“Musik nur, wenn sie laut ist.”

Katrin Helmerichs-Naujok leitet Tanzgruppen mit gehörlosen Schülerinnen und Schülern

Musik ist die Sprache der Gefühle. In Zeiten der Stille und Nachdenklichkeit mögen wir sie leise. Sie lässt uns träumen, hoffen, erinnern. In anderen Momenten mögen wir sie gern laut, und sie bewegt uns zum Tanzen. Musik ist vielfältig und kann uns so viel geben, auch wenn wir die Gründe nicht immer genau benennen können. Aber was ist mit jenen, denen es verwehrt bleibt, Musik so zu hören, wie wir es tun? Wie gehen sie mit der dauerhaften Stille um? Sehnen sie sich überhaupt nach Musik – etwas, das sie vielleicht nie in seiner ganzen Fülle und seinen einzelnen Elementen erleben können?

Katrin Helmerichs-Naujok ist Choreografin an der Staatsoper Hannover, gibt Musiker-Coachings und leitet Projektgruppen für Kinder und Jugendliche, die gern tanzen lernen möchten. An der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover hat sie ein Studium der Tanzpädagogik absolviert, das sie derzeit durch ein Studium der Sozialen Arbeit ergänzt.

Das Tanzprojekt mit gehörlosen Jugendlichen kam erstmals zustande, als Lehrerinnen und Lehrer einer Förderschule für Gehörlose in Hannover mit dem Wunsch nach einem Projekt mit Körpererfahrungen – etwas Neues für ihre Schülerinnen und Schüler – auf sie zukamen. Mittlerweile ist der Kurs zu einer festen Einrichtung geworden. Ein halbes oder ein ganzes Jahr arbeitet Katrin eineinhalb Stunden pro Woche mit den Jugendlichen, bevor die Projektphase mit einer öffentlichen Aufführung abschließt. Dabei handele es sich ausdrücklich nicht um eine Therapiemaßnahme, betont sie; es gehe vielmehr darum, Jugendlichen „Normalität“ zu ermöglichen. „Leider wird den Schülerinnen und Schülern zu wenig in dieser Richtung angeboten“, sagt Katrin. Das liegt ihrer Meinung nach nicht nur an fehlenden Geldern, sondern auch daran, dass viele Lehrerinnen und Lehrer nur wenig Vertrauen in die Fähigkeiten der gehörlosen Jugendlichen hätten. „Das sind junge Teenager mit den gleichen Problemen: sich verlieben, Justin Bieber als Idol haben. Warum sollten sie nicht tanzen und Musik machen können?“ Die Jugendlichen hätten ihre Lieblingsgenres, sähen sich YouTube-Videos an und machten Vorschläge, zu welchen Liedern sie gerne tanzen wollten. Genau wie Jugendliche, die normal hören können.

Dennoch muss Katrin natürlich einige pädagogische Besonderheiten und Herausforderungen beachten, wenn sie mit Gehörlosen eine Tanz-Choreografie einstudieren möchte. Auch für sie war das zunächst eine ganz besondere Erfahrung, da sie zuvor nicht mit Menschen mit Hörbeschwerden gearbeitet hatte. Aber einen grundsätzlichen Unterschied zu ihrer Arbeit in anderen Projektgruppen hat sie dennoch nicht wahrgenommen: „Nur wir ziehen diese imaginäre Grenze. Die tun das nicht.“ Die Jugendlichen brächten ihr große Wissbegierde entgegen und seien dankbar für die Normalität, die sie durch die Tanzgruppe erfahren. Katrin wiederum ist dankbar dafür, dass sie viel von den Jugendlichen lernen kann.

Katrins Schülerinnen und Schüler sind Gehörlose, Schwerhörige sowie Cochlea-Implantat-Träger (eine elektronische Hörprothese, die die Funktion des ausgefallenen Innenohrs über-nimmt, um Audiosignale an das Gehirn zu übertragen). Über Sprache zu kommunizieren ist ihnen nicht möglich. Daher rückt die Kommunikation über andere Sinne, insbesondere über den Blickkontakt, in den Vordergrund: „Man muss sich wirklich bewusst dazu entschei¬den, mit jemandem zu ‚reden‘. Du kannst das nicht einfach so mal nebenbei machen.“ Auch Katrin muss sich das während der Tanzstunden immer wieder bewusst machen, denn im Tanz arbei¬tet man normalerweise mit dem Rücken zu den Teilnehmer, im „Back-To-Face“, mit Blick¬richtung zum Spiegel. Die Herausforderung sei, nicht in „alte Gewohnheiten“ zu fallen und den Blickkontakt zu verlieren, beispielsweise bei einer Tanzfigur mit Blick auf den Boden.

Aber woran orientiert man sich als Gehörloser in der Musik? Katrin erklärt, dass die Jugendlichen sich in erster Linie auf den Rhythmus konzentrierten. Was uns im Alltag häufig gar nicht mehr so auffalle, sei die Allgegenwart von Rhythmus in unserem Leben. Es gebe den Atemrhythmus, den emotionalen Rhythmus, den Biorhythmus und natürlich den Herzrhythmus. In der Musik bilde der Rhythmus Struktur und Wiederholungen. Doch dafür muss man Musik nicht unbedingt hören. So stellt Katrin die Musikanlage während der Tanzstunden auf den Boden, damit man die Bässe und den Rhythmus körperlich wahrnehmen kann. Je lauter die Musik ist, desto mehr kann man sie spüren. Das Lied „Musik nur, wenn sie laut ist“ von Herbert Grönemeyer bringe deshalb ziemlich gut auf den Punkt, was sie nach den Tanzstunden mit den gehörlosen Jugendlichen empfinde, sagt Katrin.

Christoph Kastrop

2017-06-29T13:53:57+00:00 Juni 2017|Kategorien: Stille|