Sanft und obszön

Das Leben und Sterben der Amy Winehouse – vom “Megastar“ zum „Wrack”

Amy Jade Winehouse gilt als eine der bedeutenden und hochbegabten Sängerinnen ihrer Zeit. Mit ihrer einzigartigen, kräftigen Stimme, ihrem Showtalent und ihrer Begabung, Songs zu schreiben, besaß die charismatische Sängerin alles, um ein Weltstar zu werden.

Geboren wurde sie am 14. September 1983 als Kind einer englisch-jüdischen Familie in der Nähe von London. Im Alter von 13 Jahren lernte sie Gitarre zu spielen und komponierte schon bald ihre ersten eigenen Songs. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr probierte sich Amy in den unterschiedlichsten Musikgenres aus, fasziniert von einigen Jazzgrößen wie Dinah Washington, Ella Fitzgerald, Frank Sinatra und Ronnie Scott. Mit 16 Jahren unterschrieb sie ihren ersten Plattenvertrag bei Island/Universal und trat als professionelle Sängerin auf. Nach einer zehnjährigen wilden Karriere, begleitet von etlichen Eskapaden, Ehedramen, Entzügen und Negativschlagzeilen, starb Amy Jade Winehouse 2011 an einer Alkoholvergiftung in ihrem Apartment in London. Sie wurde nur 27 Jahre alt.

Doch worin besteht der Zauber, der von Amy ausgeht? Was genau hat sie eigentlich so unvergesslich gemacht?

Im Internet kursiert eine von Amy interpretierte Coverversion des Beatles-Songs „All my loving“. Zu hören ist die rebellische Amy, die mit ihrer Musik so viele Dinge aus ihrem Leben verarbeitete und oftmals sehr vulgäre und provozierende Texte schrieb. Sie singt eine überaus intime und liebevolle Ballade. „Close your eyes and I’ll kiss you, tomorrow I’ll miss you. Remember I’ll always be true…“. Begleitet von einer weichen Jazzgitarre gibt Amy eine groovigere Version des einst so bekannten Liebesliedes zum Besten. Sie baut langgezogene Vokale in einem fast unangenehm quäkenden Sound ein, die innerhalb der Phrasierung noch gesteigert werden. Doch der Sound ist ehrlich und authentisch – man glaubt Amy jedes gesungene Wort, und auf einmal scheint sie frei von jeglicher Obszönität und nur noch sensibel und einfühlsam zu sein.

Im Jahre 2003 erschien ihr Debütalbum „Frank“, eine lässige Verschmelzung aus Soul, Blues, Jazz, Hip Hop und Pop mit insgesamt zwölf Titeln, in denen Amy unter anderem Ereignisse aus ihrem Leben verarbeitete. In dem Song „Stronger than me“ rechnete sie mit ihrem Ex-Freund ab, von dem sie sich kurz zuvor getrennt hatte. Sie stellte ihn als Weichei dar und warf ihm vor, dass er ein „Ladyboy“ sei. Als Amy neun Jahre alt war, hatten sich ihre Eltern scheiden lassen. „What is it about men“ verarbeitete diese Erfahrung. Amy unterstellte darin, die Trennung sei verantwortlich für ihren Umgang mit Männern.

Das Album „Frank“ war ein voller Erfolg, belegte die Spitzenposition der britischen Charts und erreichte Platin. Für die damals erst 19-jährige Amy war damit der Karriereweg geebnet, und es folgten unzählige Auftritte bei Festivals oder sonstigen Events und Tourneen. Die Sängerin wurde schnell zum Liebling der Boulevardzeitungen, glänzte darin aber mehr mit Alkohol und Drogeneskapaden als mit ihrer Musik.

Wir erinnern uns an ihren autobiografischen Song „Rehab“, in dem Amy von den ihr aufgezwungenen Entzügen singt, gegen die sie sich stets gewehrt hatte. „They tried to make me go to rehab and I said no, no, no …“ Der Song stammte aus ihrem zweiten Album „Back to Black“, das Amy im Oktober 2006 veröffentlichte. Kurz zuvor hatte sie in einer Bar in der Nähe von London ihren späteren Ehemann (und noch späteren Exmann) Blake Fielder-Civil kennen, zu dem sie bis zu ihrem Tod eine wechselhafte und unstete Verbindung pflegte. Nach einer kurzen Liaison verließ er sie schon früh, und Amy stürzte sich in einen Drogenrausch nach dem anderen. Blake Fielder-Civil hatte zu der Zeit schon selbst einige Drogenentzüge hinter sich und war vor allem für den Missbrauch und den Verkauf von harten Drogen wie Heroin, Kokain und Exstasy bekannt. Nach Amys Tod behaupteten ihre Familie und einige Freunde, dass Blake verantwortlich gewesen sei für Amys ungezügelten Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Amy war sexy, stellte ihren Körper aber nicht wie andere Popstars aus. Sie schrieb obszöne Texte, komponierte aber sanfte Melodien. Sie war klein und zierlich, sang aber wie eine große afroamerikanische Frau. Diese Gegensätze zogen sich wie ein roter Faden durch ihre Musik und durch ihr Leben und trugen zu ihrem „Zauber“ bei.

Insgesamt durchlief Amy eine sechs Jahre andauernde Metamorphose – eine tragische Verwandlung vom „Mega-Superstar“ zur „Junkie-Drama-Queen“ und letztlich zu einem totalen „Wrack“.

Our day will come (Our day will come)/ And we’ll have everything / We’ll share the joy (We’ll share the joy)/ Falling in love can bring.
(Hidden Treasures, 2011)

Clara-Liliane Strutz

2017-10-24T20:33:47+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|