Einfallsreich

Da sitzt er nun vor seinem ausladenden Kolonialschreibtisch. Es ist schon lange dunkel. Das einzige Licht spendet seine grüne Bankierlampe, deren goldene Zugschnur über seinem Whiskyglas herabhängt. Immer und immer wieder legt er dieselbe Platte auf.
„Es geht doch nichts über ein gutes Stück Jazz“, denkt er sich, als er erneut vorsichtig die Nadel auf das Vinyl setzt.
Mit seinem vierten Glas Scotch setzt er sich in den ledernden Chesterfield-Sessel und lässt sich von den Klängen längst vergangener Zeiten umhüllen. Beim Blick auf die Wanduhr springt er plötzlich aus dem Sessel auf. „Scheiße. Die Musikrezension“, flucht er, als ihm einfällt, dass heute Deadline ist. Hektisch kramt er in einem Stapel CDs, fischt das gesuchte Album heraus und legt es ein. Seiner überaus wohlwollenden Laune geschuldet, spielt er nicht nur die ersten vier Lieder kurz an, sondern lauscht sogar noch den ersten sechs Sekunden des fünften Songs. Zweimal springt er obendrein in die Mitte eines Songs, um sicherzugehen, dass sich der Eindruck der ersten Sekunden bestätigt. „Ja, wusste ich doch“, muss er dabei leider jedes Mal feststellen.
Weil er der Band großzügig eine letzte Chance geben will, ihn noch zu überzeugen, hört er dann doch in die letzten acht Sekunden des finalen Stücks rein. „Ich hab’s versucht“, resümiert er schwermütig, während seine ersten Zeilen noch vor dem Schlussakkord die Seite füllen: Die Texte sind leider nicht innovativ, der Klang kaum andersartig, schon gar keine frischen Melodien oder einfallsreiche Rhythmen, der Gesang nur ansatzweise originell, das Konzept wenig ideenreich und die Songstruktur nur selten unkonventionell.
Erleichtert lehnt er sich zurück in seinen Sessel und vergisst beim nächsten Glas und den vertrauten Klängen der Jazzplatte den Ärger über 15 Minuten Zeitverschwendung. „Nur noch einmal durchhören“, denkt er sich, „nicht einen Ton dieses Meisterwerkes darf ich verpassen.“

Sarah Rott

Bildnachweis: Sarah Rott

2017-11-23T15:42:20+00:00 Oktober 2014|Kategorien: Zukunftsmusik|Tags: |