“One-Drop” im Bunker

Studierende der Musikhochschule unterrichten ehrenamtlich Kinder von Flüchtlingen. Zum Beispiel Tobi: Der 13-jährige Junge, der mit seinem Vater aus Nigeria nach Hannover kam, lernt bei Schlagzeugstudent Mark Uta den richtigen Umgang mit seinem Lieblingsinstrument.

Anfang des Sommersemesters 2016 bekomme ich eine Mail über den Studierendenverteiler der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. „Es werden Studierende gesucht, die ehrenamtlich Musikunterricht für geflüchtete Kinder anbieten könnten; gezeichnet: Christiane Azam.“

Das klingt nach einer klasse Idee, die mehr Aufmerksamkeit verdient. Also frage ich Christiane Azam, was denn hinter diesem Aufruf steckt. „Mich hat immer gestört, dass Musikmachen so eine elitäre Angelegenheit ist, die vielen Kindern und Jugendlichen aus finanziellen Gründen nicht möglich ist“, antwortet Christiane. Sie engagiert sich aus diesem Grund beim Musikpatenprojekt der Bürgerstiftung Hannover, das den Musikunterricht von Kindern finanziell unterstützt. Doch ist das Christiane nicht genug. „Es gibt eine Warteliste, und pro Jahr können nur wenige neue Kinder nachrücken. Das erschien mir zu wenig in Anbetracht der vielen zugereisten jungen Menschen. Und da ich relativ viel Kontakt zu Studierenden habe, wollte ich an der Hochschule einmal nachzufragen, ob vielleicht der eine oder die andere Interesse hat, ein Kind ehrenamtlich zu unterrichten. Außerdem habe ich selbst erlebt, wie viel Interessantes man durch die Kommunikation mit Menschen aus anderen Kulturen erfährt, wie bereichernd solche Kontakte für das eigene Leben sind.“

Welche Früchte ihre Initiative trägt, kann ich ein paar Tage später in einem ehemaligen Bunker gegenüber der Dreifaltigkeitskirche in der Oststadt beobachten. Da gibt es Proberäume, die von den Studentinnen und Studenten der Musikhochschule genutzt werden dürfen. In einem dieser Räume steht das Schlagzeug von Mark Uta. Mark ist 25 Jahre alt und studiert an der Hochschule den Master of Education im Fach Schlagzeug. Dort, vor dem irgendwie deplatziert wirkenden Bunker, sind wir mit Tobi verabredet. Tobi ist 13 Jahre alt und mit seinem Vater aus Nigeria geflüchtet. Er geht in die „Sprachlernklasse“ der Integrierten Gesamtschule Hannover-Linden, die Schüler mit nicht-deutscher Herkunftssprache besuchen. Zudem nimmt Tobi an dem Projekt „ImproKultur“ teil, bei dem man wöchentlich 90 Minuten lang die kommunikativen Kompetenzen durch gemeinsames Musizieren, Tanzen und Theaterspiel fördert. Andrea Welte, Professorin für Musikpädagogik, hat das Projekt initiiert, getragen wird es von aktiven und ehemaligen Studierenden und unterstützt vom Förderkreis der Hochschule. Tobi hat viel Spaß daran, Musik zu machen, daher kommt er nun einmal wöchentlich zum Schlagzeugunterricht mit Mark.

Die Begegnung verzögert sich ein wenig, doch dann kommt Tobi auf seinem Longboard angefahren. Mark und Tobi begrüßen sich. Dann verschwinden wir in dem dunklen Bunker. Der Proberaum liegt in einem der oberen Stockwerke und strahlt die typische Proberaumatmosphäre aus: gemütlich, etwas unaufgeräumt und voll mit Instrumenten und Equipment. In der Sofa-Ecke werden die Rucksäcke deponiert, und dann zieht es Tobi wie selbstverständlich ans Set. Erst mal einspielen. Mark fragt, ob Tobi sich erinnere, was sie letzte Woche gelernt hätten. Nach dem Motto „Weniger reden, mehr machen“ spielt Tobi gleich drauflos – aber leider falsch.

Mark sitzt währenddessen ebenfalls an einem Set und macht Tobi einfach vor, welchen Rhythmus und welche Technik sie letzte Woche kennengelernt haben. „Du hast kein Schlagzeug?“, will Mark wissen. „Nein, aber ich weiß, wo ein Schlagzeug ist“, lautet die Antwort. Eigentlich wollte Mark mit der Frage andeuten, dass man sich an fremden Sets erst mal einen Überblick verschaffen muss, wo welche Trommel steht. Doch ich denke darüber nach, wie traurig es wohl sein muss, Feuer und Flamme für ein Instrument zu sein und diese Leidenschaft nicht nutzen zu können, weil man kein Instrument zum Üben hat…

Mit Musik vom Band geht es weiter. Schnell wird vom Laptop ein geeignetes Stück ausgewählt und zum „Playalong“ gemacht. Tobi findet sich rasch in den Beat ein und spielt einfach mit. Mark streut dabei kleine Aufgaben ein. „Magst du eigentlich Reggae? Da gibt es einen Rhythmus, der heißt ,One-Drop‘, der geht so. Versuch mal zu erraten, warum der ,One-Drop‘ heißt.“ Es ist ein Learning by Doing, und das scheint Tobi gut zu gefallen. Daher wird munter „weitergejammt“, und beim Probieren merkt man, dass der ,One-Drop‘ so heißt, weil auf der ersten Zählzeit die Bassdrum ausgelassen – „gedroppt“ wird. Schon wieder was gelernt – also ich –, na ja, und Tobi eben auch.

„Du hast auch keinen Kumpel, der ein Schlagzeug hat, oder?“ „Nee, und in der Schule ist immer alles abgeschlossen“, erzählt Tobi. Wie kann man sonst üben? Solange man nichts Besseres hat, soll man sich irgendwas suchen, worauf man herumtrommeln kann, meint Mark. Sticks hat Tobi nämlich. Vielleicht kann man sich ja auch mit Freunden verabreden, die ein Schlagzeug haben, und mit denen zusammen musizieren? Das wäre gut, denn Mark schreibt Tobi gerade eine Hausaufgabe auf, die er üben soll. Dazu setzen wir uns in die Sofa-Ecke, ich gebe gerne ein Blatt aus meinem Notizblock ab, und schon werden ein paar Noten notiert. Erst ganz einfach, nur die Basics. Es sind die ersten Noten, die Tobi speziell für das Schlagzeug sieht. Das schaut natürlich wild aus, daher fragt er: „Kannst du zeigen?“ Mark macht vor, wie es geht. Alles klar.

Die Unterrichtsstunde neigt sich dem Ende zu, das merkt auch Tobi und fragt schnell, ob wir auch noch Musik vom seinem Handy spielen können. „Klar“, sagt Mark, „aber nicht wieder Justin Bieber!“ Tobi sucht sich „Hello“ von Adele aus und versucht sich in den Beat zu finden, was gar nicht so einfach ist bei einer Ballade. Mark erklärt dem 13-Jährigen, dass das Stück, das er sich da ausgesucht hat, auf dem Schlagzeug ganz romantisch zu spielen sei. Das scheint Tobi aber, wie jedem in dem Alter, etwas peinlich zu sein. Mit umso mehr Inbrunst spielt er jetzt mit, und geht dabei richtig auf. „Das kannst du ja jetzt in den Ferien zuhause üben“, sagt Mark, aber Tobi wehrt ab: „Zuhause mag ich nicht.“

Während wir zusammenpacken und aus auf den Weg machen, erklärt uns Tobi, warum er die anstehenden Ferien gar nicht gut findet: „Ich mag keine Schulferien, das ist langweilig. Da ist auch nicht Unterricht, kein Schlagzeug.“ Sein Lehrer gibt ihm neben der Musik immer noch weitere Ideen mit auf den Weg. Letzte Woche hat er ihm gezeigt, was Falafel sind und wo es die besten zu essen gibt. Dieses Mal schlägt er Tobi vor, die Sommerzeit am See zu überbrücken. Aber so richtig glücklich scheint das Tobi trotzdem nicht zu machen. Wir verabschieden uns – ich muss leider in die andere Richtung. Tobi und Mark fahren, sich weiter unterhaltend, auf Rad und Longboard davon.

In einem vorbereitenden Gespräch hatte ich von Mark wissen wollen, warum er dem Aufruf von Christiane Azam gefolgt ist. „Ich bin nicht allein Christianes Aufruf gefolgt. Ich habe durch einen Freund davon erfahren, der ebenfalls ehrenamtlich unterrichtet“, erklärt Mark. „Und außerdem ist Tobi cool drauf, und es macht mir Spaß, mit ihm zu arbeiten.“ Mark macht es nicht komplizierter als es ist, und genau das ist gut so.

Marie-Christine Drunat

2017-10-24T19:27:52+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|Tags: |