Schlachtgesang

Bis heute sind die Menschen fasziniert vom „Haarmann-Lied“ und dem skandalösesten Kriminalfall Hannovers

Auf der Bühne des Metropol-Theaters Berlin erklingen die ersten Takte des nächsten Liedes. Die Sängerin der Marietta setzt wehmütig an und säuselt dann lieblich mit ihrem Partner im Duett die folgenden Zeilen: „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt auch das Glück zu dir. Mit dem ersten blauen Veilchen klopft es leis’ an deine Tür.“ An diesem Abend, dem 22. Dezember 1923, verlässt das Publikum begeistert das Berliner Revue- und Operettenhaus. Vermutlich schwärmen die Besucher in den darauffolgenden Weihnachtstagen vor Familienangehörigen und Freunden von Walter und Willi Kollos neuer Operette „Marietta“. Besonders ein Lied aus dem Stück hat es ihnen angetan. Beim Anzünden der roten Kerzen und beim Christbaumschmücken pfeifen sie es, beim Gang zur Kirche flüstern sich kichernde Freundinnen den Text ins Ohr: „Warte, warte nur ein Weilchen…“.

Ungefähr 280 Kilometer westlich der Hautstadt, im beschaulichen Hannover, erleben zwölf oder mehr Familien nach hoffnungslosen Monaten einen traurigen Winter. Sie alle haben ihre Söhne verloren und kaum Anhaltspunkte für deren Verbleib erhalten. Die Polizei Hannover und die Stadtbevölkerung aber wiegen sich in Sicherheit. Sie vermuten, dass die Jungen und Männer nur abgehauen sind und sich schon irgendwann zurückmelden werden. Am Heiligabend ahnen sie alle nicht, dass schon kurz darauf mindestens zwölf weitere Söhne verschwunden sein und nie zurückkehren werden.

Was sich in den Jahren 1918 bis 1924 in Hannover abspielte, gilt als beispielloser Kriminalfall, der bis heute trotz oder wegen seiner schaurigen Geschichte fasziniert und vor allem mit einem Namen verbunden ist: Fritz Haarmann, auch bekannt als „der Vampir“, „der Schlächter“ oder „der Werwolf von Hannover“. Im Hauptbahnhof Hannover, in den 1920ern Sammelstelle für Diebe, Prostituierte und Drogenhändler, sprach Fritz Haarmann junge streunende Männer an und lud sie großzügig für eine Übernachtung und Essen zu sich nach Hause ein. Zugang zu den Wartesälen des Bahnhofs erhielt er absurderweise, weil er nach etlichen Haftstrafen wegen verschiedener Delikte (Betrugsversuche, Körperverletzung etc.) als Spitzel für das hannoversche Diebstahlkommissariat arbeitete. Die jungen Männer lockte er in die damalige Neue Straße Nr. 8 (später Rote Reihe) in der Altstadt, wo er sie in seiner Kammer missbrauchte und im Zuge sexueller Erregung umbrachte. Nach eigener Aussage biss er ihnen die Kehle durch; der genaue Tötungsakt konnte jedoch im Haarmann-Prozess nicht geklärt werden. Genau so wenig ist bekannt, was mit dem Fleisch geschah, das Haarmann sorgfältig von den Leichenknochen schabte, bevor er diese in der Leine versenkte (das führte zu dem späteren Irrglauben, Haarmann sei ein Fleischer gewesen). Dass in Hannover niemand etwas von den Morden bemerkte, die in Haarmanns Erdgeschoss-Wohnung mit Doppelfenstern zur Straße und einer Glasscheibe zum Treppenhaus hin geschahen, ist nahezu unvorstellbar. Schließlich muss er beim Zerteilen der Leichen mit einem Hackebeil erheblichen Lärm verursacht haben und seine ständigen Herrenbesuche müssen den Nachbarn aufgefallen sein.

Doch in der Nach- und zugleich Vorkriegszeit sind die Hannoveraner zu sehr mit sich selbst beschäftigt. In dem Buch „Alltag zwischen Hindenburg und Haarmann. Ein anderer Stadtführer durch das Hannover der 20er Jahre“ der Geschichtswerkstatt Hannover wird der Fall Haarmann anschaulich zu den damaligen Lebensumständen der Hannoveraner in Bezug gesetzt. Die Zwanziger Jahre sind eine raue Zeit, in der viele Menschen gegen Armut und Arbeitslosigkeit kämpfen. Von ihren wirtschaftlichen Sorgen versuchen sie sich mit Unterhaltung (aber auch mit Gewalt) abzulenken. Das erklärt, warum Hoffnung versprechende Lieder wie „Warte, warte nur ein Weilchen“ so beliebt sind. 1924 landen Ina Brosow und Rudolf Scherfling mit einem Arrangement von Kollos Operettenstück einen Hit in Deutschland.

Inzwischen ahnt die Polizei Hannover, dass es sich bei den verschwundenen Jungen nicht um Ausreißer handelt. Im Leinebett werden Knochen gefunden, die auf jugendliche Leichen hinweisen. Am 23. Juni 1924 nimmt die Polizei endlich den Täter fest. Unter anderem können Anschuldigungen eines entkommenen Opfers und in Hannover getragene Kleidungsstücke auf den „Kleiderhändler“ Fritz Haarmann zurückgeführt werden. Zusammen mit seinem Partner Hans Grans hatte Haarmann nämlich die Kleider der Opfer weiterverkauft oder scheinheilig an Bedürftige gespendet.

Der unglaubliche Tathergang und die lange ins Leere laufende Verfolgungsjagd der Polizei enden in einem sensationellen Prozess. In der von Hass und Rachegelüsten getriebenen Bevölkerung brodelt die Stimmung bis zur Forderung nach Lynchjustiz hoch. Die unter Druck stehenden Polizeibeamten bringen Haarmann bei einer Befragung dazu, seinen Freund Hans Grans als Mittäter zu beschuldigen. Später zieht der Mörder diese Aussage zurück, die er angeblich unter Folter gemacht habe. Zur Überraschung des vorsitzenden Richters und des Staatsanwaltes bestätigen einige Eltern der ermordeten Opfer im Gericht das gewalttätige Vorgehen der Polizei an dem Beschuldigten. Sie hätten die Folterung mitangehört und durch ein Schlüsselloch beobachten können.

Der Pädagoge und Philosoph Theodor Lessing, zur damaligen Zeit Professor an der hannoverschen Universität, schreibt für das „Prager Tagblatt“ über das Verfahren und wird aufgrund seiner polizeikritischen Texte („Ein Justizmord ist begangen!“) des Gerichtssaals verwiesen. Über den Fall äußert er sich in seinem 1925 veröffentlichten Bericht „Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs“ entsetzt: „Wie ist das möglich? Und wenn das möglich ist, in welcher Zeit, welchem Staate leben wir?“ Daraufhin fordert Lessing ein öffentliches Schuldbekenntnis der Hannoveraner. „Unserer aller Schuld“ soll auf einem Gedenkstein in der Stadt stehen, doch das Projekt wird abgelehnt. Der Haarmann-Fall ist der Anfang vom Untergang dieses streitbaren deutsch-jüdischen Professors, der nach weiterer Kritik an seiner journalistischen Arbeit und der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 ermordet wird.

Den Prozess an Fritz Haarmann und seinem Partner Hans Grans, der als Komplize gilt und zwölf Jahre im Zuchthaus absitzt, erlebt die Bevölkerung als Spektakel. Die Hannoveraner dichten den Schlager „Warte, warte, nur ein Weilchen“ in verschiedene Versionen zum Abzählvers über den Serienmörder um: „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir.“ In den Straßen und Bars erklingt die Verulkung, die sicherlich auch als Abwehrreaktion dient und helfen soll, das Geschehene zu verarbeiten.

Nach der Hinrichtung Haarmanns am 15. April 1925 wird das „Haarmann-Lied“ mehrfach in Filmen oder Musikstücken aufgegriffen. 1931 schreibt Fritz Lang mit der Veröffentlichung seines Thrillers „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ Filmgeschichte. Darin singen Kinder auch das „verfluchte“ Lied, obwohl es ihnen von Erwachsenen verboten wird. Genau 30 Jahre später landen Hawe Schneider und seine Spree City Stompers mit ihrer Dixieland-Version des Haarmann-Liedes eine Platzierung in den Top10 der deutschen Charts, die sie 20 Wochen halten können. Heute zählt das Youtube-Video mit dem „Haarmann-Lied“ über 370.000 Klicks. Auf der Videoplattform ist es schneller zu finden als das ursprüngliche harmlose Original aus Kollos Operette.

Wenn Fritz Haarmann wüsste, dass sein Name im Jahre 2014 immer noch berühmt-berüchtigt ist und seine Taten in Liedern besungen werden, dann würde er sich womöglich freuen. „Die Knochen sollen alle mit mir beerdigt werden und alle Welt soll noch in tausend Jahren von mir sprechen“, schrieb er kurz vor seiner Hinrichtung im April 1925. Schon allein das wäre Grund genug, sich nicht mehr mit dem „Werwolf von Hannover“ zu beschäftigen – dem Mann, der zugleich Polizeigehilfe, Kleiderhändler, Kleinkrimineller und Mörder von mindestens 24 Jungen und Männern war. Und doch erzählt das Haarmann-Lied nicht nur von den Gräueltaten des Mörders, sondern indirekt auch von denen, die das Unglück ignorierten, zuließen oder es aus Sensationsgier herausforderten. Theodor Lessings Gesellschaftskritik bietet somit Grund genug, sich mit dem Lied des Grauens auseinanderzusetzen: „Im übrigen dürfte meine Darstellung des Kriminalfalls älter werden als die Akten des Gerichts und in irgendwelchen denkenden und forschenden Köpfen dennoch zur Wiederaufnahme des Verfahrens führen.“

Corinna Lüke

Bildnachweis: Archivbild (gefunden auf www.klausenkultur.de)

2017-11-29T16:40:11+00:00 April 2014|Kategorien: Verbrechen|