Plattenkritik (Ausgabe: Stille)

MACIEK
Maciek
Magic Mile Music

Sonniger Singer-Songwriter-Pop, der zum Träumen und Tanzen anregt – so klingt die Musik von Maciek, einem jungen hannoverschen Musiker, der im September letzten Jahres bei dem Label Magic Mile Music sein erstes Album veröffentlicht hat und als Hannovers neuer Stern am Pop-Himmel bezeichnet wird.
Mal ruhig und nachdenklich, mal selbstbewusst nach vorne treibend – Langeweile kommt bei den zwölf Songs des Albums nicht auf. Der Musik von Maciek sind eindeutige Einflüsse aus Folk, Soul, Funk, Blues und Reggae zu entnehmen. Seine Stimme klingt nach einer Mischung aus Joshua Radin und Jamie Cullum. Sein Stil ruft namhafte Künstler wie Jack Johnson, James Morrison oder Jason Mraz ins Gedächtnis. Bei „I Want to Go“ – Titel 9 des Albums – fühlt man sich bei genauem Hinhören an die jungen Coldplay und Songs wie „Don’t Panic“ von deren Debut-Album „Parachutes“ erinnert.
Maciek – ein aufstrebender, junger Musiker, von dem man in Zukunft hoffentlich noch viel hören darf. Mit einem Album, das jedem Fan von Singer-Songwriter-Pop und den genannten Künstlern wärmstens zu empfehlen ist. Anspieltipps: „Stormy Weather“, „Dreams Begin to Fly“, „I Want to Go“.

Mehr davon: www.maciek-music.com
Christoph Kastrop

 

 

ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN
Frauke halts Maul
Weserlabel

„Du willst alle Grenzen schließen – Frauke, halt’s Maul! Und die Flüchtlinge abschieben – Frauke, halt’s Maul!“… Man muss nicht lange rätseln, um dahinterzukommen, gegen wen sich dieses Lied wohl richten mag. Und auch der Titel „Frauke halt’s Maul“ erschließt sich dem aufmerksamen Zuhörer schnell aus dem Text. Das Schlagzeug wechselt bei jedem Viertel zwischen Bassdrum und Snare, Gitarren und Bass betonen unisono das im Chor gebrüllte „Frauke halt’s Maul“ – viel mehr klassischer Punk geht nicht. In einer Minute und elf Sekunden brüllen die Abstürzenden Brieftauben ihre Meinung über die Tongeberin der AfD und neue Stimme der scheinbar Alleingelassenen und Abgehängten. Sympathiebekundungen sehen anders aus. Aber Sympathiebekundungen waren auch noch nie ein Ziel der hannoverschen Punkband, die sich 1993 im links-alternativen Jugendzentrum Kornstraße gründete. Mit ihrem Album „Im Zeichen des Blöden“ eroberte die Band nach einigen Jahren voller Schwierigkeiten die deutschen Charts und erreichte immerhin Platz 39. Ihre alten Aufnahmen erinnern an die Hits der Ärzte, voller Ironie und Scheiß-drauf-Gefühl: Fun-Punk, wie dieses Genre in Kennerkreisen zu heißen scheint. Mitte der neunziger Jahre wird es dann ruhig um die Abstürzenden Brieftauben, bis sie mit mehreren Abschiedskonzerten 2002 scheinbar ihr Brieftaubendasein beenden. Mit der aktuellen Single „Frauke halt’s Maul“ meldet sich jedoch im November 2016 eine Punkgröße aus Hannover zurück. Vielleicht aus dem Pflichtgefühl heraus, der neuen von rechts kommenden deutschen Alternative die Stirn zu bieten und die Meinung vieler stillschweigender Talkshow-Zuschauer in die Welt zu schreien: „Frauke halt’s Maul“?

Mehr davon: www.weserlabel.de
Bruno Schubert

 

 

LENA
Beat to My Melody
Universal Music

Wenn man über Hannovers Musiker schreibt, sollte man die eine nicht vergessen, die für den wahrscheinlich größten von Hannover ausgehenden Musikhype seit Beginn des neuen Jahrtausends sorgte: Lena Johanna Therese Meyer-Landrut, wie sie nach ihren GEMA-Eintragungen mit vollem Namen heißt. Mit ihrer authentischen und lustigen Art verzauberte sie beim Eurovision Song Contest und Stefan Raabs Entscheidungsshow „Unser Star für Oslo“ viele Deutsche und später auch den Großteil der europäischen ESC-Fans. Spätestens mit ihrem Album „Traffic Lights“ schaffte sie den internationalen Durchbruch und war auch fünf Jahre nach ihrem ESC-Gewinn noch 17 Wochen auf Platz zwei der deutschen Charts. Mit „Wild and Free“, dem Titelsong zu „Fack ju Göhte 2“, platzierte sie sich sogar in den Top-Ten der deutschen Single Charts. Doch was macht Lena seitdem? Und vor allem: wie hört es sich an?
Ihre letzte Neuerscheinung ist die Single „Beat to My Melody“, die 2016 mit fünf unterschiedlichen Remix-Versionen dieses Titels auf den Markt kam, einem Song, der schon auf ihrem letzten Album zu hören war. Offensichtlich ist die Single somit weniger ein kreativer Hochpunkt von Lenas Schaffen als eine Überbrückung zu ihrem neuen Album „GEMINI“, an dem Lena seit dem letzten Jahr arbeitet. Doch wie klingt ihre Musik? „Beat to My Melody“ ist voller urbaner Elektronik, und der Grund dafür sind nicht nur die Remixe. Schon im Original ist ihre Stimme nur schwer wiederzuerkennen, zeigt wenig von der unperfekten Stimme der alten ESC-Lena. Ob das alles am Gesangscoaching liegt? Wohl kaum. Die „deutsche Ellie Goulding“ nennen sie fiese Zungen, seitdem sie bei „Traffic Lights“ mit demselben Produzenten-Team wie Ellie Goulding zusammenarbeitete und sich ihre Stimme auf dem Studioalbum merklich in Richtung der britischen Sängerin veränderte. Doch ihre Musik funktioniert, passt in die Zeit, die durch moderne elektronische Klanglandschaften, tanzbare Rhythmen und eingängige Melodien geprägt ist.
Die Authentizität, die schon immer wichtig für ihr Image war, verlagert sich aus ihrer Musik in eine andere Umgebung: das Internet. Kaum eine Musikerin ist so aktiv in den Sozialen Medien wie Lena: Instagram und besonders Youtube bespielt sie so intensiv, als sehe sie den Austausch mit ihren Fans für mindestens genauso wichtig an wie ihre Musik. Auch ihr Engagement in unterschiedlichen TV-Shows und ihre Tätigkeit als Synchronsprecherin wirft die Frage auf, ob die Musik für sie überhaupt noch die größte Rolle spielt. Lena präsentiert sich als Multi-Media-Talent, zu dem ihr musikalisches Schaffen gut zu passen scheint. Welchen Stellenwert die Musik im Gesamtpaket „Lena“ in Zukunft noch einnimmt, wird sich spätestens mit „GEMINI“ zeigen.

Mehr davon: www.universal-music.de/lena
Bruno Schubert

 

 

LIEBLINGSMUSIK

ÁSGEIR
In The Silence

Ein Song, der mir so gut gefällt, dass ich einfach unbedingt von ihm erzählen muss:

Himmel, so weit das Auge reicht. Teilweise verdecken kleine Wolkenfetzen das tiefe Blau und erwei¬tern es um eine Unmenge an Grautönen, sodass der fleckige Himmel marmoriert erscheint. Kristallklare Flüsse bahnen sich ihren Weg durch die endlosen hügeligen Wiesen und stür¬zen in Wasserfällen von rauen Steinklippen, die immer wieder die Landschaft durchbre¬chen. Es ist Island. Das Land, in dem die eine Hälfte der Bevölkerung Schriftsteller und die andere Musi¬ker zu sein scheint. Vereinzelte Straßen und Städtchen wirken machtlos gegen die allgegenwär¬tige Natur, die hier dem Menschen ihre Überlegenheit zeigt.
„In The Silence“ heißt der Song von Ásgeir, der so gut zur isländischen Landschaft passt, weil er nach Klarheit, Weite, Kraft und Einsamkeit klingt. Wie der Name Ásgeir hingegen klingt oder „Dyrd í Dauðathognand“ (so heißt das Stück in seiner isländischen Original-Version), kann man nur raten. Am besten spricht man das einfach so überzeugt aus, dass sich kein Nicht-Isländer traut, es anzuzwei¬feln.
Der Song beginnt folkartig mit einem sich halbtaktig wiederholenden Basston, einer sanften Akustikgi¬tarre und hohen, unscheinbaren Fill-Ins eines Klaviers. Bereits der allererste Ton des Stücks klingt nach Weite – als würde man aus einem schmalen Tunnel in ein Bergpanorama fahren. Nach dem instrumentalen Vorspiel setzt Ásgeirs Stimme ein. Er singt größtenteils mit Kopf¬stimme, die weich und sanft klingt. Da sie doppelt aufgenommen wurde und von rechts und links zu hören ist, wirkt sie einzeln intim, zusammen jedoch kraftvoll. Der Text stammt von Ásgeirs Vater Einar Georg Einarsson, einem isländischen Dichter, der die meisten Texte für die Songs seines Sohnes schreibt. So sind die Lieder gewissermaßen gesungene Gedichte und passen irgendwie zum Bild des mysteriösen Island: zu Elfen, Feen und Geistern.
Das Mysteriöse findet sich auch in der harmonischen Abfolge des Stücks wieder, die Ásgeirs Mu¬sik so besonders macht. Nicht weil auffallend virtuose Tonartwechsel den Hörer in die Irre füh¬ren, sondern weil die Kadenzen immer wieder auf ihre Auflösung zusteuern und dann doch noch einen weiteren Umweg nehmen. Die Musik verhält sich wie eine durch die isländische Bergland¬schaft gewundene Straße: Genau wie der Fahrer nicht weiß, was hinter der nächsten Kurve lauert, weiß auch der Hörer nicht, wo ihn die nächsten Töne hinführen. Und so steigern sich die Teile fast sinfonisch: Trommeln und Bläser treiben den Song an seinen Höhepunkt, bis sich alles im beruhigenden Anfangsrhythmus des Stückes auflöst und nur noch die marschartigen Trommeln übrigbleiben. Unbeirrt fahren sie fort, wie ein Zug, der sich durch die weite isländische Landschaft von Tunnel zu Tunnel schiebt.

Mehr davon: www.asgeirmusic.com
Bruno Schubert

 

2017-10-12T17:45:53+00:00 Juni 2017|Kategorien: Stille|Tags: |