Ruhe im kirchlichen Raum

Die Kirche ist ein Ort der Stille. Oder etwa doch nicht? Wie ruhig ist es dort wirklich? Wir haben drei Mitglieder unterschiedlicher christlicher Gemeinden befragt, welche Rolle die Ruhe in ihren Kirchen spielt – und welche die Musik.

Ihr seid alle drei in unterschiedlichen Ausprägungen des Christentums zuhause, daher erst einmal eine grundlegende Frage: In welcher Gemeinde seid ihr Mitglied, und was für Lieder werden bei euch wie gesungen?
Katharina Meyer: Ich bin Mitglied in der Adventgemeinde Verden. Bis vor Kurzem hatten wir dort das Gesangbuch „Wir loben Gott“, aber jetzt haben wir in unserer Gemeinde ein eigenes Gesangbuch. Zusätzlich benutzen wir Liedermappen, in denen die Liedauswahl immer mal wieder verändert wird. Da sind auch Lieder drin, die von der Wortwahl und der Melodieführung her etwas moderner sind, sodass für Jung und Alt etwas dabei ist. Begleitet wird die Musik in unserer kleinen Gemeinde nur durch Orgel und Klavier, weil uns einfach die Mittel und der Platz für etwas Größeres fehlen. Aber in größeren Gemeinden wie z.B. in Hannover ist es nicht unüblich, dass eine eigene Band spielt. Dort gibt es auch sogenannte Lobpreisteile in den Gottesdiensten, in denen noch modernere Lieder gesungen werden. Da wir eine relativ starke Gemeinschaft haben, kennt auch jeder die Lieder, sodass wirklich alle mitsingen. Bei uns ist es daher vielleicht etwas lauter als in Landeskirchen. Wir schreien jetzt auch nicht, aber die Botschaft kommt schon an. (lacht)
Anke Neemeyer: Ich bin in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Pankratius in Burgdorf. Wir benutzen das evangelische Gesangbuch und dazu die „Lebensweisen“. Das ist ein Liederheft, in dem ein wenig modernere Lieder stehen. Begleitet werden wir meistens von der Orgel oder manchmal auch von Klavier oder Gitarre. Es gibt aber auch einen Posaunenchor und eine Kantorei. Pro Gottesdienst singen wir ungefähr fünf Lieder, die Gemeinde singt sitzend mit. Bei uns geht es also eher etwas ruhiger zu.
Mara Duisenberg: Ich bin Mitglied einer freien Pfingstgemeinde. Wir singen dort eigene Lieder der Kirche, die aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurden. Die Band spielt dabei in voller Besetzung, also mit Drums, Bass, E-Gitarre, Keys, manchmal Geige, oft – vor allem abends – auch mit Tracks. Bei uns wird generell viel gesungen, für eine Kirche ist es daher deutlich lauter, als man es wohl erwarten würde.

Wie ihr welche Lieder singt, scheint also tatsächlich ziemlich unterschiedlich zu sein. Was bedeuten euch denn diese Lieder und die Art, wie sie gesungen werden?
K.M.: Mir macht es einfach Spaß, diese Lieder mit allen zusammen zu singen – im Gottesdienst oder auch im Chor der Gemeinde. Was sie mir geben, ist also Freude und, naja, Hoffnung wäre zu viel gesagt, aber es geht schon so in diese Richtung. Im Allgemeinen geht es mir dabei aber vor allem um die Aussage, die in den Texten steckt. Da ist es egal, ob man laut oder leise, mit großer Band oder nur mit Klavier singt. Aber die Musik sollte zum Text passen. Wenn ein Text z.B. eher provokativ ist, spricht ja auch nichts gegen eine modernere Vertonung, die sogar in Richtung Popmusik gehen kann. Aber man muss eben immer bedenken, dass auch ältere Menschen der Gemeinde angehören. Die könnten mit so einer modernen, lauten „Happy Church“ vielleicht nicht so viel anfangen.
A.N.: Mir geht es bei vielen Liedern auch um den Text, wobei ich finde, dass die Lieder auch einfach so guttun, weil sie einem schon sehr lange, in meinem Fall seit der Konfirmandenzeit, vertraut sind. Da kann man beim Mitsingen einfach die Gedanken schweifen lassen und zur Ruhe kommen. Die neueren Lieder aus den „Lebensweisen“ gefallen mir aber auch. Die sind etwas schwungvoller, das ist mal etwas anderes.
M.D.: Für mich persönlich sind die Lieder ein moderner Ausdruck der Anbetung. Ich singe sie gern, und man kennt und versteht die Texte. Sie beziehen sich auf die Bibel und sind eine kreative Antwort auf Gottes Liebe zu uns Menschen.

In welchem Raum finden denn eure Gottesdienste statt, und was bedeutet er euch? Singt ihr die Kirchenlieder auch zuhause?
K.M.: Wir haben meistens keine klassischen Kirchen, wie man sie kennt. Die meisten adventistischen Gemeinden treffen sich in großen Gemeindesälen. Dort grenzen oft noch weitere, kleinere Räume an, weil es vor unseren Gottesdiensten auch „Gesprächsteile“ gibt, in denen z.B. alle Jugendlichen eine Gesprächsrunde bilden und die Erwachsenen eine andere. Jede Gruppe ist dann in einem anderen Raum, und der Ablauf wird entsprechend angepasst, sodass die Kinder eben z.B. Kinderlieder singen. Das ist dann noch etwas ruhiger und vertrauter als der große Gottesdienst. Der Gemeindesaal an sich bedeutet mir nicht wirklich etwas, außer dass er eine gute Akustik hat und die Musik dadurch einfach besser klingt. Und dass man mit so vielen Leuten zusammen singt. Aber ich singe die Lieder auch zuhause.
A.N.: Unsere Gottesdienste finden in einer klassischen Kirche statt. Die Kirchenlieder singe ich zuhause eigentlich nicht, einfach weil ich sie nicht auswendig kann. Und ich hole auch nicht extra das Gesangbuch raus, nur um zu singen. Die einzelnen Strophen, die ich im Kopf habe, können mir auch mal außerhalb der Kirche über die Lippen kommen, aber nur, wenn ich gerade allein, und z.B. besonders glücklich oder dankbar bin und Gott diese Dankbarkeit mitteilen möchte. Es kommt aber doch eher selten vor, dass ich Dank mit Gesang ausdrücke.
M.D.: Unser Auditorium gleicht einem Konzertsaal, in dem mehrere hundert Menschen Platz finden. Es ist ein Raum, wo die ganze Gemeinde zusammenkommt und in dem man sich zuhause fühlen und in gewisser Weise auch zur Ruhe kommen kann. Kreatives Licht und ein voller Sound füllen die Halle, und so entsteht einfach eine coole Atmosphäre. Die Songs singe ich auch zuhause. Das ist auch ziemlich einfach, weil es all unsere Lieder auf CD gibt. Seit Neuestem sogar auch auf Deutsch.

Betet ihr denn auch zuhause, oder braucht ihr dafür zwingend den kirchlichen Raum, um zur Ruhe zu kommen?
K.M.: Ja, ich bete und singe zuhause, allerdings nur ganz allein für mich.
A.N.: Ich bete auf jeden Fall auch zuhause. Für ein Gebet brauche ich Ruhe, und die finde ich sowohl in den stillen Phasen im Gottesdienst als auch zuhause. Zum Beten braucht es für mich also nicht zwingend einen kirchlichen Raum, zum Singen aber schon. Beten kann ich auch allein, singen eher nicht, weil ich nicht wirklich musikalisch bin. (lacht)
M.D.: Gebet ist nicht örtlich gebunden oder begrenzt. Die Lieder sind ebenso wie das Gebet eine Form der Kommunikation mit Gott und ein persönlicher und emotionaler Ausdruck. Wenn ich allein singe, suche ich mir wahrscheinlich automatisch einen ruhigen Ort, also z.B. mein Zimmer. Ich singe sie aber auch gerne auf dem Fahrrad. (lacht) Da ich mir die Songs überall anhören kann, brauche ich dafür nicht zwingend einen festen Raum. Allerdings birgt er eine große Kraft, und es bringt auch einfach Spaß, zusammen in der Gemeinde zu singen und zu Gott zu beten.

Geht es euch denn beim Singen nur darum, überhaupt einen Raum zu haben, oder muss es genau so einer sein?
K.M.: Mir ist das echt egal. Ich finde einfach das Zusammenkommen und die Akustik toll. Das verleiht einem nochmal ein ganz anderes Gefühl als zuhause. Aber in welchem Raum man das hat, ist mir letztlich egal. Ich komme zur Ruhe, wenn ich mit meiner Gemeinde singen und beten kann. Egal, wo.
A.N.: Für mich passen alte Choräle mit Orgelbegleitung schon am besten in eine traditionelle Kirche, die akustisch ja auch für so etwas ausgelegt sind. Aber andere christliche Lieder, z.B. mit Gitarrenbegleitung, gehen für mich auch in anderen Räumen oder am Lagerfeuer. Wichtig ist, dass ich sie mit anderen Christen zusammen singe, dass man zusammen Gott lobt und eine Gemeinschaft erlebt. Ich käme definitiv nicht auf die Idee, mir allein zuhause eine CD mit Orgelmusik aufzulegen. Für mich ist die Kirche auf jeden Fall ein Ort der Stille. Hier kann ich abschalten, beten, singen und zur Ruhe kommen.
M.D.: In unseren Gottesdiensten wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass man sich in dem Raum wohlfühlen kann. Das erleichtert es den Menschen, Ruhe zu finden und sich ganz auf den Gottesdienst zu konzentrieren. Außerdem werden unsere Gottesdienste gefilmt und u.a. in das Nebenzimmer gestreamt, in dem Eltern mit kleinen Babys sitzen können, denen es drinnen zu laut ist. Durch Licht, kreative Backgrounds und gute Kameraführung und Sound ist das technische Niveau sehr hoch und der Raum sehr besonders. Die Technik ist allerdings gut in den Raum eingebettet, sodass es nicht plötzlich komisch aussieht, sobald das Licht hell wird. Auf alles wird geachtet, und das macht es wiederum sehr spannend, weshalb ich genau so einen Raum nicht missen möchte. Das ist also wohl etwas, was uns alle drei verbindet. Wir können in unseren jeweiligen Räumen Ruhe finden, Gemeinschaft erleben, singen und uns einfach fallen lassen. Eine klassische Kirche oder eben so ein speziell designter Raum, wie bei uns, trägt dazu natürlich in hohem Maße bei, weshalb es nicht das Gleiche wäre, alles in einen „normalen“ Raum zu verlegen. Der kirchliche Raum ist nun einmal etwas Besonderes.

Das Gespräch führte Sara Kuhlgatz

2017-06-29T13:49:01+00:00 Juni 2017|Kategorien: Stille|