Von der Stille zur Neugeburt – ein Besuch beim Geigenbaumeister

WENN ICH DIE SAITEN AUFZIEHE, BEKOMMT DAS INSTRUMENT EINE SEELE

Konzentriert und in sich gekehrt sitzt Zvi Dori auf einem Hocker vor seiner Werkbank. Den Lichtkegel der Tischlampe hat er auf ein Bündel Rosshaare gerichtet, mit denen er später den Geigenbogen neu bespannen wird. Neben dem Bau von Instrumenten gehören nämlich auch Reparaturen und Restaurationen zu seinem Handwerk. Vor 20 Jahren hat sich der Geigenbaumeister dem Instrumentenbau verschrieben; seitdem widmet er sich Streichinstrumenten wie der Geige, der Bratsche und dem Cello. Seit 2004 betreibt er seine eigene kleine Werkstatt im Herzen von Hannover, in der er die Instrumente im feinen und altitalienischen Stil nachbaut.
Die Werkstatt sieht aus, als wäre sie einem Bilderbuch entsprungen: Reste von Holzspänen liegen auf dem Boden verteilt, notdürftig in der Ecke zusammengekehrt. Auf den Werkbänken und in den Schränken liegen Instrumente in den verschiedensten Baustadien. Spielbar sind sie jedoch noch lange nicht. „Bis eine Geige ihren ersten Ton von sich gibt, vergeht ein halbes Jahr“, sagt Zvi Dori. „Solange ist sie stumm“, ergänzt er.

Der Bau eines Streichinstruments ist ein komplexer und langwieriger Prozess. Bevor der Geigenbauer die ersten Bauteile aus einem Holzstück herausarbeiten kann, muss es mindestens fünf Jahre lang ruhen, damit es einen gewissen Grad an Holzfeuchtigkeit erlangt. Andernfalls lässt sich das Material nicht gut verarbeiten und verzieht sich. Für den Geigenbau verwendet Dori typische Klanghölzer. Traditionell werden Hals, Zargen und Boden aus Ahorn gefertigt. Die Decke wird aus Fichte gearbeitet, da diese Holzart eine geringe Dichte besitzt und sich der Klang dadurch beim Spielen schneller entfalten kann.

 

„Am Geigenbau fasziniert mich das Zusammenspiel zwischen lebendigem Material und handwerklichem Geschick“, erzählt der Geigenbauer. Die Ausbildung dauert drei Jahre und erfordert neben dem Geschick auch viel Verstand, Flexibilität und ein sehr gutes Gehör. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, ein Instrument zu bauen, das im Nachhinein eine Seele bekommt“, sagt er, während er den Geigenbogen bespannt.

„In dem Moment, in dem ich die Saiten aufziehe, bekommt das Instrument eine Seele, und der Klang erwacht zum Leben“, betont er lächelnd. „Es ist fortan nicht mehr stumm, sondern erfüllt den Raum mit Klang und Leben.“
Die Saiten werden am Ende des Bauprozesses über die Decke und das Griffbrett gespannt und am oberen Ende des Geigenhalses an den Wirbeln befestigt. Das Griffbrett selbst wird separat auf den Hals geleimt.

Pro Jahr baut Zvi Dori in seiner Werkstatt zehn bis zwölf Instrumente. Die Nachfrage nach den handgemachten Streichinstrumenten ist hoch. Schüler, Studenten, Berufs- und Hobbymusiker sowie Sammler gehören zu Doris treuer Kundschaft. „Der Klang des Instruments entwickelt sich im Lauf der Jahre, in denen es gespielt wird. Es ist nicht nur ein Werkzeug von Musikern, sondern ein Partner fürs Leben“, erklärt er.
Seine Instrumente sind für ihn wie seine eigenen Kinder. Als besonders emotional beschreibt der Geigenbauer den Moment, in dem er das Instrument zum ersten Mal anspielt. „Wenn ich ein Instrument fertiggestellt habe, dann ist das für mich wie eine Neugeburt eines meiner Kinder“, sagt er stolz, während er eines seiner Meisterstücke in den Händen hält.

Eine Foto-Reportage von Lara Sagen

2017-06-29T13:35:33+00:00 Juni 2017|Kategorien: Stille|Tags: |