„Alles was neu ist, besteht aus Altem“

Der Musikwissenschaftler Harmut Fladt über seine Erfahrungen als Gutachter in Plagiatsprozessen

Hartmut Fladt, Professor für Musiktheorie und Musikwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin, wurde durch seine Musikgutachten in den Plagiatsverfahren gegen den Rapper Bushido bekannt. „Saitensprung“ sprach mit ihm in Berlin über eine dunkle Seite des Musikbusiness.

Saitensprung: Welcher Fall war in Ihrer Tätigkeit als Musikgutachter vor Gericht am spannendsten?
Hartmut Fladt: Was die Auswirkungen betrifft, waren das auf jeden Fall die beiden Bushido-Urteile.

Welche Auswirkungen hatte der Fall für Sie persönlich?
(lacht) Es ist natürlich so, dass ich als Pädagoge so etwas wie eine erzieherische Funktion habe. Und so konnte ich meinen Studierenden aufgrund der hohen Wellen, die der Prozess geschlagen hatte, sagen: „Dieser Bushido, euer Held, ist ein ganz simpler Dieb.“ Dass die Stilisierung zum Helden in Frage gestellt wurde, fand ich wichtig.

Wie schnell hören Sie bei Ihrer Arbeit, ob es sich wirklich um ein musikalisches Plagiat oder nur um eine Ähnlichkeit handelt?
Manchmal ist das schwer. Ich würde auch nie vorschnell urteilen. Ich weiß, dass es Komponisten gibt, die der festen Überzeugung sind, dass ihre Melodie tatsächlich von ihnen stamme und wiederum von einem anderen plagiiert worden sei. Wenn ich dann gebeten werde, den Fall zu begutachten, stellt sich oft heraus, dass sogar schon Haydn, Mozart oder Beethoven die Melodie genutzt haben und sie dutzende Male danach genutzt wurde. Sie ist ein Teil der allgemeinen musikalischen Sprache. Es gibt einfach musikalische Formeln, an deren Tonfolge nichts Individuelles mehr ist. Entscheidend aber ist die Einmaligkeit in der individuellen Formulierung. Und diese Einmaligkeit muss in der Popmusik nicht unbedingt auf den „Primärparametern“ wie der Melodie liegen. Es kann auch der Sound, die Instrumentation oder das Zusammenspiel von rhythmischen Patterns sein, was einen Song einmalig macht.

Als Musikgutachter kommt Ihnen in Plagiatsprozessen eine tragende Rolle zu, weil aufgrund Ihres Gutachtens ein Urteil gefällt wird. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?
Ja, das stimmt, die Gutachtertätigkeit ist in der Rechtsprechung ganz wichtig. Ein Gutachter kann auch viel Unsinn machen, das ist klar. Es gab Fälle, in denen ich mir selber unsicher gewesen bin und deshalb keinen klaren Standpunkt vertreten wollte. Wenn ich das Gefühl habe, dass der Fall dubios ist, möchte ich keine Entscheidungen für oder gegen andere Personen treffen, nur weil ich Geld dafür erhalte. Das habe ich mir zur Maxime gemacht.

Warum plagiieren Künstler?
Gute Frage (lacht). Früher hatte Plagiarismus einen ganz anderen Ruf. Wenn Bach Konzerte von Vivaldi übernommen hat, dann war das seine Art der Anerkennung dieser Musik. Früher haben Komponisten allerdings auch nicht viel Geld mit ihrer Musik verdient. Erst in dem Moment, wo Musik zur Ware wird, seit dem Beginn des Musik-Kapitalismus im 18. Jahrhundert, gibt es Plagiate von Kompositionen, die auf einmal kostbar werden können. Das Entscheidende ist der ökonomische Aspekt.

Haben Plagiatoren von immateriellen Dingen wie einer Komposition ähnliche „kriminelle Energien“ wie Menschen, die materielle Dinge stehlen?
Ja, die haben sie, ganz sicher. Amerikanische Rapper achten peinlich genau darauf, dass sie auf CDs angeben, woher die musikalischen „Schnipsel“, die sie für ihre Produktion genutzt haben, kommen. Gleiches gilt für Rapstücke und die Clubszene, wo oftmals nur gesampelt wird. Aber auch dort wird in aller Regel genau angegeben, was woher kommt, und dementsprechend mit den Urhebern abgerechnet.

Wenn über Plagiate in Doktorarbeiten diskutiert wird, stehen Prominente wie Karl-Theodor zu Guttenberg monatelang am Pranger der Öffentlichkeit. Aber „Musikklau“ ruft meist nur eine kurze Welle der Entrüstung hervor, die rasch wieder verebbt…
Ich glaube, die Empörung über Plagiate in Doktorarbeiten ist nur dann so groß, wenn es um Politiker geht. Bei zu Guttenberg kommt dann dazu, dass das von ihm aufgebaute Image vom Hoffnungsträger plötzlich in sich zusammenbricht. Ich als Doktorvater würde so eine Arbeit übrigens niemals annehmen. Ganz offensichtlich hatte der Doktorvater die Arbeit nie gelesen. Er hätte auf der ersten Seite merken müssen, dass die Arbeit abgeschrieben ist. Die Sprachebenen sind von einem Punkt zum nächsten ganz andere.

… ich habe im Zuge meiner Recherchen bemerkt, dass es auch Plagiatsprozesse gegen bekannte Musiker wie z. B. George Harrison gab, zu denen man kaum detaillierte Angaben findet. Kann es sein, dass in der Musik das Thema Plagiarismus gerne totgeschwiegen wird? Auch wenn man die beiden Fälle von zu Guttenberg und Bushido gegenüberstellt, erhält man den Eindruck, als sei der Fall des Rappers medial weit weniger aufgearbeitet worden, obwohl es im Prinzip um den gleichen Urheberrechtsvorwurf geht.
Das liegt daran, dass die Fälle der Doktorarbeiten dokumentiert werden dürfen. Es dürfen sogar Auszüge aus den Texten öffentlich gemacht werden. Wie soll man das in der Musik machen? In einer Fernsehsendung ließe sich so etwas natürlich darstellen. Dazu sagte der Rechtsanwalt, der mich beauftragt hatte: „Bitte machen Sie das nicht. Da kann zu viel schief gehen, solange das Verfahren noch offen ist.“ Wenn das Verfahren endgültig mit allen Berufungen abgeschlossen sei, könne man eventuell über einen Fernsehbeitrag nachdenken. Aber dann sind meist drei oder vier Jahre vergangen, und der Fall interessiert niemanden mehr.

Die „Zeit“ schrieb damals: „Die Urheber und ihre italienische Produktionsfirma hatten in 16 Titeln des deutschen Rappers eigene Tonfolgen wiedererkannt. In drei der Songs sah das Gericht die Liedteile aber nicht als urheberrechtlich geschützt an.“ Was bedeutet das für andere Musiker? Sind Tonfolgen nicht automatisch geschützt, sobald sie veröffentlicht wurden?
Nein, wenn sie zum Allgemeingut gehören, eben nicht. Ob eine Tonfolge zum Allgemeingut gehört oder nicht, entscheiden dann die Gutachter.

Also wird erst nach der Veröffentlichung eines Musikstücks zwischen geschützten Inhalten und nicht geschützten Inhalten unterschieden?
Ja, das finde ich auch ganz wichtig. Und wenn beispielsweise melodische Formeln Allgemeingut und deshalb nicht geschützt sind, dann ist, wie schon gesagt, vielleicht eine spezifische Instrumentation, also die Inszenierung bzw. der Sound einer Melodie, das Schützenswerte.

Wird in der Zukunft einmal Plagiatssoftware das klassische Musikgutachten durch einen Experten ersetzen können?
Ganz sicher nicht. Das begründet sich darin, dass die Software nur auf die Primäreigenschaften der Musik eingehen kann, z. B. auf die Melodie.

Also ist Plagiatssoftware eher ein Hilfsmittel, um viele Millionen Songs miteinander abzugleichen und um die übrig geblieben sechs, die sich ähneln, durch einen Gutachter miteinander vergleichen zu lassen?
Ja, genau so ist es. Aber man sollte nicht davon ausgehen, dass eine Melodie ein originärer musikalischer Einfall ist. Das kann zwar vorkommen, ist aber recht unwahrscheinlich. Wie gesagt, es kommt auf die Inszenierung der Melodie an. Und das kann keine Software vergleichen.

Also ist die Wahrscheinlichkeit, dass man etwas wirklich Eigenes kreiert, geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass man etwas Fremdes re-kreiert?
(lacht) Sagen wir es so: Alles was neu ist, ist aus verschiedenem Alten zusammengesetzt. Die Art und Weise, wie es zusammengesetzt ist, ist Originalität. Mit dem Stück „Loser“ ist der amerikanische Pop-Musiker Beck Hansen berühmt geworden. Es hat nur eine Harmonie. Und trotzdem ist es unglaublich originell. Wenn man behauptet, dass ein Stück umso origineller sei, je mehr Harmonien es habe, ist das Quatsch. Das stimmt überhaupt nicht. Originalität kann man nicht quantifizieren.

Das Gespräch führte Vienna Wege

Bildnachweis: Vienna Wege

2018-01-27T17:10:18+00:00 April 2014|Kategorien: Verbrechen|