Positive Grundstimmung

Der weltweite Einsatz von Musik bei Trauerzeremonien folgt unterschiedlichen Ritualen

In so gut wie allen Teilen der Welt zählen Trauerrituale neben Feierlichkeiten bei Geburt und Hochzeit zu den wichtigsten Zeremonien und Bräuchen. Sie erfüllen zum einen den Zweck der Ehrung und des Gedenkens an die Toten, zum anderen dienen sie häufig als Trauerhilfe für die Hinterbliebenen. Je nach Kultur spielt der Einsatz von Musik oder musikalischen Elementen eine besondere Rolle.

Bei den musikalischen Beurteilungen weltweiter Trauerrituale darf man allerdings nicht an unseren westlichen Maßstäben festhalten. „Musik wird erst durch den kulturellen und situativen Kontext fröhlich, feierlich oder traurig“, weiß Raimund Vogels, Professor für Musikethnologie an der Musikhochschule Hannover und am Center for World Music der Universität Hildesheim. „Die eingesetzte Musik kann man also nur verstehen, wenn man die Rituallogik und das Menschenbild dahinter versteht.“

In der christlich geprägten „westlichen Welt“ werden bei Trauerfeiern sowohl kirchliche Lieder der Trauergemeinde als auch weltliche Werke, zum Beispiel die Lieblingsstücke des oder der Verstorbenen, gesungen und gespielt. Gerade in Westeuropa findet man aufgrund der Säkularisierung und gesellschaftlichen Heterogenität zwar einen hohen Individualisierungsgrad bei Trauerfeiern. Da die meisten Zeremonien aber in der Kirche stattfinden, gibt es zumindest einen gewissen Anteil an kirchlicher Musik, besonders an Orgelstücken.

Die Besucher der Trauerfeiern kommen bei diesen Zeremonien mitunter aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen und Regionen und haben daher jeweils eigene, spezielle Erwartungen. Europäische und westliche Geistliche versuchen all diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu bedienen: Die individuellen Wünsche der Angehörigen bei der Gestaltung der Trauerfeier sollen gehört werden – aber auch die traditionellen Texte und Musikstücke sollen ihren Platz haben. Requien etwa bieten nach klassischem Empfinden eine tiefere Ebene für die Trauerarbeit als vermeintlich banale Popsongs – und helfen den Hinterbliebenen dadurch auf traditionelle Weise.

In der muslimischen Kultur ist bei der Beerdigung und zum Anfang der Trauerzeit kaum Musik zu hören, da Musik als Zeichen des Wohlbefindens im Angesicht des Verlusts verpönt ist. Die Trauerzeit im Islam beträgt traditionell vierzig Tage. Am vierzigsten Tag stimmt die Trauergemeinde Loblieder auf Mohammed an, die klaren Regeln und Versmaßen folgen. Inhaltlich sind es zumeist arabische Suren; die Verse erinnern mitunter aber auch an den oder die Toten.

Das Singen in der Gruppe ist ein wichtiges Trauerritual und stärkt die Gemeinschaft. Bei der Beurteilung der so eingesetzten Musik mahnt Raimund Vogels allerdings zur Vorsicht: „Man spielt zwar Musik, die gilt aber gar nicht als Musik, weil es eher um schöne, religiöse Rezitation geht. Musik ist im Islam anders definiert, und zwar durch ihren Zweck. Musik ist für sich genommen Unterhaltung. Wenn es hingegen wie in der Trauerzeit um gesungene Koranverse geht, gilt dies nicht als Musik, sondern als religiöse Rezitation – auch wenn es für uns musikalisch klingt. Unsere Kategorien zur Beurteilung, was Musik ist, greifen hier also nicht.“

Gläubige Juden kennen in fast jeder Phase des Abschiednehmens ritualisierte Gesänge, teilweise werden auch Gebete als Gesang vorgetragen. Musik an sich ist allerdings bei der Beerdigung nicht erlaubt, um nicht von der traurigen Realität des Todes abzulenken. Auch hier gilt also: Nicht alles, was sich für uns musikalisch anhört, ist Musik in unserem Sinne. In der mehrwöchigen Trauerphase hat Musik ebenfalls keine nennenswerte Relevanz. Wie für die jüdische Kultur üblich, wird die Trauerzeit stattdessen von stillem Gedenken, Frömmigkeit und eingeschränkten Alltagstätigkeiten geprägt.

So vielfältig die kulturelle und religiöse Landschaft Asiens, so unterschiedlich ist dort der Gebrauch von Musik in Trauerritualen. Bei Hindus in Afghanistan oder auf Sri Lanka etwa wird Musik nur in Begleitung von Gebeten für Verstorbene eingesetzt. Tamilen in Sri Lanka tragen nach alter Tradition Gebete in festgelegter, gesungener Form vor. In diesen Gesängen einiger weniger Frauen oder Männer geht es häufig um den Weg der Seele zu Gott und um deren Vereinigung. Bei buddhistischen Trauerritualen in Japan wird fast ganz auf Musik in jeglicher Form verzichtet. Auch hier tragen Mönche jedoch ab und an gesungene Gebete – sogenannte „Kyo“ – vor. Bei thailändischen Buddhisten hingegen sind Beerdigungen mitunter (vermeintlich) festliche Anlässe mit feierlicher Musik und Feuerwerk. Der fröhliche Umgang rührt unter anderem daher, dass die Seele in der buddhistischen Vorstellung nach dem Tod in einem neuen Geschöpf wiederkehrt und nicht von dieser Welt verschwindet. Bei der Beurteilung der vermeintlichen Fröhlichkeit buddhistischer Bräuche ist laut Raimund Vogels jedoch Vorsicht geboten: „Es ist schwer, interkulturell nach Kategorien wie Freude oder Trauer zu urteilen, da dies in anderen Kulturen einfach ganz andere Hintergründe haben kann. Verlust ist wohl immer in der Welt ein negatives Gefühl. Musik aber ist kein Träger von Emotionen, die Emotionalität ist stets aus der Situation heraus bedingt und wird ihr von den Menschen zugeschrieben.“

Eine ähnlich positiv anmutende Stimmung wie in Thailand findet man auch in vielen Regionen Afrikas. In Südafrika etwa gilt der Tod bei vielen Menschen als ein Moment der Traurigkeit, der mit Liedern und Tanz zelebriert wird. Die Menschen feiern damit das Leben und das Andenken an den Verstorbenen. Im katholischen Teil des Kongo macht man bei Trauerfeiern ebenfalls viel Musik – und zwar möglichst laut. Ehrfurchtsvolle Stille würde für viele Trauernde den ohnehin unangenehmen Verlust einer geliebten Person noch verschlimmern. Diese „fröhliche“, lebhafte Stimmung steht im ersten Augenblick im Widerspruch zur christlichen, eher bedächtigen Atmosphäre bei Trauerfeiern. Vogels sieht in dieser Form der Trauerarbeit allerdings sehr große Parallelen zum Katholizismus, da dort der Wiederauferstehungsgedanke eine große Rolle spiele. Auch hier ergebe sich die bisweilen heitere Stimmung teilweise aus dem Glauben an die Wiederkehr des Verstorbenen.
Für den Musikethnologen ist wichtig, dass auch in Afrika Musik eher als Teil eines Ritualkatalogs gesehen wird und nicht explizit als Unterhaltung. „Es gibt festgelegte Instrumente und festgelegte Ritual- und Musikfolgen.“ Wenn jemand Musik im Rahmen eines Totenrituals spiele, gelte dies daher nicht als Musikaufführung, sondern als Aufführung eines Totenrituals mit entsprechender klanglicher Untermalung.

Neben diesen religiös geprägten Zeremonien finden sich auf der Welt aber noch weitere spezielle Trauer- und Gedenkrituale, bei denen Musik eine tragende Rolle spielt. Eines der wohl bekanntesten Feste dieser Art ist der „Dia de los muertos“ in Mexiko. Dieser „Tag der Toten“ Anfang November hat mit seinem fröhlichen Charakter wohl indianische Ursprünge. Es heißt, die Verstorbenen kämen an diesem Tag aus dem Jenseits zu Besuch. So nähmen sie wieder am Leben der Hinterbliebenen teil. Dies erzeugt bei den Feiernden Trost und eine positive Grundstimmung. Um Mitternacht werden die Seelen wieder ins Reich der Toten verabschiedet – und der „Tag der Toten“ geht mit viel Tanz und Musik zu Ende.

In New Orleans feiern die Menschen ein weiteres einmaliges Trauerritual – die „Jazz Funerals“. Zu Ehren eines Toten spielen Marching Bands öffentlich Jazz, Big Band Jazz und Brass Band Funk. Oft sind es Musiker oder Mitglieder von Faschings- und Geselligkeitsvereinen, die mit einem solchen Marsch geehrt werden. Auf dem Weg zur Beerdigung der Verstorbenen ist die Musik oft traurig und getragen, nach der Beisetzung schwingt die Stimmung um auf fröhlichere Stücke. Die kulturellen Hintergründe liegen in Afrika, Frankreich, Spanien und der afroamerikanischen Kultur. Mit zunehmender Säkularisierung in den USA wurden die Jazz Funerals aber auch über die afroamerikanische Gemeinde hinaus beliebter.

Philipp Strunk

Empfehlenswerte Literatur zu Trauerritualen:

Petra Dimler-Wittleder: Der Umgang mit dem Tod in Deutschland – ein Vergleich des jüdischen, christlichen und moslemischen Glaubens. Münster: LIT 2005
Markwart Herzog & Norbert Fischer: Geschichte und Zukunft des Umgangs mit Verstorbenen. Stuttgart: Kohlhammer 2001
Georg Schwikart: Tod und Trauer in den Weltreligionen. Gütersloh : Gütersloher Verl.-Haus 1999

2017-10-24T20:18:56+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|