Schaurig schön

Musiker schaffen besondere Rituale, um sich von Verstorbenen zu verabschieden

Ob Meister der großen Bühnen oder Mitglieder einer Schützenfestkapelle – Musiker verbinden Menschen. Man denke nur an den Song, bei dem man mit seinem Herzblatt tanzt, oder an das Konzert, das einen in einer bestimmten Phase des Lebens besonders berührt hat. Es ist nicht nur die Musik allein, die Erinnerungen schafft. Es sind die Menschen, die die Musik zum Leben erwecken.

Wenn nun ein Musiker seine Bühne für immer verlässt, entsteht eine Lücke. Ob man den Musiker persönlich gekannt hat oder nicht, spielt eine untergeordnete Rolle. Die Menschen trauerten um Michael Jackson, Amy Winehouse, Prince, Roger Cicero und Kurt Masur, obwohl die meisten sie nie getroffen hatten. Vermutlich ist es dem emotionalen Wert der Musik geschuldet, dass deren Interpreten uns ebenso nah erscheinen wie die individuellen Momente, die wir mit ihrer Musik erlebt haben. Musiker begleiten, inspirieren und bewegen uns im Innersten.

Wenn sie uns aber auch noch persönlich nahestanden, wird der Abschied von Musikern zu einem besonderen Ereignis, das auch besonders gestaltet sein will. Was alles möglich ist, erklärt der hannoversche Bestatter Sven Friedrich Cordes. So können die Angehörigen für die Trauerfeier zum Beispiel Opernsänger engagieren, einen Organisten bestellen oder sich eine bestimmte Musik vom Band wünschen. Doch eines findet Sven Friedrich Cordes unschlagbar: „Selbst zu musizieren ist erste Wahl, dies ist auch eine der ersten Fragen im Beratungsgespräch.“ Auf diese Weise wollen die Angehörigen eines Musikers ihm in ihrer gemeinsamen Sprache eine letzte Ehre erweisen. Dies fördert Sven Cordes bei der Planung, denn Musizieren sei eine Möglichkeit, sich mit Trauer aktiv auseinanderzusetzen. Statt den Auftritt am Sarg als emotionale Belastung, als Bürde zu empfinden, sähen Musiker es als Privileg an, einen gestalterischen Beitrag zum Abschied leisten zu dürfen.

Doch woher kommt die Kraft dafür? „Musiker sind mutig, und sie sind Macher, sie wollen etwas Persönliches mitgeben und keine Dienstleistung einkaufen. Es ist ihre Art des Ausdrucks.“ So nehmen sie Anteil und sind zugleich anderen eine Stütze. Gleichwohl ist die Situation für die Trauergäste ambivalent. Zum einen wird der Stein auf der Brust schwerer, weil Menschen in Trauer extrem sensibel auf Musik reagieren. Auf der anderen Seite ist das gemeinsame Spiel richtig und wichtig für die Trauerbewältigung. Es ist so, wie die Prinzen 1992 einen ihrer Songs tauften: „Schaurig traurig“. Schaurig-schön und tieftraurig zugleich. „Wir hatten neulich den Fall, dass jemand verstorben ist, der zu einem Saxophontrio gehört hatte. Bei der Trauerfeier spielten die beiden anderen allein, und eine Stimme fehlte hörbar. Das klang super schräg, aber es hat auf wunderschöne Art und Weise die Lücke symbolisiert, die dort nun entstanden ist“, erinnert sich Sven Cordes.

Die besondere Solidarität in Musikerkreisen schlägt sich auch in der Größe der Trauergemeinden nieder. Andere Bestattungen und Trauerfeiern sind heute zunehmend schlechter besucht, was mit der veränderten Wahrnehmung kirchlicher Rituale zu tun hat. Weil aber die Musik Menschen auch sozial zusammenschweißt, steht man sich gegenseitig bei, und dies noch Jahre nach dem Tod.

Diese Verbundenheit zeichnet auch öffentliche Gedenkkonzerte für die Großen der Musikszene aus, wenn aus dem unmittelbaren Abschied eine „Tibute“-Veranstaltung geworden ist. So lag im Mai 2014 bei einem Gedenkkonzert eine Rose auf dem Dirigentenpodest, auf dem einst der berühmte italienische Maestro Claudio Abbado vor den Berliner Philharmonikern gestanden hatte. Die erste Hälfte des Konzertes spielte das Orchester ohne Dirigent. Auch in Luzern, wo Abbado durch die Gründung mehrerer Orchester viele musikalische Spuren hinterlassen hatte, gedachte man seiner mit einer solchen Geste. Sein Lucerne Festival Orchestra (LFO) spielte Schuberts „Unvollendete“ ohne den Dirigenten, mit dem es noch im letzten Programm aufgetreten war. Anschließend dirigierte Andris Nelsons das Konzert weiter. Andreas Richter, der 2007 bis 2013 Intendant des LFO-Ablegers „Mahler Chamber Orchestras“ war, gewährte durch einen Beitrag im Berliner „Tagesspiegel“ Einblick in seine Gefühlswelt bei diesem Gedenkkonzert: „Natürlich war das für alle hochemotional, Trauer und Dank, Verlust und Staunen über dieses wunderbare Orchester mischten sich in allgemeiner Überwältigung. Und auch das ,danach‘, als man nicht wusste, ob Beifall hier passt – sicher ja als Dank an die Musiker, aber doch nicht im Gefühl der Trauer – die Stille, die sich dann im Saal ausbreitete, war ein kostbarer Moment der Gemeinsamkeit, den Andris Nelsons hielt. Ein Vom-Podium-Gehen-Wollen, aber Bleiben-Müssen, sich dann ganz bescheiden in die Reihe der Pulte einzuordnen – Nelsons traf instinktiv, was der Moment gebot.“

„Musik kommt aus der Stille und endet in ihr.“ So hat es Dirigent Daniel Barenboim einmal für den Beginn und das Ende eines Stückes formuliert, doch das lässt sich auch auf einen größeren Kontext übertragen. Die Stille steht wie im Beispiel zuvor für etwas Gemeinsames, eine Schweigeminute, die ein gewöhnliches Konzert von einem Gedenkkonzert unterscheidet. Zugleich wird durch die Musik aus dem traurigen Abschied ein neues, wertvolles Ritual. Gedenkkonzerte werden wiederholt, zum Beispiel zum Todestag oder Geburtstag. Dies betrifft nicht nur Musiker, sondern auch andere Personen des öffentlichen Lebens oder historische Ereignisse, wie das „Concert for Diana“ im Andenken an Lady Diana oder die Gedenkkonzerte zum Mauerfall.

Dass in unserer Gesellschaft alte Rituale von neuen abgelöst werden, hat auch Sven Cordes feststellen können: „Die Gesellschaft trägt Rituale, aber wenn keiner sie mehr versteht, muss man sich neue suchen.“

Marie-Christine Drunat

2017-10-24T19:06:11+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|