Raubkopien: Dramatisierung

„Raubkopierer“ – ein Begriff, den vermutlich jeder schon einmal gehört hat. Doch ist er überhaupt angemessen? Von Raub sprechen Juristen, wenn das gestohlene Objekt vollständig in den Besitz des Täters übergegangen und damit beim Eigentümer nicht mehr vorhanden ist. Dies ist bei einer „Raubkopie“ nicht gegeben, schon der Ausdruck dramatisiert also deutlich.

Ohne Frage ist das kostenlose Herunterladen, Hochladen oder Kopieren von urheberrechtlich geschützten Dateien eine Straftat. Die Frage ist allerdings, ob die angedrohten Sanktionen verhältnismäßig sind. Das Gesetz sieht bei Verstößen gegen das Urheberrecht für private Zwecke eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor. Bei der Verletzung für gewerbliche Zwecke drohen sogar bis zu fünf Jahre Haft. Ist eine solch hohe Bestrafung gerechtfertigt? Um bei einer Abmahnung einen Rechtsstreit zu verhindern, werden von den Delinquenten bereits Bußgelder von 300 Euro aufwärts verlangt. Wer verdient am meisten an diesen Bußgeldern? Vor allem die Anwälte und nicht die Künstler.

Wenn Privatpersonen gegen das Urheberrecht verstoßen, so tun sie das eher aus Gedankenlosigkeit oder Bequemlichkeit als mit krimineller Energie. Ein Beispiel: Statt abzuwarten, bis die Lieblingsserie im öffentlichen Fernsehen gesendet wird, laden sich Internetnutzer einfach die nächsten Folgen aus dem Netz herunter. Damit liegt die Serie in Topqualität auf der eigenen Festplatte und kann jederzeit angeschaut werden. Oder für die Privatparty werden Lieder benötigt, die nicht dem eigenen Musikgeschmack entsprechen. Da greift man doch lieber zum illegalen Download, statt für die einzelnen Songs zu bezahlen. Das ist bequem, schnell, und das Gefühl, einen „richtigen“ Diebstahl begangen zu haben, stellt sich in den meisten Fällen nicht ein. Übrigens kann das illegale Downloaden von Dateien sogar einen positiven Effekt auslösen: Ist das heruntergeladene Album eines vorher unbekannten Künstlers ansprechend, wird es möglicherweise viele doch zum Kauf dieses oder des nächsten Albums verleiten.

Auch der Blick auf die Anfänge des Internets erlaubt eine andere Sicht auf Raubkopien. Den Hackergemeinschaften der frühen Jahre war es ein Anliegen, ihre Software anderen frei zugänglich zu machen. Das Ziel: in der Gemeinschaft die eigene Software zu verbessern und somit neue und bessere Programme zu entwickeln. Der dann aufkommende Versuch der Industrie, die eigenen Produkte durch den Kopierschutz vor „Piraten“ zu schützen, weckte deren Ehrgeiz, diesen zu knacken. Die Hacker wurden vor eine interessante Herausforderung gestellt, sodass der Kopierschutz indirekt zur Förderung von Raubkopien beitrug.

Heute gibt es viele Menschen, die nicht mit dem geltenden Gesetze einverstanden sind. Sie sehen in „Raubkopien“ nach wie vor eher ein Instrument des stummen Protestes gegen das bestehende System. Zugleich aber würden sie den Künstler auch gerne für sein geistiges Eigentum bezahlen. Ein Modell zur Lösung könnte „Creative Commons“ sein. Hier stellt der Künstler sein Werk der Öffentlichkeit zur Verfügung, ohne seine Rechte an dem Werk an dritte Parteien abzutreten. Der Künstler entscheidet nun, wie viel oder ob er überhaupt etwas für sein Werk verlangen möchte. Das Innovative an diesem Modell ist, dass nach der Festlegung eines Mindestpreises durch den Künstler der Konsument selber entscheidet, ob er diesen Preis zahlen will oder sogar bereit ist, mehr für das Werk auszugeben.

Anna Wiedenau

Bildnachweis: Anna Wiedenau/Romina Halewat

2018-01-27T17:13:02+00:00 April 2014|Kategorien: Verbrechen|Tags: |