Zwischen Kunstform und Straftat

Remixe, Samples und Mash-Ups stellen die rechtlichen Grundlagen von Musikverwertung in Frage

7.23 Uhr. Die Tanzfläche leert sich langsam, bis auch die letzten Gäste den dunklen Club im Keller Richtung Sonnenaufgang verlassen – für den DJ und Produzenten Mario van Vegaz ein normaler Sonntagmorgen und damit Feierabend. Sorgfältig sortiert er seine Ausrüstung zurück in Kisten und Taschen und kontrolliert noch einmal, ob er auch kein Kabel vergessen hat. Sein DJ-Set bestand diese Nacht etwa zur Hälfte aus Remixen. Das geht vielen seiner DJ-Kolleginnen und -Kollegen heutzutage auch so. Gerade in der elektronischen Tanzmusik sind sie zu einem festen Bestandteil der Klubkultur geworden. Remixe, Samples und Mash-Ups sind heute so selbstverständlich wie ein MP3-Download. Aber sie haben ihre rechtlichen Tücken…

Begonnen hat die Remix-Kultur mit der Maxi-Single. Anfang der 1970er Jahre, inmitten der Disco-Ära, arrangierten die Musik-Produzenten und DJs Tim Moulton und Walter Gibbons erstmals Musiktitel (vor allem Disco-Songs) neu, um ihre Spieldauer zu verlängern und ein kreativeres Mixing für DJs möglich zu machen. Als Moulton 1976 einen neuen Remix auf Vinyl pressen lassen wollte, war beim Presswerk das gängige Sieben-Zoll-Single-Format nicht mehr vorrätig, und er ließ es spontan auf das Zwölf-Zoll-LP-Format pressen. Dabei bemerkte er eine erhebliche Qualitätssteigerung. Kurz darauf hatte sich das Maxi-Single-Format durchgesetzt. Gleichzeitig tauchte der Begriff „Remix“ erstmals auf, als Moulton und Gibbons die längeren Versionen von Musiktiteln produzierten. Er stand für die Veränderung und Intensivierung des dramaturgischen Aufbaus von Musiktiteln, was DJs beim Aufbau eines Sets sehr hilfreich war. Vor allem die nachträgliche Verlängerung von Intros und Outros erlaubte DJs mehr Spielraum beim kreativen Mixing zweier Titel. Die Präsentation der Remixe in Diskotheken diente der Musikindustrie wiederum als sehr effektives Marketinginstrument.

Eine bekannte Form des Remixens ist das Sampling. In der entstehenden Hip-Hop-Kultur der 1980er Jahre wurden zunehmend genreübergreifend Elemente aus anderen Songs übernommen und neu interpretiert. Hip-Hop-Pionier Afrika Bambaataa sampelte 1982 für den Underground-Hit „Planet Rock“ den Kraftwerk-Titel „Trans-Europa Express“ von 1977. Der Hip-Hop hat das Sampling zwar nicht erfunden, aber durch ihn hat die Technik ihre Bedeutung erlangt, und sie nimmt bis heute maßgeblichen Einfluss auf die Musik-Kultur. Von einzelnen Sounds, z.B. von eine Drum-Kick, bis hin zur vollständigen Melodie wird alles neu interpretiert, was gefällt. In verschiedenen Genres, Sub-Genres und Kulturen hat sich die Remix- und Sampling-Kultur unterschiedlich entwickelt, was z.B. Ulf Poschardt in seinem Buch „DJ-Culture“ umfassend beschreibt.

Neben den Clubs und Diskotheken ist das Studio der wichtigste Arbeitsplatz für einen DJ und Produzenten. Wenn Mario van Vegaz nicht vor einem Publikum steht, sitzt er im Studio vor Monitoren, Keyboards, Drum-Machines und Midi-Controllern und produziert sowohl eigene Musik als auch Remixe.

Remixe sind nicht nur in ihrer musikalischen Beschaffenheit sehr komplex. Auch die rechtlichen Grundlagen sind vielschichtig. Auskennen sollte man sich vor allem mit den Urheber- und dem Leistungsschutzrecht. Letzteres ist auch als Masterrecht oder unter dem Begriff „verwandte Schutzrechte“ bekannt. Im Urheberrecht werden musikalische Werke als geistige Schöpfungen geschützt. Es gilt bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Komponisten und Autoren können darüber bestimmen, ob und wie ihre musikalischen Werke für eine Bearbeitung verwendet werden dürfen. Urheber können eine Bearbeitung ihrer Werke verbieten, wenn sie der Meinung sind, diese würden die Werke entstellen oder ihre persönlichen Interessen am Werk gefährden. Das Urheberrecht ist nicht übertragbar. Selbst wenn der Komponist wollte, könnte er es an niemanden abtreten. Außerdem liegen das Vortrags-, Aufführungs- und Vorführungsrecht, das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung, das Senderecht und das Recht der Wiedergabe durch Bild- und Tonträger beim Urheber.

Für die Wahrnehmung all dieser Rechte lassen sich Urheber in der Regel von der Verwertungsgesellschaft GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) vertreten. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Urheber für die Nutzung ihrer Werke angemessen entlohnt werden. Dafür erhebt die GEMA Gebühren (Tantiemen), z.B. in Fernsehen, Radio, Klubs, Diskotheken, Restaurants und Einzelhandel. Diese Gebühren schüttet die GEMA dann an die Urheber aus. Da die Verwertungsgesellschaft nicht immer exakt nachvollziehen kann, wann welches Werk wo und wie oft gespielt wurde, verwendet sie einen Verteilungsschlüssel, der sich aus statistischen Erhebungen ergibt. In der Öffentlichkeit wird die GEMA oft für diesen Verteilungsschlüssel kritisiert, da er sehr komplex gestaltet ist und wenig transparent wirkt. Im jährlichen Geschäftsbericht der Verwertungsgesellschaft findet man eine kurze Erläuterung zur Berechnungsgrundlage des Verteilungsschlüssels.

Eine Auseinandersetzung mit dem Urheberrecht allein reicht aber nicht, denn beim Remixing geht es vor allem um das Sampeln, Kopieren, Transformieren und Kombinieren vorhandener Aufnahmen von Musiktiteln. Deshalb greift das auch Leistungsschutzrecht, das die Rechte der ausführenden Musiker schützt. Das sind die Musiker, die an der Aufnahme eines Songs mitwirken, ohne dabei an der kreativen Schöpfung teilzuhaben, also vor allem Studio-Musiker. Sie erhalten in der Regel eine Tagesgage für das Einspielen und nicht wie die Urheber Tantiemen für die weitere Nutzung der Werke. Denn anders als Urheber können ausübende Künstler die Nutzungsrechte ihrer Arbeit vollständig abtreten.

Um ein Gagendumping und die Ausnutzung von Musikern zu vermeiden, sichert das Leistungsschutzrecht ihnen eine angemessene Vergütung zu (§79a UrhG). Für die Wahrnehmung des Leistungsschutzrechtes ist die GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten) zuständig, wie es die GEMA für die Urheber ist. Wie das Urheberrecht ist auch das Leistungsschutzrecht zeitlich begrenzt. Es erlischt 70 Jahre nach der ersten Veröffentlichung einer Aufnahme. Die Frist betrug ursprünglich 50 Jahre und wurde erst vor ein paar Jahren erhöht. In Fachkreisen wird gemunkelt, dass das mit den Aufnahmen zu hat, die sonst derzeit nicht mehr vom Leistungsschutzrecht abgedeckt wären: z.B. denen der Beatles, die auch heute noch hohe Erträge einbringen. Mit der 70-Jahres-Frist liegt aber das „Stichjahr“ bei 1944, als der fortschrittlichste Tonträger die Schellackplatte war. Die Aufnahmen aus dieser Zeit sind nun mal weniger lukrativ als die Popmusik der folgenden Jahrzehnte.

Der rechtliche Spielraum für Remixer ist also alles andere als groß. Dennoch gibt es massenhaft Remixe. Besonders auf YouTube, Soundcloud und anderen digitalen Musiknetzwerken stolpert man über immer neue Interpretationen und Arrangements bekannter Songs. Aber nur die wenigsten Remixer haben die Erlaubnis des Urhebers eingeholt. In den letzten Jahren hat sich der Trend verstärkt, dass immer mehr Leute durch die fortschreitende Digitalisierung und Verfügbarkeit der Technik (Laptop, Controller, usw.) selbst zu Produzenten werden. Die Masse der Produktionen nimmt also immer weiter zu. „Saitensprung“ hat sich dazu mit Mario van Vegaz unterhalten, einem jungen aufstrebenden DJ, Produzenten und Remixer, der sich vor allem der elektronischen Tanzmusik verschrieben hat. Bei dieser Entwicklung sieht er sich in einem Zwiespalt: „Was die technische Entwicklung betrifft, ist es einfach nur genial, was man heutzutage allein mit einem Laptop und entsprechender Software anstellen kann. Demzufolge werden aber auch immer mehr Lieder veröffentlicht, und betrachtet man die täglichen Veröffentlichungen, wird es zudem immer schwieriger, überhaupt Beachtung zu finden.“ Er spricht von einem Werteverfall der Musik, da der vereinfachte Zugang zu Produktionsmitteln oft zu amateurhaften Resultaten führt.

Auch der rechtlichen Problematik ist er sich bewusst. Er produziert Remixe vor allem als Aufträge von Labels oder anderen Künstlern, was ihm die Rechte-Recherche in der Regel erspart. Trotzdem: „Hin und wieder nehme ich mal bei diversen Remix-Contests teil und sample Sachen, die mir gefallen, wobei ich persönlich darauf achte, dass es nur kleinere Sound-Elemente sind und dabei ein eigenständiger Track entsteht. Dennoch nutzt man auch Elemente, ohne sich die Nutzungsrechte einzuholen. Dabei ist aber immer entscheidend auf welche Art und Weise dies geschieht.“ Er empfiehlt vor allem bei einem hohen Wiedererkennungswert zum Original die Nutzungsrechte vorher abzuklären.

Gibt es eine auch empfehlenswerte Herangehensweise, wenn man einen Remix machen will? Für Mario jedenfalls nicht: „Ich lasse mich zuerst einmal von dem gelieferten Material inspirieren, und dann können die Wege völlig verschieden sein. Wenn erst einmal ein Teil des Grundbeats steht, fokussiere ich mich auf einzelne Teile und baue diese nach meinem Ermessen um oder gebe dem Ganzen eine neue Struktur. Dabei achte ich schon darauf, dass einzelne Charakteristiken des Originals in meinem Remix wiederkehren, so dass der Bezug zum Original gegeben ist.“

Viele Urheber stehen vor dem Problem, dass sie mit ihrer kreativen Arbeit, also ihren Kompositionen, nur Geld verdienen können, wenn sie GEMA-Mitglied werden und/oder ihre Nutzungsrechte von einem Verlag verwalten lassen. Ein Musikverlag kann einem Komponisten helfen, indem er ihm Kontakte und Aufträge vermittelt. Gleichzeitig müssen alle Einkünfte, die der Komponist erzielt, mit dem Verlag geteilt werden. Verlage bekommen dann in der Regel 33 bis 40 Prozent des Künstlereinkommens. Einmal bei der GEMA, kann der Komponist fortan nicht mehr frei darüber entscheiden, welche seiner Werke wie lizenziert werden. Jedes Werk wird automatisch in den GEMA-Katalog aufgenommen, und der Urheber kann es nicht zur freien Verfügung stellen, z.B. für Remixer. Oft werden Stimmen laut, die fragen, warum es eigentlich nur eine Verwertungsgesellschaft gibt. Warum rüttelt niemand am Monopol der GEMA?

Tatsächlich passiert das schon längst. Die C3S (Cultural Commons Collecting Society) hat derzeit die Form einer europäischen Genossenschaft. 2015 soll beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) der Antrag auf Zulassung zu einer Verwertungsgesellschaft gestellt werden. Auf ihrer Webseite (www.c3s.cc) beschreibt sich die C3S als gemeinschaftliche Initiative, die es Künstlern ermöglichen will, ihre Werke nicht-exklusiv, nicht-kommerziell oder auch kommerziell verwerten zu lassen. Der Künstler steht im Mittelpunkt und hat die volle Entscheidungsgewalt darüber, welche seiner Werke er wie verwerten möchte. Das würde völlig neue Umgangsformen mit Musik für die Remix-Kultur ermöglichen, denn die C3S wird Creative Commons-Lizenzierungen (CC) anbieten und deren Verwertung ermöglichen. Urheber können dann frei bestimmen, welche Werke wie verwendet werden dürfen. Sie können zum Beispiel die kommerzielle Nutzung explizit ausschließen oder das Werk zur uneingeschränkten Nutzung und Bearbeitung (Public Domain) freigeben. Die GEMA bietet derzeit keine CC-Lizenzen an und beabsichtigt das nach eigener Aussage auch nicht.

CC-Lizenzen sind im Vergleich zu den „normalen“ kommerziellen Lizenzen noch relativ wenig verbreitet. Einige Leute sehen das Problem im Urheberrecht selbst. Der Filmemacher Brett Gaylor stellt in seinem Dokumentarfilm „RiP: A Remix Manifesto“ vier Thesen auf: 1. Kultur baut immer auf der Vergangenheit auf. 2. Die Vergangenheit versucht immer die Zukunft zu kontrollieren. 3. Unsere Zukunft wird weniger frei sein. 4. Um freie Gesellschaften aufzubauen, muss der Einfluss der Vergangenheit eingeschränkt werden. Vor allem mit der ersten These steht er nicht alleine da (vgl. auch das Interview mit Hartmut Fladt in diesem Heft). Sein Kollege Kirby Ferguson argumentiert in seiner vierteiligen Dokumentarfilmreihe „Everything is a Remix“ sehr einleuchtend, dass die Welt, in der wir heute leben, ein Remix ihrer selbst ist. Er bezieht sich dabei nicht nur auf Musik, sondern auch auf Erfindungen, die nur durch das Kopieren, Transformieren und Kombinieren von Ideen anderer erreichbar waren, wie zum Beispiel die Glühbirne oder das Auto. Doch gerade im Bereich der Musik zeigt er unmissverständlich, dass die Wiederverwertung von schon dagewesenen Ideen und Werken allgegenwärtig ist. Led Zeppelin beispielsweise haben in den 1970er Jahren umfangreich bei Bluesmusikern der 1960er Jahre abgeschrieben und deren Songs kopiert, um 20 Jahre später wiederum selbst kopiert zu werden.

In Deutschland wird Gaylors und Fergusons Meinung geteilt, z.B. von der Initiative rechtaufremix.org. Ihr Manifest folgt den gleichen Ansätze wie das der beiden US-amerikanischen Regisseure und argumentiert: „Remix ist eine kreative Kopie, die als solche erkennbar ist. In dem Maße, in dem die kreative Kopie Teil des kommunikativen Alltags breiter Bevölkerungsschichten wird, ist ein Recht auf Remix eine grundlegende Voraussetzung für die Kunst- und Meinungsfreiheit einer Gesellschaft.“ Die Initiative geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert drei digitale Kreativitätsrechte: 1. Das Recht, Werke bei der Nutzung zu verändern und das Ergebnis öffentlich zugänglich zu machen (Pauschalvergütetes Transformationsnutzungsrecht). 2. Das Recht, Remixe von bestehenden Werken zu erstellen und diese öffentlich zugänglich zu machen (Pauschalvergütetes Remixrecht). 3. Das Recht, gegen Zahlung einer angemessenen Vergütung Remixe auch kommerziell zu verwerten (Lizenzpflichtiges Remixverwertungsrecht). Diese könnten einen Grundstein legen, der zu einem offeneren Umgang mit künstlerischen Werken führt. Ein völlig neues kreatives Arbeiten wäre denkbar.

Derzeit macht sich jeder Remixer strafbar, der Samples benutzt ohne vorher Urheber, Verlag und Label um Erlaubnis zu fragen. Gerade junge aufstrebende Remixer ohne Management und Label-Unterstützung haben nicht die Ressourcen, sich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen, und produzieren einfach ohne Erlaubnis. Täglich werden etliche neue Remixe auf YouTube, Soundcloud, etc. hochgeladen. Die meisten davon sind faktisch Urheberrechtsverletzungen und damit strafbar und der Remixer ein Krimineller. Das Remixen hat die Grenzen der Musik schon lange gesprengt. Der umfassende Gebrauch dieser Technik stellt auch die rechtlichen Grundlagen, die ihr entgegenstehen, in Frage. Online-Portale wie www.whosampled.com und www.the-breaks.com bieten umfassende Archive über verwendete Samples und angefertigte Remixe. Die Popularität und das Interesse am kreativen Umgang mit vorhandenem Material sind groß. Es bleibt also die Frage, ob und wie sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern, um einen freieren Umgang mit Kreativität zuzulassen.

Lisa Haupt

Bildnachweise: Lisa Haupt

2018-01-27T17:06:21+00:00 April 2014|Kategorien: Verbrechen|