Aufgedreht

In den letzten Jahren habe ich immer und immer wieder festgestellt: Wer Bahn fährt, muss wirklich starke Nerven haben. Neulich auf dem Heimweg bot sich mir wieder folgendes Szenario:
Nach einem langen und anstrengenden Tag sitze ich, wie so oft, in der vollgestopften, überhitzten und viel zu stickigen Straßenbahn. Die Frau hinter mir lässt alle Fahrgäste an ihrem Telefonat teilhaben, eine Tür weiter plärrt ein Kleinkind im Kinderwagen, und schräg gegenüber wummert der Bass aus den Kopfhörern eines Jugendlichen. Gangster-Rap à la Bushido mit dominantem Beat und grimmigen Texten. Wie in Trance starrt der Halbstarke auf sein Smartphone, nickt teilnahmslos im Takt und bemerkt die durchdringenden Blicke der Fahrgäste nicht.
Während mein Adrenalinspiegel langsam aber stetig ansteigt und ich bemüht daran arbeite, meine aufkommenden Aggressionen zu besänftigen, versuche ich freundlich zu wirken und meine Mimik unter Kontrolle zu behalten. Mit mäßigem Erfolg. Die Kiefermuskulatur verkrampft sich und die Nasenflügel blähen sich langsam auf.
Ich wünsche mir Stille. Nichts als Stille. Dem Lärm zu entfliehen und ein Abteil nur für mich zu haben, einfach Stille.
Irgendwann hat der Geräuschpegel meine persönliche Toleranzschwelle deutlich überschritten. Wie gelegen käme mir jetzt ein Knopf, mit dem man die Welt einfach stumm schalten und sie wie einen Stummfilm anschauen kann. Oder eine schalldichte Luftblase, aus der man seine Außenwelt zwar wahrnimmt, an der die ohrenbetäubende Geräuschkulisse aber einfach abprallt. Schön wär’s.
Beherrscht suche ich also in meiner Tasche nach meinem MP3-Player, stecke mir die Stöpsel der Kopfhörer in die Ohren und drehe meinen Lieblingssong laut auf, um den Rest der Bahnfahrt wenigstens halbwegs erträglich zu gestalten.

Lara Sagen

2017-06-29T13:51:37+00:00 Juni 2017|Kategorien: Stille|Tags: |