24T19:36:39+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|Tags: |