Wenn Hören und Sehen vergehen

Körperliche Veränderungen machen Musiker im Alter zu schaffen. Es muss aber nicht jeden erwischen.

Beeinträchtigungen in Bewegung und Feinmotorik, Funktionseinschränkungen bei Gehör und Sehen – Studien zum Alterungsprozess können gerade jungen Musikern manchmal ziemlich Angst machen. „Saitensprung“ hat mit einem ehemaligen Orchestermusiker über körperliche Veränderungen gesprochen, die nicht ausbleiben, wenn man älter wird und Musiker mitunter besonders treffen.

Der Beruf des Orchestermusikers – gewählt aus Leidenschaft zur Musik und Freude am gemeinsamen Musizieren. Aber was heißt gewählt? Schon in der Kindheit muss man mit dem Instrument beginnen und sich parallel zum Schulabschluss auf die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule vorbereiten. Dort muss man dann nicht nur sein Instrument beherrschen, sondern auch verschiedene musiktheoretische Prüfungen bestehen. Aber auch wenn man einen der begehrten Plätze bekommt, heißt es noch lange nicht, dass man nach dem Studium auch eine Stelle in einem der gegenwärtig 131 deutschen Kulturorchester erhält. Es bewerben sich immer enorm viele Absolventen auf die wenigen Vakanzen. Hat man aber einmal einen Platz in einem Orchester ergattert, ist man quasi unkündbar.

Das klingt so, als sei das Orchester ein guter Ort zum Altern: Man macht sein Leben lang Musik, ist sozial eingebunden und hat sogar Kündigungsschutz. Auf der anderen Seite herrschen im Orchester aber auch ein hoher Leistungsdruck und oftmals enorme akustische Belastungen. Diese können Schädigungen des Gehörs verursachen. Allgemein sind Hören und Sehen die sensorischen Funktionen, die im Alter am häufigsten nachlassen. Für einen Orchestermusiker sind Altersschwerhörigkeit und Probleme bei der Lokalisierung von Geräuschquellen besondere Berufsrisiken. Denn Musiker müssen auch in leisen Passagen die anderen Instrumente gut hören, immer perfekt zusammenspielen und die Ansagen des Dirigenten verstehen.

Auch die Augen können einem Orchestermusiker besonders zu schaffen machen: Verminderte Sehschärfe und Kontrastwahrnehmung erschweren das Notenlesen, und eine verzögerte Schärfeeinstellung kann zu Problemen führen, wenn es gilt, schnell zwischen Dirigent und dem Notenblatt zu wechseln. 60-Jährige verfügen beispielsweise nur noch über 74 Prozent der Sehschärfe von 20-Jährigen, schreibt Thomas Schmidt-Ott in dem von Heiner Gembris herausgegebenen Buch „Musik im Alter“. Hinzu kommen die altersbedingte Abnahme der Körper- und Muskelkraft, eine verminderte Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit und Koordination, nachlassende Reaktionsgeschwindigkeit, eine Verlangsamung von Lernprozessen sowie das Nachlassen der Gedächtnisleistung. Diese Verschleißerscheinungen treffen alle Menschen, belasten Orchestermusiker aber mehr als andere, da sie kognitiv und körperlich sehr fit sein müssen: Ununterbrochen heißt es, neue Stücke zu lernen, sich an Absprachen zu erinnern, lange Konzerte und Opernaufführungen zu spielen, Bewegungsabläufe schnell zu koordinieren und auch auf kleine Andeutungen des Dirigenten zu reagieren.

Nun muss es nicht jeden Musiker „erwischen“. Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, soziale Eingebundenheit, kognitive Beanspruchung und ein aktiver Lebensstil können dazu beitragen, dass Menschen lange körperlich und geistig gesund bleiben. Das Thema Altern ist im Orchester trotzdem ein Tabu-Thema. Das ist auch verständlich. Wer gibt schon gerne vor jüngeren Kollegen, dem Stimmführer oder gar dem Dirigenten zu, dass nicht mehr alles so einfach klappt wie früher? Einen interessanten Einblick in diese Thematik bietet die empirische Studie „Älter werden im Orchester“, die Heiner Gembris und Andreas Heye 2012 an der Universität Paderborn vorgelegt haben.

Für den „Saitensprung“ hat sich Geoffry Wharton bereit erklärt, über körperliche Veränderungen zu sprechen. Er war Geiger im Gürzenich-Orchester Köln, unterrichtet mit 67 Jahren immer noch und spielt regelmäßig Kammermusik. Grundsätzlich hält Geoffry Wharton die Bewegungsabläufe der Streicher für unbedenklich. Bei der Geige sei eher die Haltung des Instrumentes das Problem. Kollegen, die von Anfang an keine gute Haltung hätten, bekämen dann im Alter häufiger Schmerzen, berichtet Wharton. Bei ihm war das nicht so. Tage an denen es gut geht, und Tage, an denen es nicht so rund läuft, habe man in jedem Alter. Bläser hätten im Alter allgemein mehr Probleme. Wenn mit den Jahren die Lippenspannung nachlässt und der Ansatz schwerer wird, kommt es bei den Holzbläsern häufiger zu Intonationsproblemen und auch bei den Blechbläsern zum „Kieksen“.

Mehr Probleme als mit der Körperhaltung hat Geoffry Wharton mit den Augen. Aber auch die nimmt er eher mit Humor. Er ist kurzsichtig, doch mit zunehmendem Alter kam auch Weitsichtigkeit dazu. „Der Raum, in dem ich gut sehen kann, wurde immer kleiner. Manchmal war der Dirigent dann unscharf, aber das ist ja nicht so schlimm“, meint er lachend. Manche Dirigenten wolle man gar nicht immer so gut sehen.

Beeinträchtigungen des Gehörs wiegen da schon schwerer. 30 bis 40 Prozent der Orchestermusiker leiden laut verschiedenen Studien unter Gehörschäden. Gerade seine Kollegen, die nah an den Blechbläsern oder direkt vor der hohen Piccoloflöte sitzen, beklagten sich über die lauten Geräusche, sagt Wharton. Doch auch als Geiger habe man sein Instrument schließlich direkt am Ohr und beschalle sich selbst die ganze Zeit – so schön die Melodien auch sein mögen.

Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit bereiten Geoffry Wharton wiederum weniger Sorgen. Zwar brauche er heute länger als früher, wenn er neue Stücke einstudiere, doch durch seine langjährige Erfahrung und sein gefestigtes Repertoire werde das Üben in gewisser Weise auch leichter: „Am Anfang kannte ich kaum Stücke. Gerade in der Oper sind das ja ziemlich dicke Hefte und ich war stundenlang damit beschäftigt, dieses Opernrepertoire zu lernen. Nach einiger Zeit kennt man aber die gängigen Werke, und man hat dann mehr Zeit zum Erlernen neuer Stücke. Deshalb hat sich das bei mir im Alter ausgeglichen.“

Ilka Roßbach

2017-10-24T19:04:25+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Sterben und Tod|