Mord und Totschlag

Wer die öffentliche Debatte um Musikstreaming in den Medien oder im Freundeskreis verfolgt hat, dem kann eines nicht entgangen sein: Es wird aufgerüstet! Da reicht es nicht mehr nur, von Verlusten, Krisen und Alternativlosigkeit zu reden. Nein. Im Musikmarkt herrschen Mord und Totschlag. Kleine Kostprobe gefällig? „Streaming tötet MP3s“, „Streaming tötet das Musikbusiness“, „Streaming tötet die Kunst“, „Apple Music tötet Musik-Downloads“, „Apple Music, Spotify und Co. vernichten jeden guten Musikgeschmack“.
Mord, Vernichtung, jeder gegen jeden – kriegsähnliche Zustände in der Musikwirtschaft. Der Streit scheint so aufgeladen – man ist besorgt, dass Spotify-Gründer Daniel Ek oder Apple-Chef Tim Cook bald zum Rapport in den Kulturministerien der Welt antreten müssen.

So oft, wie Musik und Kunst in den letzten drei Jahren schon durch Streamingdienste getötet wurden, bekomme ich langsam Angst, dass aus meinem Radio bald nur noch austauschbare Tonabfolgen mit inhaltsleeren Texten kommen könnte – Gott bewahre. Und die Kritiker haben ja Recht. Das erste Mal wurde die Musik schließlich bereits mit der Einführung eben dieses Radios getötet. Für alle, die nicht dabei waren: Das war in den 1920er Jahren. Die Musik lag verwundet am Boden und verendete. Lediglich irrelevante Nischenstile wie Swing, Rhythm ’n’ Blues oder Rock ’n’ Roll konnten sich in der Folgezeit unter dem Radar der Öffentlichkeit entwickeln. Ähnliche Stimmen gab es auch bei Einführung des Fernsehens. Was hat uns das denn gebracht? Zweitklassige Formate wie MTV oder den WDR-Rockpalast. Widerlich. Jetzt also auch noch Streaming, der neueste, glänzende Nagel am Sarg der Musik. Ich kaufe mir schon mal ’nen schwarzen Beerdigungsanzug und schalte die „Melancholie“-Playlist bei Spotify ein …

Philipp Strunk

2017-10-24T20:30:33+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|Tags: |