Plattenkritik (Ausgabe: Verbrechen)

CHASING BIRDS
Chasing Birds
Kein Label

Hören, Fühlen, Träumen – mit diesen Wörtern lässt sich die Platte der fünf Musiker aus Hannover vielleicht am besten beschreiben. Seit vier Jahren spielen sie bereits zusammen – mit „Chasing Birds“ hat die Band nun Ende 2013 ihr erstes Album in Eigenregie produziert. Herausgekommen ist ein melancholisches Stück Musik, das in erster Linie durch seinen puristischen und reduzierten Charakter überzeugt. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt die ungewöhnliche Besetzung: Piano, Gitarre und Drums werden lediglich von zwei Celli ergänzt. Diese überraschen in Songs wie „Want To Go Home“ mit einer Rahmung gefühlvoll gestrichener Melodien, die einen in die Musik hinein- und wieder hinausbegleiten, und geben der Platte auf diese Weise einen ganz eigenen Anstrich. Überhaupt scheint es, als würden Chasing Birds ihre Zuhörer an die Hand und mit auf eine akustische Reise durch die Welt der Klänge nehmen wollen. Auch deshalb spielt der Text in vielen Stücken wohl eine eher untergeordnete Rolle. Wie gesagt, es geht ums Hören, Fühlen, Träumen. Die Reduzierung einzelner Textfragmente stellt die instrumentale Geschichte in den Vordergrund: Im Song „The Lonely One“ erzählt das Klavier scheinbar zuerst leise und zurückhaltend, dann immer dringlicher von einer Einsamkeit, die trotz Liebe entstehen kann. Das sanfte Zusammenspiel der beiden Celli in „Better Days“ hingegen zeichnet die schwermütige Stimmung längst vergangener Tage nach, macht jedoch in Kombination mit flüsternden Stimmen Hoffnung auf einen Neuanfang. Geschickt aufgebrochen wird der intime Charakter der Platte hingegen durch rhythmische Piano-Riffs wie in „Now You Have A Boy“ oder überraschend raffinierte Taktwechsel in „No One Harms“. Obwohl die als Folk-Pop deklarierte Platte streckenweise eher poppig als folkig daherkommt, wurde hier ein liebevoll produziertes Album geschaffen, dem man anhört, dass seine Macher eines ganz gewiss verbindet: gemeinsam Hören, Fühlen, Träumen.
Mehr davon: www.facebook.com/Chasing-Birds

Romina Halewat

HOCHSCHULE FÜR MUSIK, THEATER UND MEDIEN HANNOVER
Klangraum New York – Lieder, Kammermusik, Moderne
Kein Label

Gibt es eigentlich einen Musiker auf diesem Planeten, von dem behauptet werden kann, er sei was, der aber kein Stück über diese eine Stadt da rechts oben in den Vereinigten Staaten geschrieben, wahlweise gesungen oder gecovert hat? Man möchte meinen: Nein, und zur illustren Gesellschaft prominenter und prominentester Minnen New Yorks gehört neben Frank Sinatra, Alicia Keys und Simon & Garfunkel neuerdings auch die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover – mit nicht weniger als 22 Stücken und dem Übertitel „Klangraum New York – Lieder, Kammermusik und Moderne“. Wo Theresa Rinderle leicht und ein bisschen rätselhaft durch die Auszüge aus John Cages präparierten „Sonatas and Interludes“ für Klavier streift – eine Handvoll Swing, ein Blick nach Chinatown, vielleicht ein paar Regentropfen im Park? Wo der Hudson River leise über die Tasten schwappt, bevor Ute Becker zu Cole Porters „I concentrate on you“ (hier auf Deutsch: „Träume heißen Du“) ansetzt. Und wo Mezzosopranistin Neele Kramer in Erich Wolfgang Korngolds „Old English Song“ jene Verve an den Tag legt, die später bei Leonard Bernstein und seinem glühenden „Tonight“ aus der West Side Story so essentiell sein wird (hier von und mit niemand Geringerem als Robert Dean Smith und Nicole Chevalier).
Die Fäden, die sich in vielen Live-Aufnahmen quer durch die Platte spinnen, sind die Essenz der einjährigen, (fast) gleichnamigen Veranstaltungsreihe, in der die Hochschule in Kooperation mit diversen Partnern die musikalischen Fluchtpunkte und Abgründe dieser schrecklich schönen Metropole abgesteckt hat. Ganz ohne Sinatra. Dafür mit Weitblick.
Mehr davon: www.hmtm-hannover.de

Charlotte Schrimpff

JARYS & MATYES
Stéréo
Kein Label

„Hallo Welt! Was hast du aus dir gemacht? Du drehst dich nicht mehr um dich selbst.“ Nein, dass sich Jonas und Mathias alias Jarys & Matyes nur mit den kleinen Dingen des Lebens begnügen, davon kann keine Rede sein. Direkt, plakativ und multinational rappen die beiden Hannoveraner auf ihrem frisch gepressten Album „Stéréo“ über das Heute und das Wir in unserer schnelllebigen, vom Trend geprägten Zeit. Immer die Kritik an Gesellschaft, Medien und Kapitalismus im Gepäck („Hallo Welt“, „Werbung“). Schwebende Synthesizerklänge gepaart mit feinen, meist zurückhaltenden Beats treiben die Songs genau so weit voran, dass der Zuhörer entspannt auf der musikalischen Welle mitreiten kann und die Ohren dennoch frei hat, die aussagestarken Texte auf sich wirken zu lassen. „Atlantis“ ist genau so ein Song, der mit seiner sphärischen Atmo, ganz „versunken in Gedanken“, zum Mitschweben einlädt. Ein wenig erinnert er gar an „All I Need“ von Air, ohne die zarte Stimme von Sängerin Beth Hirsch und dafür ausgestattet mit vielsagendem, rhythmischem Sprechgesang, versteht sich. Generell fällt auf, dass Jarys & Matyes stimmlich geübt harmonieren. Mit seinen Pariser Wurzeln bringt Matyes den französischen Einschlag in das konsequent zweisprachige Wirken des Lindener Duos. Mal ist es ein Feature „en français“, mal ein zweisprachiger Refrain oder eine deutsch-französische Abwechslung in Strophenform. Doch es wird schnell deutlich, dass die beiden hier ihre Schaffensquelle verorten: „zwei Sprachen, ein Gefühl“ („Ein Gefühl“). Und ja, Jarys & Matyes gelingt es zu zeigen, dass guter deutsch-französischer Rap funktioniert. Losgelöst von jeglichen Clan-Allüren und oberflächlicher Provokation des Rap-Business. So bleibt „Stéréo“ im Kern kritisch und trotzend („Eskalation“). Und dann sind plötzlich auch „Die kleinen Dinge“ wichtig.
Mehr davon: www.facebook.com/JarysMatyes

Gesa Asche

FLORIAN HOFER
Reaching
Kein Label

Es gibt wieder Hoffnung für alle Freunde der psychedelischen Gitarrenmusik! Etwas für diejenigen, die der auf Beat gepolten Computermusik müde sind und mal ein bisschen Erfrischung brauchen. Genau diese verschafft der Hannoveraner Florian Hofer mit seinem neuen Album „Reaching“. Fast hätte man vergessen, wie wunderbar echt die Gitarre klingt und wie schön sie singen kann. Bei Songs wie „Reaching“, „Telling Lies“ und diversen sehr melodischen Gitarrensoli führt Hofer dem Hörer die Emotionalität der Gitarre intensiv vor Ohren. Doch nicht nur die Gitarre singt, auch Hofer selbst beweist auf der Platte großes stimmliches Potenzial mit einer Mischung aus David Gilmour und Kurt Cobain.
Songs wie „Let it out“, „Telling Lies“ oder „On my knees“ lehnen sich vom Sound her stark an die Großen des Psychedelic Rock an. Die Stücke erinnern besonders von den Gitarrenriffs her an die eines Jimi Hendrix. Doch nicht nur diese Rockgröße nimmt Einfluss auf das Album. An manchen Stellen meint man die Queens of the Stone Age zu hören und an anderen wieder Cream.
Da ein Großteil des Albums geprägt ist von Adaption und Weiterentwicklung der Stile anderer Künstler, sticht ein Stück besonders heraus. „Why“, die Singleauskopplung des Albums, verkörpert sehr prägnant Hofers persönlichen Stil. Der Song zeigt deutlich, wie aus den genannten musikalischen Einflüssen ein eigener Sound entstanden ist. Dieser Sound ist es, der Lust auf mehr Musik von Florian Hofer macht. Wir sind also zuversichtlich, dass dies erst der Anfang eines begabten jungen Künstlers ist und noch einiges folgen wird.
Mehr davon: www.facebook.com/FlorianHoferMusic oder www.florianhofer.com

Clara Ehrmann

ATMOSPHÄRE
Lindenpop
Kein Label

Kinder ihrer Zeit sind sie, die Jungs von Atmosphäre. Das hört man den Zeilen ihrer ersten EP an, auf der sich Popmusik mit funkigen Elementen verbindet und groovige Beats auf spannende Melodien treffen. In den fünf Songs setzt sich die Band aus Linden auf intelligente Art und Weise mit den Herausforderungen und Problemen ihrer Generation auseinander. Im Song „Kind meiner Zeit“ erweist sich Sänger Benedict Hartsch als einfühlsamer Beobachter, der die Veränderungen und auch die Macken der heutigen Lebenswelt erkennt. Mit ruhiger Stimme konstatiert er den durch soziale Netzwerke entstandenen Wettbewerb und Vergleich mit den Mitmenschen und kritisiert widersprüchliche Handlungen („buche Ryanair mit Ökostrom“). Lustig und etwas funkiger geht es im Song „Kosenamen“ zu, in dem die Band die oftmals peinliche Angewohnheit von Pärchen, sich gegenseitig die merkwürdigsten Namen zu geben, aufs Korn nimmt. Zum Tanzen animieren die Songs „Pawlow“ und „Auf dem richtigen Weg“, in denen sich Hartschs Stimme abwechslungsreich gibt und besonders in den Refrains ihren Facettenreichtum zeigt. Als regelrechter Ohrwurm erweist sich der Song „Alles bewegt sich“. Der eingängige Refrain haftet im Gedächtnis, und auch musikalisch begeistert der Song durch das sich wiederholende Gitarren-Pattern und den melodiösen Gesang.
Atmosphäre liefern mit ihrer ersten EP eine runde Pop-Platte ab, die sowohl Platz für locker-leichte Gute-Laune-Tracks als auch für nachdenkliche und kritische Texte hat. Eine spannende Mischung, die Lust auf ein ganzes Album macht.
Mehr davon: www.lindenpop.de

Linda Knauer

Bildnachweis: Anna Wiedenau/Romina Halewat

2018-01-27T17:02:15+00:00 April 2014|Kategorien: Verbrechen|Tags: |