Plattenkritik – Tod und Sterben

GUTTENBERGER BROTHERS
#ONE
59music

Wie könnte der kürzlich verstorbene Roger Cicero besser in Erinnerung gehalten werden als durch andere Musiker, die sich seines Musik- und Gesangstils bedienen? Er hat einst dem deutschen Chanson ein neues Image verpasst, das schon bald andere Musiker angelockt hat. So reihen sich auch die Stuttgarter Guttenberger Brothers mit ihrem aktuellen Album „#ONE“ in die Reihen der deutschen Chansonniers ein, die dem Hörer in einem lockeren Erzählstil Alltagsgeschichten vortragen. Doch dabei belässt es die Combo nicht. Ihre Wurzeln liegen unweit der Django Reinhardts, und so gehen ihnen Jazzstandards wie „I Only Have Eyes For You“ leicht von der Hand. Dieser Mix aus Chanson-Eigenkompositionen und ausgewählten Jazz-, Swing- und Gypsy-Nummern bietet musikalische Abwechslung und ist zugleich Zeugnis des Cicero’schen Vermächtnisses.

Mehr davon: www.guttenberger-brothers.de
Sarah Wahnelt

 

TOKAME
Eres la tierra mas linda
59music

Diese CD ist eine Hommage an sämtliche kubanischen Musikstile, die ihre Wurzeln in spanischen, afrikanischen und afro-amerikanischen Musiktraditionen haben. Die Musiker des zwölfköpfigen Ensembles Tokame aus Stuttgart schaffen einen komplexen Latin Sound, der einerseits jedem Neuling lateinamerikanischer Musik gerecht wird und andererseits durch die Verwobenheit der vielen verschiedenen Ebenen auch den Kennern eine wahre Freude ist. Einzig die Abmischung der CD lässt zu wünschen übrig: Hier und da sind die prallen Bläsersätze deutlich zu laut und nehmen dem Gesamtkonzept ein Stück seiner Exzellenz. Gleichwohl bietet „Eres la tierra mas linda“ einen vielseitigen Stil, der von den lebendigen rhythmuslastigen Stücken über Funk bis hin zu Gesangsballaden reicht.

Mehr davon: www.tokame.info
Sarah Wahnelt

 

FLEX ENSEMBLE, LINOS PIANO TRIO, QUARTET BERLIN-TOKYO
Preisträger-Musik II
CD-Produktion der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Neun Nationen – elf Musiker – verbunden durch die Liebe zur Kammermusik, so kann man die CD der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover aus dem Herbst 2015 zusammenfassen. Die drei preisgekrönten Ensembles aus ehemaligen Kammermusikstudierenden der Hochschule verknüpfen unterschiedlichste Epochen und Besetzungen zu einem spannenden Kammermusikerlebnis.
Im ersten Teil der CD interpretiert das Flex Ensemble das Klavierquartett f-Moll op.2 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dabei zeigt sich das Ensemble als eine dynamische Einheit: Feinfühlig reagiert das Klavier auf die leiseren Streicher, die ruhigen Passagen spielt das Flex Ensemble ausgesprochen zart, und in den Unisono-Stellen hat man das Gefühl, die Energie zwischen den Musikern mit Händen greifen zu können. Dem Flex Ensemble gelingt eine vielseitige Interpretation, in der die Spielfreude deutlich hörbar ist.
Es folgt das Linos Piano Trio mit einer Bearbeitung des Vorspiels zu „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner. Ist man hier auch ein Riesenorchester gewöhnt, vermisst man bei diesem Arrangement dennoch nichts. Die verschiedenen Orchesterstimmen werden sinnvoll auf Violine, Violoncello und Klavier verteilt, so dass die sehnsuchtsvolle Musik tief bewegt und Lust auf die gesamte Oper macht. Doch das Linos Piano Trio führt die Hörerinnen und Hörer von der Spätromantik weiter in die zeitgenössische Musik – mit der Komposition „Night Suite“ des ensembleeigenen Pianisten Prach Boondiskulchok. Nach den feinen Klängen des Vorspiels zu „Tristan und Isolde“ ist man von den schrillen Tönen, minimalistischen Passagen und teilweise harten Pizzicati zunächst irritiert. Wenn man sich aber auf diese spezielle Klangwelt einlässt, sind reizvolle Spieltechniken und Klangeffekte hörbar.
Den Abschluss der CD bildet das Quartet Berlin-Tokyo mit dem Streichquartett Nr. 5 Sz 102 von Béla Bartók. Energiegeladen, in einem wilden Wechsel aus Unisono-Passagen und Polyphonie zeigt sich der erste Satz. In den Mittelsätzen folgt mehr Ruhe, doch bleibt der ursprüngliche Charakter erhalten: Die Musiker scheinen sich immer wieder zu streiten und anschließend zu versöhnen. Aufgeregte Klangflächen, Melodieminiaturen und energetisches Zusammenspiel prägen die Interpretation des Quartetts.
Diese CD bildet einen Querschnitt von der Romantik zur Moderne, der für jeden etwas bereithält. Nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Besetzungen und abwechslungsreichen Interpretationen der drei Ensembles, von denen man in Zukunft bestimmt noch öfter hören wird.

Weitere CD-Produktionen der HMTMH: www.hmtm-hannover.de/de/hochschule/werbemedien/cds/
Ilka Roßbach

 

MARIUS TILLY
Nebula Rising
MIG Music

Wenn man Marius Tillys neues Album hört, wird eine Sache ganz schnell deutlich. Der Bandleader liebt Rockmusik. Und zwar die gesamte Rockmusik. Vom Rock ’n’ Roll der 50er Jahre bis zu zeitgenössischem Indie Rock finden sich auf „Nebula Rising“ zahlreiche Remineszenzen der Rockgeschichte. Diese Variabilität ist nicht nur eine stilistische Weiterentwicklung im Vergleich zum Blues und Southern Rock auf dem Vorgänger-Album „Come Together“ (damals noch als Marius Tilly Band). Zusammen mit den detailverliebten Arrangements verleiht sie dem Material darüber hinaus eine enorme Tiefe, die man im Bluesrock so wohl eher selten findet.
Ein Paradebeispiel dafür ist der Opener „Dinosaur“. Mit Bluesrock hat der Song eher wenig gemein, stattdessen gibt es hier flotten Indie mit Anleihen im 60er Rock ’n’ Roll. Ein spannender Songverlauf trifft hier auf kluge und variable Gesangsarrangements, die im Refrain voll zur Geltung kommen. Hier wird auch deutlich, warum das Album selbst nach mehrmaligem Durchhören kaum an Attraktivität verliert: Durchdachtes Arrangement und viele kleine „Unregelmäßigkeiten“ in den Songs sorgen für Spaß und Spannung und für das stete Gefühl „So habe ich das noch nie gehört“. Fast immer wenn man meint, den Song verstanden zu haben, wird man durch unerwartete Brüche aus der Komfortzone geholt. Dazu sorgen die teilweise durchgeknallten Texte abwechselnd für Kopfschütteln und Grinsen (I’ve been threatened by a penguin in „Animal Serenade“).
Marius Tilly macht sowohl als Songwriter wie auch als Musiker auf „Nebula Rising“ einen großen Schritt nach vorn. Auch sein Gesangsstil passt nun wesentlich besser zum komponierten Material – verglichen mit dem Vorgänger „Come Together“. Für Musikfans ist dieses Album ein absoluter Leckerbissen, der viele Feinheiten bereithält. Den vermeintlichen Durchschnittshörer könnte dieses Werk allerdings etwas überfordern – zu viele Konventionen werden gebrochen, zu viele Stile (wenn auch gekonnt) miteinander verwoben, um einen offensichtlichen roten Faden entstehen zu lassen. Für fachkundige Fans jedoch ist „Nebula Rising“ eine verrückte Zeitreise durch die Rockmusik. Wer sich gern fordern lässt, ist hier genau richtig!

Mehr davon: www.mariustilly.com
Philipp Strunk

 

STRAY TRAIN
Just ’Cause You Got The Monkey Off Your Back Doesn’t Mean The Circus Has Left Town
SAOL

Huch! Bluesrock? Aus Slowenien? Im „Saitensprung“? Ja, ja und ja. Der erste Grund, warum Stray Train aus Ljubljana den Weg in dieses Magazin, das ja eigentlich den Musikakteuren Hannovers vorbehalten ist, gefunden haben, ist banal: Sie sind seit 2016 beim hannoverschen Label SAOL unter Vertrag. Der zweite Grund aber wiegt noch viel schwerer. Denn die vier Musiker bieten auf Ihrem Debüt mit dem eingängigen Titel „Just ’Cause You Got The Monkey Off Your Back Doesn’t Mean The Circus Has Left Town“ fetten Bluesrock der härteren Variante.
2015 als reines Cover-Projekt gegründet, merkte man bald, dass die musikalische Qualität höheren Aufgaben gerecht wird. Und so fand man sich schnell im Studio ein, um in nur fünf Tagen das gesamte Album live und am Stück einzuspielen. Diese Spontaneität und Authentizität merkt man „Just ’Cause You Got…“ ab Sekunde eins an. Der Opener „Soulseller“ besticht durch ZZ Top-Atmosphäre inklusive Shuffles auf den Drums, rhythmische Riffs und einen warmen, aber druckvollen, homogenen Gesamtklang. Zusammen mit den beiden folgenden Songs „I Wish I Could Be Free“ und „Wander Man“ wird schnell die gesamte stilistische Ausrichtung des Albums deutlich: ein Mix aus klassischem Bluesrock in hartem Klanggewand, Ohrwurmrefrains und unerhört groovigen Passagen – aufgelockert durch eine große Vielfalt an Stilmitteln. Denkt man am Anfang eines Songs häufig noch „Irgendwie schon mal gehört“, wird in der Folge meist schnell klar, was die Platte von oft gehörten Standards abhebt: Gefühl, Dynamik und Authentizität. Die variablen Arrangements sorgen dabei stets für Tiefe im Gesamtsound.
Diese Variabilität geht Stray Train leider etwas ab, wenn es um den Songaufbau der einzelnen Stücke geht. Ihr Schema F scheinen sie bald gefunden zu haben, zum Ende des Albums hat man das Spiel aber durchschaut. Gleiches gilt für die Vocals, die an und für sich hochprofessionell sind, denen es über die gesamte Spielzeit aber etwas an Abwechslung mangelt. Mir persönlich fehlt bei diesen übrigens etwas „Dreck“; die recht hohe Stimmlage passt nicht optimal zum ansonsten authentischen Sound des Albums.
Das Blues-Rad haben Stray Train mit „Just ’Cause You Got…“ sicher nicht neu erfunden. Die Qualitäten, die sie zuhauf besitzen, zeigen sie aber in genau der richtigen Dosis und komponieren kreativ auf den Punkt. So lässt sich dann auch leicht über zum Ende hin auftretende Wiederholungen hinweghören.
Ein Album, wie gemacht für eine flotte Fahrt auf der Landstraße. Anspieltipps: „I Wish I Could Be Free“, „Blow“, „Dead Romance“.

Mehr davon: www.straytrainband.com
Philipp Strunk

2017-10-24T20:24:15+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|Tags: |