Frau Stille

Halt! Stopp! Bitte warten Sie doch! Bitte gewähren Sie mir einen kurzen Moment. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit – dürfte ich mich kurz vorstellen? Ach, Sie können mich nicht hören? Aber ich bin doch immer da. Na ja, meistens zumindest.

Man nennt mich Frau Stille. Sie können mich immer noch nicht hören? Das wäre auch urkomisch. Ich bin in Ihnen, um Sie herum. Ich bin leise und wohltuend, kann aber auch laut und unerträglich sein, ich trete nirgends in Erscheinung und bin trotzdem immer da.

Ich möchte Ihnen heute eine Geschichte erzählen – von der Stille, also von mir, und wie ich dazu kam. Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, war ich nicht immer in dieser besonderen Position, man könnte fast sagen, in dieser Berufssparte, tätig. Eigentlich war ich damals völlig durchschnittlich und normal. Ich ging zur Schule, machte mein Abitur und wusste dann wie unzählige andere Jugendliche nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Mir erschien wirklich nichts logisch. Eine Ausbildung: laut meinen Eltern unter meinem akademischen Niveau. Ein Studium: viel zu anstrengend, mir fehlte es einfach an organisatorischem Geschick und Selbstdisziplin. Auf den Punkt gebracht, war ich faul und lustlos und hatte überhaupt keinen Bock, mich in irgendeiner Art und Weise anzustrengen –nachdem mein Abitur und das damit verbundene „Lernen auf den letzten Drücker“ sämtliche Energie verschlungen hatten.

Irgendwer organisierte mir letztlich irgendwie, vermutlich aus Mitleid für die „ziellosen Jugendlichen“, einen 12-wöchigen Aufenthalt in einem „Kloster“. Du wirst Zeit haben, um zu dir selbst zu finden – haben sie gesagt. Es wird dir gut tun – haben sie gesagt. Und ich dachte nur: Was zum Teufel soll ich in einem Kloster?

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie ich an diesem besonderen Ort irgendwo in den Schweizer Alpen ankam. Dieses Gebäude sah überhaupt nicht aus wie ein Kloster. Vor mir lag ein riesiger, gekippter blauer Kubus mit einer ringsherum führenden weißen Treppe, die dann oberhalb des Kubus in einer bepflanzten, überdimensionalen Dachterrasse endete. Ich war völlig verblüfft und traute mich kaum, einen Schritt weiter zu gehen.

Das Geräusch von quietschenden Reifen riss mich aus meiner Fassungslosigkeit. Vor mir bog ein hellgelber Ford Mustang Shelby gt 500 zackig um die Kurve und hielt direkt vor meiner Nase. Ein fluchender, kleiner, dicker alter Mann in einem babyblauen, viel zu großen Anzug knallte mit einem ‚Rums‘ die Fahrertür zu und kam auf mich zugewackelt. „Da bist du ja endlich. Ging das nicht ein bisschen schneller? Ich habe dich schon herbeigesehnt.“ Ich verstand nur Bahnhof. Etwas eingeschüchtert hielt ich einfach meine Hand hin und sagte ganz leise: „Hallo, hier bin ich!“ Der kleine Mann, der übrigens Alfons hieß und der Buchfigur „Alfons Zitterbacke“ irgendwie ähnlich war, forderte mich auf, ihm zu folgen, und führte mich über eine breite Treppe in eine atemberaubende Eingangshalle. Sie war aus blauem Glas geformt und brach das Sonnenlicht auf eine ganz wundersame Art und Weise, so dass es aussah, als wenn lauter kleine Lichttänzer den Raum erfüllten. Alfons bat mich, mein Gepäck vor Ort zu lassen und ihm in die Bibliothek zu folgen.

Für einen so kleinen Menschen hatte er ein extrem hohes Schritttempo, und ich hatte Mühe, nicht den Anschluss zu verlieren. Wir eilten durch unterschiedliche Räume, die alle einen anderen thematischen Schwerpunkt zu haben schienen. Am besten gefiel mir das „Blumenzimmer” mit der hübschen Tapete, die mich ein wenig an die meiner Oma erinnerte …

„Husch, husch“, rief Alfons, der schon weitergegangen war. „Nicht trödeln, zum Staunen wirst du später genug Zeit haben!“ Nach gefühlten 20 Minuten im Eiltempo durch sämtliche vorstellbare Themenwelten erreichten wir die Bibliothek. Noch nie zuvor hatte ich eine so überfüllte und unordentliche Bibliothek gesehen. Man wurde von Büchern förmlich erschlagen, denn als ich über die Türschwelle schritt, knallten mir direkt Tolstois gesammelte Werke vor die Füße.

Alfons reichte mir einen Helm, wie ihn die Männer auf Baustellen tragen. Er zwinkerte mir zu und sagte: „Sicher ist sicher besser!“ Dann kämpften wir uns durch das sich zu allen Seiten auftürmende und über zwanzig Regalbretter in die Höhe verteilte Bücherchaos und erreichten kurze Zeit später eine wunderschöne Bücherlichtung. Ich sage ganz bewusst Bücherlichtung, da es sich um eine komplett bücherfreie Zone handelte, in der ein runder weißer Tisch mit fünf weißen Stühlen stand. Über dem Tisch war ein rundes Glasmosaik-Fenster, und durch das hereinscheinende Licht war die Tischplatte mit unterschiedlichen Blautönen versehen.

Alfons deutete auf einen der Stühle und bat mich Platz zu nehmen. Er verschwand kurz um die Ecke und kam mit einem iPad in der Hand und einem dicken Ordner unter dem Arm zurück. Er setzte sich zu mir, holte ein Walkie-Talkie aus der Hosentasche und sprach mit einer Henriette über Kaffee und Gebäck, was er jetzt gerne in die Bibliothek gebracht hätte. Nachdem er sich mit einem „Du bist ein Schatz, Henni!“ verabschiedet hatte, legte er sein Walkie-Talkie auf den Tisch und musterte mich ausgiebig. Er hörte gar nicht auf, mich so eindringlich anzuschauen, und ich wurde zunehmend nervös. Mir lagen so viele Fragen auf der Zunge, wie zum Beispiel „Warum hängt hier nirgends ein Kreuz oder irgendetwas, das auf ein Kloster hindeutet?“ Aber ich brachte kein Wort heraus.

Nach einer gefühlten Ewigkeit brach Alfons das Schweigen und sprach mit sanftmütiger Stimme: „Ariana, ich freue mich so sehr, dich zu sehen. Vermutlich wunderst du dich bereits, warum du überhaupt hier bist. Ich erkläre es dir … Wir sind kein Kloster, dies zu allererst!“ „Hab ich mir doch gedacht!“, sagte ich etwas forsch. „Ja!“, entgegnete Alfons. „Wir sind kein Kloster, wir sind viel wichtiger. Ariana, wir sind die Stimmung der Menschen, wir sind ihre Gedanken, ihre Emotionen, ihre Wünsche, Hoffnungen und Träume. Wir kommen, wenn sie uns rufen.“

Das Klappern von Geschirr war zu hören, und eine große, sehr schlanke Frau, ein Tablett balancierend, steuerte direkt auf uns zu. Ihren Kopf zierte eine krause rothaarige Mähne, und ihre grünen Augen funkelten. „Ahhhhh… Henni! Schön! Ich danke dir. Das ist sie!“, sagte Alfons und zeigte auf mich. Henriette stellte das Tablett ab, kam näher und musterte mich genauso, wie es Alfons zuvor getan hatte. „Wie schön sie ist“, murmelte Henriette. Und ich hob mal wieder nur die Hand und brachte ein leises „Hey“ hervor. Alfons schüttete eine Tonne Zucker in seinen Kaffeebecher, reichte mir die Kanne und eine weitere Tasse. Zu Henriette sagte er: „Komm, setz dich. Ich erkläre es ihr gerade!“ Ich verstand zu dem Zeitpunkt gar nichts mehr und klopfte leicht an meinen Kopf, um festzustellen, ob ich inzwischen verrückt geworden war.

„Ariana, du bist die Stille! Ich bin die Genugtuung und Henni ist die Wut…“ Ich schaute irritiert abwechselnd zu Henriette und Alfons. „Ich bin die was?“, fragte ich etwas ungläubig. „Die Stille“, entgegnete Alfons. „Weißt du, wir werden schon so geboren. Man nennt uns die Traumtänzer. Ohne uns wären die Menschen nur Maschinen – sie hätten keinerlei Gefühle. Sie wären nicht in der Lage, irgendetwas zu empfinden, was nicht mit den Urinstinkten zu tun hat.“ Ich war immer noch verwirrt und fragte: „Angenommen, das stimmt, was ihr sagt, warum ich? Und vor allem, warum die Stille?“

Das war der Anfang, ich sagte ja bereits – ich bin da so reingerutscht. Mit der Zeit lernte ich alles Weitere dazu, lebte mich richtig gut ein, und inzwischen würde ich mich als Profi auf meinem Gebiet bezeichnen. Es gibt unwahrscheinlich viele von uns Traumtänzern. Auf der ganzen Welt sind wir verteilt und haben ganz verschiedene Einsatzgebiete. Wir verlassen unser altes Ich, um den Menschen auf Erden zu dienen und die Welt bunter und lauter oder, wie ich in diesem Fall, leiser zu machen.

Sie fragen sich bestimmt, was jetzt genau meine Aufgabe ist: Alle Geräusche, jegliches Sein ist umgeben von Stille. Ich trete in jeder denkbaren Situation in Erscheinung. Die Frau, die nach einem Streit mit ihrem Partner verlassen und einsam zurückbleibt: Um sie ist es still. Der Lehrer, kurz vorm Burnout stehend: Er sehnt sich nach Stille. Der Konzertpianist spielt Tschaikowskis Klavierkonzert mit einem leidenschaftlichen Ausdruck und bedient sich der Stille als Stilmittel.

Ich bin in Ihnen, um Sie herum, ich bin leise und wohltuend, kann aber auch laut und unerträglich sein. Ich trete nirgends in Erscheinung und bin trotzdem immer da.

PS: Das Blumenzimmer ist mir der liebste der unzähligen Stimmungsräume …

Clara-Liliane Strutz

2017-12-28T15:19:57+00:00 April 2017|Kategorien: Stille|Tags: |