Rock im Block

Warum eignen sich Verbrechen und Kriminalität seit jeher so gut als Stoff für Geschichten, Märchen und Lieder? Ein Grund könnten unsere frühesten Vorfahren sein, die uns die Lust aufs Jagen vererbt haben. Diese Lust können wir aber in der heutigen Gesellschaft nicht mehr ausleben, und so müssen dafür eben Geschichten herhalten. Auch die fünf Songs, die hier vorgestellt werden, beschäftigen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Verbrechen. Mal fröhlich, mal ernst, und einmal auch so, dass der Song selbst als Verbrechen gesehen werden könnte.

ELVIS PRESLEY
JAILHOUSE ROCK
1957

„The warden threw a party in the county jail. The prison band was there and they began to wail.“ Millionenfach verkauft hat sich dieser Song von Elvis, der von der wohl fröhlichsten und rockigsten Knacki-Zusammenkunft aller Zeiten erzählt. Sähe das Gefängnisleben immer so aus, gäbe es wohl ein paar freiwillige Insassen. Geschrieben wurde das Lied als Titelsong für den gleichnamigen Film, in dem Presley die Hauptrolle spielt. In typischer Elvis-Rock-’n’-Roll-Manier erzählt das Stück von einer Gefängnisband, die den ganzen Zellenblock zum Rocken bringt. Das Szenario ist erfunden, doch waren einige der genannten Ganoven reale Charaktere. Die Purple-Gang zum Beispiel, die im Jailhouse Rock als Rhythmusgruppe dient, war eine Bande von fünf Gangstern aus Detroit. Und Shifty Henry war zwar in Wirklichkeit nicht kriminell, aber ein bekannter Bass-Musiker und Blues-Komponist. Bei ihrer Party im County Jail haben die Verbrecher dann sogar so viel Spaß, dass sie nicht einmal die erstklassige Chance zur Flucht ergreifen. „I wanna stick around a while and get my kicks.
Let’s rock, everybody, let’s rock. Everybody in the whole cell block was dancin’ to the jailhouse rock.“ Das Leben im Gefängnis kann ja so viel Spaß machen…

BOOMTOWN RATS
I DON’T LIKE MONDAYS
1979

Ein reales Verbrechen inspirierte die irische New-Wave-Gruppe um Sänger Bob Geldof zu ihrem größten Hit. Brenda Ann Spencer, eine damals 16-jährige Schülerin aus Kalifornien, erschoss an einem Montag im Jahr 1979 den Rektor und den Hausmeister ihrer Schule und verletzte acht Schüler und einen Polizisten. Dazu verschanzte sie sich in ihrem Elternhaus, das gegenüber der Schule lag, und schoss von dort sechs Stunden lang auf alles, was in Sichtweite war. Das Kleinkalibergewehr, das sie benutzte, hatte sie zuvor von ihrem Vater zu Weihnachten bekommen. Aber auch dieser war dann fassungslos über das Massaker, das seine Tochter damit anrichtete: „And daddy doesn’t understand it, he always said she was good as gold.“ Was an der Tat jedoch immer noch am meisten schockiert, ist der unglaublich banale Grund, den Brenda Ann für den Amoklauf angab. Der Polizei sagte sie: „I don’t like Mondays.“ Bob Geldof hörte von dem Amoklauf, als er gerade ein Radiointerview gab. Danach schrieb er den Text zum Song und brachte auch die Trivialität und Sinnlosigkeit zum Ausdruck: „And he can see no reasons ’cos there are no reasons. What reason do you need to die, die?“ Heute sitzt Brenda Ann Spencer noch immer in einem kalifornischen Frauengefängnis.

FALCO
JEANNY
1985

Nicht ganz eindeutig ist die Lage bei Falcos „Jeanny“. In den Songtext kann viel hineininterpretiert werden. So zum Beispiel auch die Geschichte vom Stalker, der zum Vergewaltiger und Mörder von „Jeanny“ wird. Das zugehörige Video bekräftigt diese Sichtweise nur und verherrlicht angeblich Gewalt. Fakt ist aber, dass nur ein paar Zeilen im Song tatsächlich auf ein Verbrechen hinweisen: In dem am Ende eingespielten Newsflash geht es um ein 19-jähriges Mädchen, das verschwunden ist. „Die Polizei schließt die Möglichkeit nicht aus, dass es sich hier um ein Verbrechen handelt.“ Dies ist vermutlich eine Anspielung auf den Österreicher Jack Unterweger, der 1974 eine 18-Jährige ermordet hatte. Falco wurde vorgeworfen, mit dem Lied dafür einzutreten, den Mörder freizulassen. Alles in allem verursachte das Lied einen großen Wirbel und wurde viel debattiert. Verschiedene Initiativen und Rundfunkanstalten wie der NDR und der BR entschieden sich sogar dazu, das Lied zu boykottieren. Falco selbst gab zwar immer wieder Hinweise darauf, dass Jeanny lebe und der Mann das eigentliche Opfer sei. Aber auch in den Fortsetzungen des Songs, die in den folgenden Jahren veröffentlicht wurden, stellte er die Klarheit hintenan und stiftete nur noch mehr Verwirrung in der Frage, wer nun Täter und wer Opfer war. Falco selbst kann es uns nicht mehr erklären – und hätte es wohl auch nicht getan. Darum muss jeder weiterhin selbst entscheiden, was das Lied aussagen will.

WILL SMITH FEAT. MARY J. BLIGE
TELL ME WHY
2005

Seit dem Jahr 2001 sind immer wieder Lieder veröffentlicht worden, die sich direkt oder indirekt mit den Anschlägen auf das World Trade Center beschäftigen. Die Frage, warum diese geschehen mussten, stellen auch Will Smith und Mary J. Blige in ihrem Song „Tell me why“. Will Smith erzählt auf eine sehr persönliche Weise, wie er gerade beim Frühstück saß und mit seinen Kindern im Fernsehen die Bilder des Anschlags sah. „Please what am I supposed to say to my kids when they say ,Why?‘“, fragt sich der Rapper da und auch kurze Zeit später, als im Fernsehen neue Bilder, diesmal von amerikanischen Bombenangriffen, zu sehen sind. Aber der Song beschränkt sich nicht darauf, nach dem „Warum“ der Terroranschläge zu fragen. In seinem Rap-Part zählt Will Smith noch andere Schicksale und sinnlose Morde auf, die mit keiner Antwort gerechtfertigt werden können. Dabei denkt er an das Schicksal von Nelson Mandela während des Apartheid-Regimes, an die Ermordung des Afroamerikaners James Byrd Jr. durch weiße Rassisten, aber auch an die Mordanschläge auf Martin Luther King und die Rapper 2Pac, Notorious B.I.G. und Jam Master Jay von Run DMC. Dazwischen singt Mary J. Blige von gestohlenen Träumen und gebrochenen Herzen und davon, wie der Hass oftmals über die Liebe triumphiert. Auf das „Warum“ können natürlich auch der Rapper und die Sängerin keine Antwort geben. Stattdessen rufen sie am Ende dazu auf, das „Licht für die anderen“ zu sein.

SHINDY FEAT. BUSHIDO
STRESS OHNE GRUND
2013

War der ganze Wirbel um Bushidos und Shindys Lied doch „Stress ohne Grund“? Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten wies jedenfalls die Anklage des Rappers Bushido wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Gewaltdarstellung ab. Stattdessen gilt das Lied als Kunst. Die Staatsanwaltschaft hatte nicht nur wegen obszöner und schwulenfeindlicher Liedzeilen Anklage erhoben, sondern vor allem auch deshalb, weil Bushido in diesem Zusammenhang einige prominente Namen nennt. Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit wird wegen seiner Homosexualität angegriffen, Oliver Pocher verkloppt angeblich „blonde Opfer“, Serkan Tören soll „ins Gras beißen“, und auf Claudia Roth schießt Bushido, damit sie „Löcher kriegt wie ein Golfplatz“. Im dazugehörigen Musikvideo wird ein Auto mit Benzin übergossen und angezündet. Dumm nur, dass vorher noch ein Mann in den Kofferraum gesperrt worden ist und diese Bilder somit auch nicht zur Verharmlosung des Textes beitragen. Weil Song und Video vorübergehend indiziert wurden, haben Bushido und Shindy die kritischen Stellen einfach geändert und das Lied als „Stress mit Grund“ neu herausgebracht. Wie das mit Verbotenem aber so ist – das Interesse an Video und Song ist dadurch nur noch weiter gestiegen.

Franziska Kirchleitner

2018-01-27T17:40:32+00:00 April 2014|Kategorien: Verbrechen|Tags: |