Universelles Tableau

Ein Gespräch mit dem Regisseur Miguel Alexandre über seinen Udo-Jürgens-Film „Der Mann mit dem Fagott“

Die meisten Filmbiographien über Musiker, wie „I Walk the Line“ (Johnny Cash), „Ray“ (Ray Charles) oder „Amy“ (Amy Winehouse), werden erst post mortem produziert. Oftmals wollen sie über die Tragik des jeweiligen Künstlers aufklären, und Legenden werden dabei sowohl neu gebildet als auch zerstört. Im Falle des TV-Dreiteilers „Der Mann mit dem Fagott“ (2011) arbeitete der Musiker jedoch selbst mit an der Produktion des Films: Udo Jürgens schuf die Buchvorlage zum Film, der die Geschichte seiner Familie behandelt. Regisseur Miguel Alexandre berichtet von der Zusammenarbeit mit dem 2014 verstorbenen Musiker und erklärt, warum Udo Jürgens für den Film unabdingbar war.

Saitensprung: Herr Alexandre, wie kam es dazu, dass Sie aus dem Buch „Der Mann mit dem Fagott“ von Udo Jürgens und Michaela Moritz einen Film machen wollten?
Der Roman hat mich von der ersten Zeile an gefesselt. Mich hat sofort die sehr narrative, visuelle Sprache angesprochen – und die Emotionalität, mit der der Roman geschrieben ist. Es hatte dadurch etwas Filmisches. Nach 30 Seiten wusste ich, dass ich das Erzählte unbedingt in einen Film verwandeln möchte – weil ich darin die Möglichkeit sah, im Prinzip eine Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts zu erzählen, anhand der Familiengeschichte von Udo Jürgens. Für mich war ganz entscheidend, dass das Buch über das einzelne Schicksal hinauswies und die Möglichkeit zu einem größeren, universellen Tableau bot, das über 120 Jahre europäischer Historie umfasste.

Was waren dann die ersten Schritte hin zum fertigen Drehbuch?
Die Schwierigkeit bestand darin, die richtige Auswahl zu treffen. Denn der Roman beinhaltet so viele verschiedene Figuren, und Film funktioniert ja anders als ein Roman. Man muss das Gefühl erzeugen, dass die Figuren eine Reise machen, bei der sie etwas lernen und sich verändern. Insofern musste ich in dem Roman den inhaltlichen Faden finden, der alles zusammenhält und dem die Figuren folgen. Und da wurde mir klar, dass es drei Figuren in dem Roman gibt, die auf eine ganz besondere Weise miteinander verbunden sind: Udo Jürgens’ Großvater, Udo Jürgens’ Vater und Udo Jürgens selbst. Damit hatte ich den Schlüssel für die Drehbuchadaption. Es ging ab diesem Zeitpunkt darum, die drei Erzählebenen so miteinander zu verweben, dass sie sich gegenseitig befruchten.

Ab wann hat Udo Jürgens dann selbst mitgearbeitet?
Mir war sofort klar, dass die Verfilmung der Geschichte einer Legende, die noch lebt, nur gelingen kann, wenn man diese Legende – also Udo Jürgens – als Quelle an seiner Seite hat, die man anzapfen kann. Deshalb habe ich Udo von Anfang an signalisiert, dass ich diesen Film so machen will, dass wir alle gemeinsam dahinter stehen können. Die anschließenden Gespräche mit Udo waren mir sehr wichtig, um herauszufinden, wie sich die Situationen für ihn und seine Familie angefühlt haben. Es folgten dann zahlreiche Arbeitstreffen mit Udo Jürgens, seiner Roman-Co-Autorin Michaela Moritz, meinem Co-Autor Harald Göckeritz und mir. Es sind diese Drehbuchgespräche, die ich als das Beglückendste erlebt habe und immer in mir tragen werde, weil wir in deren Verlauf zu engen Freunden wurden.

Wie kann man sich so ein Arbeitsgespräch vorstellen?
Ich habe dabei eine Methode angewendet, die ich zuvor noch nicht praktiziert hatte: Ich habe Udo Jürgens und Michaela Moritz jede Drehbuchfassung von der ersten bis zur letzten Zeile vorgelesen. Das tat ich, nachdem ich bemerkt hatte, dass es sehr viele Irritationen auf Udos und Michaelas Seite nach der Lektüre der allerersten Fassung gab. Irgendwann wurde mir klar, womit die meisten dieser Irritationen zusammenhingen: Beide hatten keine Erfahrung im Drehbuchlesen, was ja eine ziemlich technische Art und Weise des Schreibens ist. Und sie haben viele Dinge ganz anders interpretiert, als sie tatsächlich filmisch gemeint waren. Daraufhin machte ich den Vorschlag, ihnen jeweils alles vorzulesen, um diesen Missverständnissen von vornherein aus dem Weg zu gehen. Und so zogen wir uns jeweils – bei jeder Fassung – für eine Woche gemeinsam zurück. Zu viert. Es war die tollste Art des Arbeitens, die ich jemals erlebt habe. Sehr konzentriert und trotzdem locker. Erstaunlicherweise kamen die besten Ideen immer dann zustande, wenn wir abends mit der Arbeit fertig waren und gemeinsam essen gingen. Das wurde von Udo sehr zelebriert, das hat er besonders geliebt – mit Freunden an einem Projekt arbeiten und es sich dabei richtig gutgehen lassen. Das war eine sehr kluge Eigenschaft von ihm, denn bei diesen Abendessen waren alle entspannt, und wir ließen die Gedanken des Tages Revue passieren. Dabei sind die spannendsten Ideen entstanden – wie z.B. die Rahmenhandlung für die Geschichte zu schaffen, die in der Gegenwart spielt und in der Udo nach Moskau fliegt, um die Figur des Mannes mit dem Fagott nach Hause zu holen.

Haben Sie mit „Der Mann mit dem Fagott“ bereits die Filmbiographie für Udo Jürgens geschaffen, oder sollte dem Musiker noch ein Film gewidmet werden, der sich noch spezifischer auf seinen Werdegang bezieht?
Ein reines Udo-Jürgens-Biopic könnte natürlich noch viel mehr Details seines Werdegangs erzählen. Aber ich glaube, dass „Der Mann mit dem Fagott“ das Wesentliche enthält: Udo Jürgens hat bereits Mitte der fünfziger Jahre Lieder machen wollen, die vom Alltag der Menschen handeln. Zu dieser Zeit gab es aber keinen Realismus in den Liedern, sondern nur Eskapismus – Italien-, Seemanns- und Cowboylieder. Er besann sich da auf den Rat seines Großvaters, seinen eigenen Weg zu gehen. Insofern stellt „Der Mann mit dem Fagott“ einen viel größeren Zusammenhang her, als es ein reines Biopic jemals könnte.

Zum Abschluss noch eine Anekdote von Ihrer Arbeit am Film?
Eine besondere emotionale Bedeutung für mich hat die Entstehung der Szene, in der der kleine Udo seinem Vater die erste eigene Komposition „Valse Musette“ vorspielt. Endlich, nach Monaten des Kennenlernens und der Arbeit an dem Drehbuch, standen wir bei Udo im Wohnzimmer seiner Villa in der Nähe von Zürich. An seinem berühmten gläsernen Flügel. Und endlich konnte ich ihn bitten, mir diese Melodie, die ich mir in meinem Hirn schon Dutzende Male ausgemalt hatte, vorzuspielen. Udo setzte sich ans Klavier und spielte die „Valse Musette“. Zum ersten Mal seit über 60 Jahren. Für mich. Mir standen die Tränen in den Augen, so berührt war ich von der Klarheit dieser Komposition. Ich bat ihn, es nochmals zu spielen, und machte eine Tonaufnahme mit meinem Smartphone – damit war ich einziger Besitzer dieses Stückes, denn es gab keinerlei Aufnahme davon. Ich beschloss, diesem Stück eine zentrale Rolle in der Filmmusik zuzuweisen. Außerdem musste das Stück unbedingt von Kinderhänden gespielt werden. So bat ich meinen Sohn, die Hände des kleinen Udos in der Szene zu doubeln und das Stück zu spielen. Udo stand daneben, hört zu und klopfte ihm nach der Szene begeistert auf die Schulter.

Das Gespräch führte Sarah Wahnelt

Miguel Alexandre ist Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann. Seit dem Abschluss seiner filmischen Ausbildung an der Hochschule für Fernsehen und Film München ist er rege in der deutschen TV- und Kinolandschaft tätig. Zu seinen aktuellen Filmen gehören Produktionen aus der Reihe „Der Kommissar und das Meer“.

2017-10-24T19:11:24+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|