Oper vor Gericht

Ein kleiner Führer durch die Welt der Bühnenverbrechen

Oper – die hehre Gattung, reine Kunst, die Inkarnation des Abendlandes… oder? Wer ein bisschen genauer hinschaut, stellt fest, dass die Oper kaum ein besserer Fernsehkrimi ist: Mord, Totschlag, Hehlerei und Inszest… das deutsche Strafrecht hätte seine helle Freude.

„Carmen“
Georges Bizet (Uraufführung 1875)

Langhaarig, glutäugig und von einem Temperament, das die deutsche Durchschnittsfrau alt aussehen lässt. Bei einer wie Carmen kann es schon mal vorkommen, dass sie Konkurrentinnen buchstäblich die Augen auskratzt. Die Männerwelt liegt ihr trotzdem zu Füßen. Und genau das wird ihr – Zigeunerin und nebenberufliche Schmugglerin – schließlich zum Verhängnis: Kaum hat sie den schönen Sergeanten José um den Finger gewickelt und zur Fahnenflucht bewogen, taucht Torero Escamillo auf und hörnt den liebestrunkenen Don. Obendrein lässt er den Deserteur im Zweikampf auflaufen. Zu viel des Guten: José ersticht Carmen während eines Stierkampfes von Escamillo in der jubelnden Menge.

Für den klassischen Mord aus Eifersucht droht José nach § 211 StGB eine lebenslange Freiheitsstrafe. Dass er Carmen vorher aus dem Arrest laufen ließ, wäre als Gefangenenbefreiung laut § 120 II StGB ebenfalls mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer saftigen Geldstrafe zu ahnden. Ähnliches blühte Carmen wegen des zerkratzten Gesichtes einer Kollegin in der Tabakfabrik: Körperverletzung nach § 223 I StGB, bis zu fünf Jahren Haft oder Geldstrafe. Beider Schmuggelei bedenkt das Strafgesetzbuch nach §§ 259, 260 als gewerbsmäßige Bandenhehlerei mit einer Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

„Hänsel und Gretel“
Engelbert Humperdinck (Uraufführung 1893)

Heute ein Fall fürs Jugendamt: Die bitterarmen Eltern vom kleinen Hänsel und seiner Schwester Gretel wissen weder ein noch aus und schon gar nicht, wie sie ihre beiden Sprösslinge satt bekommen sollen. Als diese beim Spielen obendrein den kostbaren geschenkten Krug voller Milch zerschlagen, jagt die Mutter ihre Kinder wütend in den Wald, auf dass sie erst mit einem Korb voller Beeren zurückkommen. Das ist gar nicht so einfach, schließlich sind die beiden ganz schön hungrig, und so ein volles Körbchen ist schnell wieder leer, und dann wird es dummerweise auch noch dunkel… Am nächsten Morgen stoßen die beiden auf ein Haus, das von oben bis unten mit Lebkuchen bedeckt ist, und machen sich jubelnd darüber her. Das ist die Chance für die Eigentümerin, eine Hexe: Sie schnappt sich die beiden, steckt Hänsel in einen Käfig, um ihn verzehrfertig zu mästen, und lässt Gretel schon mal den Ofen anheizen, in den sie sie als Abendbrot zu schieben gedenkt. Gretel allerdings ist schlauer, befreit ihren Bruder, und gemeinsam stoßen die beiden das Zauberweib in die Glut. Notwehr?

Hänsel und Gretel sind noch nicht strafmündig, ihre Hexenverbrennung bliebe also ungeahndet. Auch die Tatvorbereitung zum versuchten Mord aus einem niedrigen Beweggrund (§§ 211 I, 22, 23 I StGB) durch die Hexe ist nicht strafbar, schließlich hat sie noch nicht unmittelbar zur Tat angesetzt. Für die Freiheitsberaubung an den Kindern drohte ihr nach § 239 StGB allerdings eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe – zumindest, sofern sie das „Fegefeuer“ im eigenen Ofen überlebt. Und Hänsels und Gretels Eltern sind nach § 221 StGB II dran: Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren, weil sie ihre Kinder wissentlich der Gefahr durch die Hexe im Wald ausgesetzt haben. Außerdem haben sie nach § 171 StGB ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzt: Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe.

„Rheingold“
Richard Wagner (Uraufführung 1869)

Fafner und Fasolt sind Riesen aus dem Bilderbuch: groß, stark und obendrein handwerklich hochtalentiert. In Windeseile zimmern sie Göttervater Wotan seine Wolkenburg Walhall zusammen, schließlich lockt Jugend- und Unsterblichkeitsgöttin Freia als Lohn. Dummerweise bedeutet deren Verschleppung Alterung und Verfall für die Götterwelt – ungünstig. So fährt Wotan hinab nach Nibelheim und raubt dem dort herrschenden Zwerg Alberich mit einer List jenen Goldhort, den der hat anhäufen lassen. Darunter ein zauberhafter Ring und ein Tarnhelm, die Wotan im Tausch gegen Freia allerdings unterschlägt. Zunächst, denn zum Deal, dass die Göttin in voller Körpergröße mit Gold „abzudecken“ sei, fehlt der Ring. Und genau dieses verfluchte Stück Edelmetall ist es, das den Riesen Fafner dazu veranlasst, seinen Bruder Fasolt zu erschlagen. Habgier?

So ist es: Laut deutschem Strafgesetzbuch droht Fafner eine lebenslängliche Freiheitsstrafe nach § 211 StGB. Wagner lässt insofern Milde walten, als er Fafner in einen Drachen verwandelt. Wotan hingegen blüht wegen der räuberischen Erpressung Alberichs nach §§ 253, 255 StGB eine Freiheitsstrafe von nicht unter einem Jahr.

„Salome“
Richard Strauss (Uraufführung 1905)

Sie hat es aber auch nicht leicht, diese Prinzessin Salome: Stiefvater Herodes ist ein Lustmolch und an nichts als Gelagen und ihren Röcken interessiert, mit dem verliebten Soldaten Narraboth weiß sie nichts anzufangen, und der eingekerkerte Prophet Jochanaan würdigt sie keines Blickes, sondern beschimpft bloß ihre Mutter Herodias. Diese fordert prompt seinen Tod, doch darauf will sich Herodes nicht einlassen, schließlich ist ein Prophet ein Prophet und damit ein Mann Gottes. Zur Beruhigung der Gemüter fordert er Salome auf, für ihn zu tanzen. Sie tut es – unter der Bedingung, danach jeden erdenklichen Wunsch erfüllt zu bekommen. Als sie fertig ist, verlangt sie den Kopf des Jochanaan in einer Silberschüssel. Herodes ist entsetzt, hält aber Wort. Als Salome den toten Prophetenkopf in den Händen hält, küsst sie ihn mitten auf den Mund. Der angeekelte Herodes gibt den Befehl, sie zu töten.

Ein bisschen verwickelt, das Ganze. Für Herodes gilt §§ 212 I, 25 I 2. Fall StGB: Totschlag Jochanaans in mittelbarer Täterschaft. Vorgesehenes Strafmaß: lebenslange Freiheitsstrafe. Wegen der Freiheitsberaubung an dem Propheten droht nach § 239 I StGB die übliche Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe. Stieftöchterchen Salome wäre nach §§ 212 I, 26 StGB wegen der Anstiftung zum Totschlag zum Nachteil des Propheten lebenslänglich einzubuchten – zumindest theoretisch, schließlich hat sie die härtere (Todes-)Strafe längst ereilt.

„Jenufa“
Leoš Janáček (Uraufführung 1904)

Die Regeln im sind klar: kein Kind ohne Trauschein. Die junge Jenufa ist schwanger – aber leider ledig. Falls Halbbruder und Kindesvater Steva die Musterung übersteht und Soldat wird, statt sie zu heiraten, bleibt ihr nur der Suizid. Dummerweise ist Steva ein trinkender Filou, der so zwar durch die militärischen Raster rutscht, allerdings auch Jenufas Stiefmutter, der Küsterin des Dorfes, ein Dorn im Auge ist. Sie verbietet die Hochzeit. Jenufa ist verzweifelt. Die Küsterin hilft ihr schließlich, das Kind im Versteck zur Welt zu bringen, und versucht obendrein, Steva doch von einem Antrag an Jenufa zu überzeugen. Der aber ist längst mit einer anderen verlobt. Stattdessen taucht ein zweiter Halbbruder Jenufas auf, Laca, und gesteht der Küsterin seine Liebe zu Jenufa. Um die Heirat der beiden zu ermöglichen, schnappt sich die Küsterin den acht Tage alten Säugling und ertränkt ihn im winterlichen Bach. Jenufa erzählt sie, das Kind sei kurz nach der Geburt gestorben. Erst auf der Hochzeit von Laca und Jenufa wird es gefunden, und die Küsterin bekennt sich schuldig. Der Richter führt sie ab.

Kurz und knackig: Die Küsterin wird nach § 211 StGB wegen des grausamen Mordes am Kind ihrer Ziehtochter zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Jenufa und Steva droht – sofern sie volljährig sind – nach § 173 StGB wegen des Beischlafs zwischen Verwandten ebenfalls eine Freiheitsstrafe, allerdings nur von bis zu zwei Jahren, oder eine Geldstrafe. Und die Heirat zwischen den Halbgeschwistern Jenufa und Laca wäre nach §§ 1314 I, 1307 S. 1 BGB aufhebbar. Aber das nur am Rande.

Alle Angaben ohne Gewähr.

Charlotte Schrimpff

Bildnachweis: Charlotte Schrimpff

2018-01-27T17:16:56+00:00 April 2014|Kategorien: Verbrechen|