Manchmal hat man Glück

Musik kann laut sein und den Mitmenschen auf die Nerven gehen. Aber geeignete Überäume zu finden, ist für Musikstudierende gar nicht so leicht.

Dienstagmorgen, fünf Uhr. Am Emmichplatz begrüßen sich bereits die ersten Studierenden – obwohl die Hochschule erst um sieben öffnet. Was sie dort noch zwei Stunden machen? Sie warten.

Für Musikstudentinnen und -studenten der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH) ist nicht der Montagmorgen der stressigste Tag der Woche. Für ihren Übeplan gilt eine andere Zeitrechnung. Die neue Woche beginnt für alle, die in der „Schnecke“ üben möchten, am Dienstag um sieben Uhr. Dann können die Studierenden die Räume bis zum nächsten Montag für sich buchen, pro Tag maximal vier Stunden. Die Eifrigsten stehen schon um fünf beim Pförtner am Emmichplatz – selbst bei Regen und Schnee. Es zählt nämlich auch die Ankunftszeit. Die ersten zehn Personen sind also im Vorteil. Wenn man Dienstagfrüh allerdings verschlafen hat oder die vier Stunden am Tag nicht ausreichen, bleibt nichts anderes übrig, als sich vor die Übezellen im Z-Gang zu setzen und zu warten. Und zu warten und zu warten …

Auch wenn sie ein eigenes Instrument und eigenes Zimmer zu Hause haben, müssen die meisten trotzdem zur Hochschule fahren, um dort zu üben. Ein Musiker ist nämlich nie allein, wenn er spielt. Die Menschen in seiner Nähe hören ihn. Das führt manchmal zu neuen Freundschaften, häufig aber zu Konflikten – auf jeden Fall hält es die sozialen Beziehungen eines jeden lebendig. Fast jeder, den ich an der Hochschule ansprach, hatte dazu etwas zu erzählen. Als Erster begegnete mir Matthias im Flur. Er erzählte mir eine kleine Anekdote:
„Einmal, statt in die Schule zu gehen, habe ich zu Hause Klavier geübt. Irgendwann aber rief eine Frau an und schrie wie die Königin der Nacht: Ich dürfe in diesem Mietshaus nicht mehr als eine Stunde üben und müsse sofort aufhören! Ich war echt am Boden zerstört. Diese Nachbarin wohnte unter uns. Mein Vater sagte zu mir: ,Lass dich von so einer Frau nicht fertig machen.‘ Er zog sich seine holländischen Holzschuhe an, lief den ganzen Tag damit herum und machte so die Nachbarin verrückt. Nach einer Woche kam sie hoch und entschuldigte sich bei mir. Und mein Vater hat die Schuhe ausgezogen.“

Auch Theresa hat Schwierigkeiten mit dem Üben zu Hause. Allerdings nicht unbedingt mit dem „Wie viel“, sondern mit dem „Wo“. „Ich bin Sängerin, aber neulich habe ich angefangen, Saxophon zu lernen. Ich wollte wie gewohnt zu Hause üben. Dabei stellte sich heraus, dass es sogar meiner Familie zu viel wurde. Zuerst bat mein Mann mich darum, in ein anderes Zimmer zu gehen. Ich ging ins Schlafzimmer. Das liegt neben dem Zimmer meiner Mutter. Auch sie sagte, ich sei zu laut, ich solle in die Küche gehen. Ich ging in die Küche. In der Küche war es aber für beide zu laut, also landete ich im Badezimmer. Seitdem übe ich immer dort. Allerdings hört man im Badezimmer Geräusche aus dem ganzen Haus. Ein Nachbar spielt, wie ich, Saxophon, der andere Querflöte …“

Öffentliche Einrichtungen könnten eine Alternative bieten. Z.B. die alte Schule, deren Räume man mit der Hilfe seiner ehemaligen Lehrer nutzen könnte. Dort wäre man endlich sicher und ungestört. Aber für Andreas ist auch dieser Traum geplatzt: „Ich habe ein Praktikum an meiner alten Schule absolviert. In der freien Zeit wurde mir der Zugang zu Musikräumen gestattet, um Geige oder Klavier zu üben. Aber an einem Vormittag fühlten sich Lehrer und Schüler im benachbarten Klassenraum gestört. Da man beim Üben häufig einzelne Takte auseinandernimmt und wiederholt, begegnete mir die Lehrkraft des Nachbarraums mit den Worten: ,Entschuldigung, Sie spielen ja ganz schön, aber könnten Sie nicht vielleicht mal weiterspielen oder etwas anderes anfangen?‘“

So bleibt also doch die Hochschule der beste Ort zum Üben, wenn man die Wartezeit in Kauf nimmt. Der Preis des Übens war nicht immer so hoch wie heute. Als die Musikhochschule 1973 aus dem „Lister Turm“ in das ohrförmige neue Gebäude am Emmichplatz zog, lag die Zahl der Studierenden noch bei 600, heute aber sind es über 1.500. Und viele Räume sind für die heutigen Bedürfnisse zu klein. Dazu kommt: Die Musiker spielen lauter als vor einigen Jahrzehnten. Besonders für Blechbläser sind die Übezellen am Emmichplatz mittlerweile ungeeignet geworden. Zwar hat die Hochschule in den vergangenen Jahren etliche weitere Übemöglichkeiten in anderen Gebäuden geschaffen. Die Bedürfnisse der Studierenden, die immer mehr und lauter üben, scheinen aber immer noch nicht befriedigt worden zu sein.

Deshalb müssen sie auf dem Z-Gang sitzen und warten. Allein oder im Gespräch mit Kommilitonen; mit anderen Aufgaben beschäftigt oder gelangweilt. Ihre Meinungen zur Übesituation sind unterschiedlich, wie ihre Studiengänge, die nicht alle gleich viel praktische Übung erfordern. Ausnahmslos jeder aber findet es schwer, im Hauptgebäude einen Raum zu ergattern. „Ich übe so viel wie möglich außerhalb der Hochschule, weil ich es stressig finde, mir hier einen Raum suchen zu müssen. Wenn ich in der Hochschule übe, dann eher morgens um 7 oder 8 Uhr, weil es um diese Uhrzeit leerer ist. Da ich dann aber ziemlich früh aufstehen muss, bin ich meistens für den Rest des Tages müde“, sagt eine Studentin aus dem ersten Semester. Eine andere schließt sich dem Gespräch an: „Ich finde, dass man morgens und abends schon einen Raum finden kann, ohne lange warten zu müssen. Ab 13 Uhr ist es aber kaum möglich, weil viele Räume wegen Unterricht besetzt sind. Manchmal hat man Glück und kriegt einen Schlüssel beim Pförtner. Aber oft wird man dann nach 30 Minuten wieder rausgeschmissen.“

Eine Fagottistin erzählt, dass die Fagottisten einen eigenen Raum in der Uhlemeyerstraße haben. Darüber ist sie sehr glücklich, da sie die Situation im Hauptgebäude katastrophal findet. „Von dem Raumverteilungssystem am Dienstagmorgen können nur wenige profitieren. Eine gute Alternative wäre die Bismarckstraße, aber wenn man Seminare hat, reicht die Zeit nicht, zwischen den Kursen hin- und herzufahren“, ergänzt sie. Auch ein Pianist ist der Ansicht, dass es im Verhältnis zur Studierendenzahl im Hauptgebäude nicht genug Räume gebe. „Außerhalb der Vorlesungszeit ist es wirklich schwierig, am Emmichplatz zu üben. Man muss schon viel Geduld mitbringen und hat dann meistens nur zwei Stunden Übezeit.“ Ein Kommilitone erwähnt zusätzlich die Qualität der Überäume. „Ich finde, es gibt vor allem zu wenig gute Überäume. Wenn zum Beispiel die Klaviere in der Bismarckstraße besser wären, wäre das ein attraktiver Übeort, und das Hauptgebäude würde entlastet.“ Ein Jazzbassist erzählt schließlich. dass es am Weidendamm, wo die Fachrichtung Jazz untergebracht ist, bereits ein internes Onlinesystem gebe. Er meint, die Studierenden seien damit zufrieden.

Wie sieht die Hochschulleitung das Problem? Jann Bruns, Vizepräsident der HMTMH, ist der Meinung, die Hochschule biete genug Alternativen. Im Gespräch listet er Möglichkeiten auf, wo überall die Studierenden üben können, wenn sie im Hauptgebäude keinen Platz finden: Es gebe Häuser am Weidendamm (für Jazz-Rock-Pop), in der Bismarckstraße (für Blechbläser), in der Uhlemeyerstraße (für Streicher und Holzbläser) und in der Plathnerstraße (für Alte Musik). Alles in allem seien das mehr als 100 Räume. Bruns überschlägt rasch die damit zur Verfügung stehende zusätzliche Übezeit: 17 Stunden am Tag Zugang zu den Übezellen, mal fünf Tage von Montag bis Freitag, plus zweimal 12 Stunden Zugang am Wochenende, das gilt für 100 Räume – macht mehr als 10.000 Stunden pro Woche. Das sei ein beachtliches Volumen. „Wir haben nicht zu wenig Überäume, wir haben zu wenig Überäume zwischen 10 und 18 Uhr“, fügt der Vizepräsident hinzu.

Gleichwohl beschweren sich Studierende ständig beim AStA. Und in letzter Zeit, so heißt es dort, viel mehr als noch vor ein paar Jahren. Eine eindeutige Erklärung gibt es dafür nicht. Sind die Neuen motivierter und üben mehr? Studieren mehr Pianisten an der Hochschule als früher? Wegen der vielen unzufriedenen Kommilitonen hat der AStA eine Rundmail verschickt mit dem Aufruf, Vorschläge zur Verbesserung der Situation zu machen. Ein Online-System sei selbstverständlich in den letzten Jahren öfters diskutiert worden. Der AStA könne das allerdings selbst nicht organisieren. Sie seien angewiesen auf die Techniker und Geldgeber, die auch mitspielen müssten.

Es gibt Hochschulen in Deutschland, die ein komplettes Online-Buchungssystem für ihre Räume haben. Jann Bruns ist jedoch überzeugt, so transparent wie das jetzige könne kein anderes System sein. Bei der Online-Buchung würden die Leute anfangen, auf Verdacht zu buchen, und am Ende komme es für die Hochschule zu nicht einsehbaren Abläufen. Man müsse in einem solchen System auch strenge Regeln einführen: Wie viele Stunden dürfen Studenten unterschiedlicher Instrumente buchen? Wie kurzfristig kann man noch buchen? Trotzdem kämen dann die Ausnahmeanträge: Wer warum und wo Vorzug haben sollte. Das seien eben die Grenzen des vielleicht moderneren, aber bei weitem nicht so transparenten Systems. Am Dienstagmorgen um sieben Uhr sei dagegen alles transparent: Die Reihenfolge der Terminvergabe, die Echtheit der Personen, die Summe der gebuchten Stunden.

Die hannoverschen Musikstudierenden müssen sich also weiterhin mit dem Spruch trösten: „Morgenstund hat Gold im Mund.“ Zumindest einmal in der Woche.

 

Zsófia Timár

[Die Namen in diesem Artikel wurden von der Redaktion geändert]

2017-06-29T14:00:54+00:00 Juni 2017|Kategorien: Stille|