Kommt ein Bratscher…

Ein fensterloser Raum, irgendwo tief in Berlin. An einem langen Konferenztisch sitzen eine Handvoll Menschen mit müden Gesichtern. Ihre Kleidung ist knittrig vom langen Tagen, auf einem Teller liegt ein einsamer Keks ohne Schokolade und Marmelade, es riecht nach kaltem Kaffee.
Ein Mann in senfgelbem Sakko beugt sich über ein Blatt Papier, auf dem „932. Jahreshauptversammlung der Landesmusikräte Berlin und Schleswig-Holstein“ steht: „So… Kinder, letzter Tagesordnungspunkt: Das Instrument des Jahres…“ Er schickt einen aufmunternden Blick in die Runde. Niemand reagiert. Der Herr am anderen Ende des Tisches pult ziellos an seinen Fingern herum. Seinem linken Sitznachbar ist das Kinn samt weißem Bart auf die Brust gesackt, ein anderer faltet Papierschiffchen, und wenn er fertig ist, faltet er sie wieder auf. Der Redner seufzt: „Kommt, das kann doch nicht so schwer sein… unbeachtet, missverstanden, unbeliebt… ja?“ Eine zierliche Dame hat sich leise geräuspert: „Also… die Querflöte… wird ja viel zu sehr als das Instrument gesehen, das nur die hübschen blonden…“ Sie entblößt schüchtern eine Reihe nicht ganz gerader Zähne. Ihr Sitznachbar verdreht die Augen: „Jedes Jahr… sie versucht es jedes Jahr… NEIN!“
Auf der linken Tischseite rührt sich umständlich ein kleiner Mann mit Haaren, die in alle Himmelsrichtungen abstehen: „Nachdem wir dieses Jahr die Bağlama hatten… häm… dachte ich an die hinterpolynesische Großnussbauchtrommel, die meines Erachtens…“ Jemand lacht: „Und dann organisieren wir ein Konzert in der Philharmonie, in dem Simon Rattle das Konzert für Großnusstrommel und Orchester dirigiert, ja? Wer war noch gleich dieser bekannte Solist…?“ Beleidigt verschränkt der kleine Mann die Arme. Der Vorsitzende guckt hilfesuchend in die Runde. „Kinder! So wird das nix! Irgendwas Brauchbares!“ Und in Richtung eines hageren Riesen mit großer Brille: „Und Transportables, Georg! Keine Orgel, kein Sousaphon, kein Kontraba… ach nee, den hatten wir ja schon. Also…?“ Niemand rührt sich. Der Mann mit dem Bart schnarcht leise. Der Vorsitzende schnauft: „Sakrament… wie machen es denn die anderen?“ Er stößt den Herrn rechts neben sich an. „Theo!“ Der Angesprochene zuckt zusammen. „Mh… wa’… welche anderen?“
„Na, Tiere, Blumen… es gibt doch alles mögliche ,des Jahres‘…“ Theo wühlt beflissen in einem Blätterstapel „Ähm… hier: die Tiere des Jahres sind akut vom Aussterben bedroht. Und die Pilze des Jahres…“, neues Blätterrascheln „… auch. Das Unwort des Jahres… ist… Moment… ein Unwort. Und der Witz des Jahres…“ „Ahaha!“, dröhnt es aus den Tiefen des Raums. „Witz des Jahres! Kennt ihr den schon? Kommt ein Bratscher…“
Plötzlich: Totenstille. Wie im Film fixieren alle den dicken Mann mit Schnauzer. Dann hebt lautes Gemurmel an. „Wirklich eigentlich ein ganz wunderbares Instrument…“, „…schon Hector Berlioz sagte ja…“, „… ich habe auch selber mal für eine Mucke Bratsche…“ Noch bevor der dicke Mann fertig ist mit seinem Witz, sind alle aufgestanden, haben einander die Hände geschüttelt und ihre Sachen gepackt. Als er sich beifallheischend umsieht, ist der Raum leer.
So wurde die Bratsche Witz… äh: Instrument des Jahres.

Charlotte Schrimpff

Bildnachweis: Anna Wiedenau/Romina Halewat

2018-01-27T16:49:07+00:00 April 2014|Kategorien: Verbrechen|Tags: |