7 Uhr: Duschen und Musik vom Tablet

Finden wir Stille in unserem Alltag? Suchen wir Orte der Lautlosigkeit oder meiden wir sie absichtlich? Fehlt uns die Stille überhaupt? Ein Student (konstruktiver Ingenieurbau, 25 Jahre alt) und eine junge Mutter (Lehrerin, 33 Jahre alt) haben sich darauf eingelassen, einen Tag lang für den „Saitensprung“ Protokoll zu führen. Beide haben aufgezeichnet, was sie alles an einem ganz normalen Tag hören, und besonders darauf geachtet, ob und wann sie Phasen von Stille erleben. Hier ihre Aufzeichnungen und Erläuterungen:

Der Student

06:30 – 07:00
Bett – Aufstehen – Wecker überhört, Freundin weckt mich 30 Minuten lang.
07:00 – 07:15
Bad – Duschen – Musik vom Tablet.
07:15 – 07:35
Küche – Frühstücken – Gespräch mit Freundin.
07:40 – 08:00
Fahrradweg zur Uni – Verkehrslärm und Fahrtwind.
08:00 – 13:00
Uni – Vorlesungen hören.
13:10 – 13:50
Mensa – Essen gehen – viel Lärm von anderen Menschen.
14:00 – 14:30
Weg zur Arbeit – unterwegs in der Bahn – Reden, Husten und Niesen von anderen Fahrgästen (…), Bahngeräusche und Durchsagen.
14:30 – 20:00
Büro – Arbeiten – Gespräche mit Kollegen, Telefonate, Tastenanschläge am PC, Radiomusik und Staumeldungen.
20:00 – 20:30
Heimweg – Bahn fahren – noch mehr Husten und Niesen, Durchsagen und Fahrgeräusche, ich telefoniere auf dem Heimweg immer.
20:30 – 21:10
Küche – Abendessen – Musik vom Tablet, Wasserkocher, Kochgeräusche, Gespräche mit Freundin, danach Abwaschen.
21:10 – 22:00
Arbeitszimmer – Arbeit am PC, E-Mails etc. – nebenbei läuft Netflix.
22:00 – 23:00
Bett – Netflix am Tablet.

 

Stille im Alltag habe ich sehr wenig. Möglich wäre sie auf dem Weg zur Arbeit oder zu Hause. Dabei gehe ich der Stille aber aus dem Weg. Sobald ich ins Bad gehe, höre ich Musik. Bin ich in der Küche oder dem Arbeitszimmer, schaue ich nebenbei fern. Bin ich unterwegs, telefoniere ich mit meiner Familie oder Freunden, weil ich dafür endlich Zeit habe. Ich weiß nicht, wieso ich der Stille aus dem Weg gehe. Vielleicht ist es Langeweile, vielleicht komme ich nicht mit Stille klar.
Mein durchschnittlicher Tag fühlt sich laut an (was ja teilweise gewollt ist). Ich bemerke die Last der Lautstärke aber immer erst abends, wenn ich nach Hause komme. Dann macht es mich sehr müde und ich falle ins Bett (neben dem Fernseher).

 

Die Mutter

06:40 – 07:30
Beim Fertigmachen im Bad Musik hören mit dem Handy (YouTube).
07:30 – 08:00
Musik hören während der Fahrt zur Schule (Arbeit) mit dem Handy (meine Playlist).
08:00 – 10:05
Musikunterricht: Hören und Singen von Liedern.
10:05 – 11:25
Vertretungsunterricht: Die Schüler unterhalten sich, singen und hören mit ihren Handys Musik. Ich lasse sie machen, was sie wollen, da es die letzte Stunde vor den Ferien ist.
11:25 – 12:00
Fahrt mit der Bahn: Leute unterhalten sich oder telefonieren mit ihren Handys.
12:00 – 13:00
Termin beim Studienseminar: Gespräch mit dem Seminarleiter.
13:00 – 13:45
Kurzes Treffen mit meinem Freund: Unterhaltung.
13:45 – 15:45
Uni Seminar: Zuvor Treffen mit einer Freundin und gemeinsames Gespräch mit unserer Professorin.
15:45 – 18:00
Ich gehe meine Tochter abholen: Gespräch und Beschäftigung mit meiner Tochter. Fleur guckt ein bisschen Fernsehen.
18:00 – 22:00
Kochabend in der Katholischen Hochschulgemeinde: Gespräche mit vielen Leuten. Es wird Musik gespielt und auch Musik am Klavier gemacht. Vor dem Essen singen alle zusammen.

 

An diesem Tag habe ich wenig Stille gefunden. Ich habe sie aber auch nicht bewusst gesucht oder vermisst. Manchmal fühle ich mich unbehaglich, wenn es still um mich herum ist. Ich bin Geräusche gewohnt. Ich höre viel und gern Musik. Ich tue dies bei den meisten meiner Aktivitäten. Sogar beim Lernen höre ich Taizé-Lieder, da sie mich beruhigen und ich mich besser konzentrieren kann. Da ich eine kleine Tochter habe, ist Stille für mich eher bedrohlich. Wenn kleine Kinder still sind, schlafen sie oder sie machen Unsinn.
Fast alle meine Tage fühlen sich laut an, da ich Lehrerin bin und, wie gesagt, eine kleine Tochter habe. Kinder sind so gut wie nie still; besonders dann nicht, wenn mehrere zusammen sind.
Ich meide die Stille nicht, aber es ist oft einfach nicht möglich für mich, Stille zu finden.

Aufgezeichnet von Zsófia Timár

2017-06-29T13:50:56+00:00 Juni 2017|Kategorien: Stille|