Weiße Seelen im schwarzen Raum

Das Leipziger Ballett zeigt Mozarts Requiem als artistischen Totentanz

Das unterschiedlich schnelle Klicken der Metronome kommt aus allen Richtungen, sonst ist es totenstill im Saal. Auf der Bühne schweben die Tänzer der Leipziger Staatsoper wie Engel in weißen Kostümen, bewegen sich im Schlag der Metronome wie Sklaven der Zeit. Plötzlich, dieser Punkt, an dem alle Metronome auf denselben Schlag treffen – nur einen kurzen Moment lang, dann streben die Schläge der Metronome wieder auseinander, jedes in seinem eigenen Takt. Als die Musik einsetzt, ist es, als erlöse sie den Zuschauer aus den Fängen der Zeit, die hier ein wichtiges Thema zu sein scheint. Mozarts Requiem beginnt mit dem crescendoartig anschwellenden Introitus, der sich wie ein Tiefes Ein- und Ausatmen immer wieder anspannt und im Forte Fortissimo entleert. Die für Mozart ungewohnte Ernsthaftigkeit des Requiems zeigt, dass es hier um etwas Existenzielles geht: um Leben und Tod.

Mozart sei über dem Werk gestorben, heißt es. Er habe mit dem Requiem seine eigene Totenmesse geschrieben. Gerade das hat den Choreographen Mario Schröder inspiriert: das Ausleben der Kunst bis zum Schluss, das exzessive Künstlerleben bis zum Tod. Auch deshalb ist die Aufführung immer wieder von musikalischen Pausen durchzogen, in denen Chordirektor und Schauspieler Allesandro Zuppardo mal hinter der Bühne im Schatten, mal auf der Bühne im Rampenlicht Zitate des Dichters und Regisseurs Pier Paolo Pasolini mit tiefer Stimme vorträgt. Neben Mozart war auch Pasolini ein leidenschaftlicher Künstler bis zu seinem Lebensende.

Fast durchgehend präsentiert das Leipziger Ballett in der nur knapp siebzigminütigen Aufführung sich schnell abwechselnde Bilder, die durch Gruppenchoreographien geprägt sind. Ein Mann hält seine sterbende Frau in den Armen, Körper bäumen sich gegen den Tod auf, weiße Seelen segeln durch den schwarzen Raum, eine schwarze und eine weiße Seele kämpfen um den Körper einer Toten. Es sind dunkle und gewaltige Bilder, die das Überirdische und Phantastische thematisieren, aber auch das Zwischenmenschliche, wie die Begleitung eines Sterbenden. Die rasanten Auf- und Abgänge der häufig synchron getanzten Choreographien wirken fast artistisch, sodass die Pasolini-Zitate für das Ballett wie für das Publikum eine willkommene Möglichkeit zum Durchatmen sind.

Und immer wieder spielt die Zeit eine große Rolle: Das Ballett tanzt wie die Zeiger auf einem Ziffernblatt, ein Tänzer läuft im Kreis, als versuche er, gegen die Zeit anzukommen. „Lebender: Wie fern die Zeit! Toter: Nah ist sie, du bist toter als ich! Sie ist nah. Der stille April lässt die Blumen erblühen auf deinem frischen Grab“, zitiert Zuppardo den Dialog „Lebender – Toter“, ein Gedicht Pasolinis.

Zum harmonisch startenden letzten Teil des Requiems Lux Aterna – cum sanctis tuis scheint es nach den vielen starken Auftritten des Balletts so, als könnten die vorherigen Bilder nicht mehr übertroffen werden. Doch passend zum Text des Requiems „Ewiges Licht leuchte ihnen, Herr“ überschreitet ein Paar die Grenze zwischen den Welten der Lebenden und der Toten und setzt mit dem letztmaligen Crescendo des Gewandhausorchesters und dem vollzähligen Leipziger Ballett ein alles übertreffendes Schlussbild, das den Ballettabend gut zusammenfasst. Mit dem Spagat zwischen künstlerischer Tiefe und artistischer Show hat Mario Schröder hohe Ansprüche an sein Ballett und das Publikum gestellt. Ein gewagter Balanceakt, der allerdings auch die Gefahr birgt, dass zugunsten der großen Show die große Kunst zuweilen in den Hintergrund tritt.

Bruno Schubert

2017-10-24T20:13:14+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|