Die Stille zwischen den Tönen

Ivan Repušić dirigiert Verdis Requiem in der Staatsoper Hannover

Ein Rascheln in der zweiten Reihe, jemand quetscht Papiertaschentücher in eine zu enge Handtasche. Ein leises Hüsteln von hinten links, ein lautes Husten eine Reihe weiter vorne. Jemand niest mit zugehaltener Nase, als wäre das typisch quiekende Geräusch nicht auch deutlich zu hören. Es ist die Komposition der Stille vor dem ersten Orchesterton. Genau genommen eine gemeinsame Bearbeitung der „Stille“ durch den schneidend kalten Winterwind vor dem Opernhaus in Kombination mit der warmen und trockenen Luft im Zuschauersaal, was zu vermehrtem Schleimausfluss beim Konzertpublikum führt. Und jene Ruhe nicht einkehren lässt, auf die der Dirigent und Generalmusikdirektor der Staatsoper Hannover Ivan Repušić seit einigen Sekunden wartet.

Denn die „Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi soll in wenigen Momenten ertönen, eine Herzensangelegenheit des Dirigenten, wie er in der Einführung vor der Vorstellung betont hat. Es wartet ein gewaltiges Konzert, mit vier Solisten, von denen drei internationale Gäste sind, dem Chor sowie dem Extrachor der Staatsoper Hannover und dem Niedersächsischen Staatsorchester, die alle aufgebaut und konzentriert dem Publikum gegenüberstehen und nur auf ein Startzeichen des Dirigenten warten. Auch wenn für die meisten offensichtlich die Musik den Mittelpunkt des Konzertbesuchs bildet, habe ich mir vorgenommen, an diesem Abend ein Ohr für die Stille zu öffnen.

Die Spannung steigt, aber der Geräuschpegel hält an. Wenn man von der Dramaturgie eines musikalischen Stückes spricht, scheint die Stille vor der Aufführung schon dazuzugehören. Ist das Husten und Keuchen vielleicht schon Musik? Klar ist, dass die Stille vor dem Konzert keine Geräuschlosigkeit ist. Und logisch betrachtet setzt der erste Taktstrich einer Partitur das Vorhandensein vorheriger Stille voraus, womit sie doch irgendwie auch ein Teil der Partitur wird. Wie auch immer, das musikalische Konzert beginnt.

Es eröffnen die Celli mit kaum hörbaren langgestrichenen Tönen das Requiem. Dabei brechen sie die Stille nicht, sondern spielen mit ihr, erheben sich aus ihr. Wer hätte gedacht, dass Musik so leise sein kann? Zusammen mit dem Chor und den anderen Orchestermusikern hebt das Ensemble jedoch schnell die Lautstärke. Es ist ja Verdi, da lässt Dynamik nicht gerade lange auf sich warten. Die erste vollkommene Stille zeigt sich schon in der Mitte des „Introitus“ nach dem fast gehauchtem „Requiem aeternam“ des Chores, das von den sanften Streichern des Orchesters begleitet wird. Hier ist die Stille unumstritten ein Teil der Partitur. Sie ist die musikalische Pause, die sich strenggenommen nur in ihrer Funktion von der Stille unterscheidet. Aber auch inhaltlich eröffnet der Einsatz der Stille hier eine neue Ebene. In ihrer Symbolik kann sie ausdrücken, was Töne nicht fähig sind zu erzählen: Was kann den Tod besser beschreiben als die Stille zwischen den Tönen?

Das Konzert lebt neben seinem untypisch opernhaften Charakter durch seine brachiale Dynamik. Der Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, Harmonie und Dissonanz ist besonders greifbar. Verdis Requiem schreit einen an – um einen daraufhin wieder mit dem Klang weicher Streichinstrumente zu besänftigen. In diesen Übergängen ist die Stille das dramatischste Element, denn sie sitzt am Ende der lautesten und disharmonischen Stellen und hält deren Spannung, bis sie von den leisen Klängen des einsetzenden Ensembles abgelöst wird.

Der stille Höhepunkt des Konzerts liegt am Ende des Requiems. Das Publikum ist von der musikalischen Gewalt der pausenlosen Aufführung mitgenommen, zumindest ich bin gerührt, wenn nicht sogar betroffen. Und auch in den Minen der Solisten ist die emotionale Kraft der Komposition zu lesen. Doch als der letzte Ton verklingt, hält Ivan Repušić die Hände oben. Eine gefühlte Ewigkeit ist der Zuschauersaal totenstill. Kein Husten ist mehr zu hören, kein Rascheln eines Taschentuchs, bis der Dirigent mit ernstem Blick seine Hände sinken lässt und tosender Applaus die Stille bricht. Ivan Repušić hat es getan: Er dirigierte die Stille, als größten Effekt am Ende eines aufwühlenden Konzerts.

Bruno Schubert

2017-06-29T13:42:15+00:00 Juni 2017|Kategorien: Stille|