Fünf Songs

ROLLING ON A RIVER

Musik ist wie ein Fluss, der sich seinen Lauf durch Berge und Täler bahnt, sich dabei ständig verändert, mal breiter, mal schmaler wird, mal ein reißender Strom, dann wieder ein ruhiges Bächlein, Ableger bildet und dabei immer Spuren hinterlässt. Unendlich viele Künstler sind auf diesem Fluss schon ein Stück mitgefahren. Einige haben sich dabei etwas genauer angeschaut, welche Wendungen das Wasser nimmt, ihre Beobachtungen in neues Liedgut verwandelt und damit den Flussverlauf wieder beeinflusst.

CHUCK BERRY
Roll over Beethoven
1956

„…and tell Tschaikowsky the news.“ Ganz schön gewagt, was Chuck Berry in seinem Song fordert. Der jugendlichen Meute hat’s gefallen. Sie feierte den von Berry proklamierten Rock ’n’ Roll. Meist zum Leid der Eltern, die vielleicht wünschten, ihr Kind würde, statt zum Offbeat die Hüften kreisen zu lassen, lieber das Klavier mit klassischen Etüden besetzen, wie Chuck Berrys Schwester. Ihm selbst blieb also nichts übrig, als zur Gitarre zu greifen um mit seinen Riffs das Ende der Klassik und den Triumphzug des Rock ’n’ Roll zu verkünden. Dabei wird gerade Beethoven doch teilweise als Erfinder des Riffs gehandelt. Wie perfekt die beiden Musikgenies sich ergänzen, zeigt 1973 das Electric Light Orchestra, die in das Intro ihrer Coverversion den ersten Satz von Beethovens fünfter Sinfonie einbauen, der nahtlos in Berrys Gitarrensound hinüber geht. Ob Ludwig sich eher auf die Seite der jugendlichen Meute oder auf die ihrer Eltern geschlagen hätte?

COMMON
I Used to Love H.E.R.
1994

H.E.R. ist für Common mehr als eine Frau, H.E.R. ist Hearing Every Rhyme und Hip Hop in its Essence is Real. Und genau da liegt der Knackpunkt. Der Rapper trauert um sein Mädchen Hip-Hop. Die Liebe seines Lebens, die wegzog und zur Gangsterbraut wurde. Wohin ist sie gezogen? Von der Ostküste an die Westküste der USA. Wer sich auch nur ansatzweise in der Hip-Hop-Szene auskennt, weiß, was in dieser Liebesgeschichte an Zündstoff verborgen liegt. Und die Bombe ist hochgegangen. Höhepunkt dieses Konfliktes zwischen East- und Westcoast waren die Morde an 2Pac und Notorious B.I.G.. Commons Beitrag zu diesen Anfeindungen behauptet, dass sich Hip-Hop an der Westküste vom Conscious Rap zu G-Funk, Gangster Rap und Mainstream entwickelt, und etabliert sich zu einem bedeutenden Werk seines geliebten Genres.

REINHARD MEY
Ein Stück Musik von Hand gemacht
1986

Ganz allein steht er da, auf dieser großen, schlichten Bühne vor schwarzem Hintergrund. Nur seine Gitarre und die kleine runde Brille über den wachen, fast erschrockenen Augen, mehr braucht er nicht. Dann fängt er an zu singen: „Wenn der große, wilde Rock ’n’ Roller rockt und rollt, mit der Wahnsinnslasershow über die Bühne tollt, dann denk’ ich dran, dass, wenn jetzt jemand an der Sich’rung dreht, der Rockstar mucksmäuschenstill, lammfromm und im Dustern steht.“ Reinhard Mey geht mit diesem Lied zurück. Weg von Digitalisierung, „Steckdosenmusik“, Computerperfektion, Wegwerfmentalität und Einheitsbrei, hin zu kleinen Fehlern, Entschleunigung, Menschlichkeit und „Musik aus Fleisch und Blut“. Für ihn liegt das Neue im Alten, und wenn man ihm lauscht, wie er mit klarer Stimme dieses kleine Stück Gesellschaftskritik in eine Ode ans Leben einpackt, kommt man vielleicht auch zu folgendem Schluss: „Da lob ich mir ein Stück Musik von Hand gemacht, noch von einem richt’gen Menschen mit dem Kopf erdacht.“

CRASS
Punk is dead
1978

„Yes that’s right, punk is dead, It’s just another cheap product for the consumers head“, deklariert die Punkband Crass bereits auf ihrem ersten Album. Die Anklage richtet sich an The Clash, die Sexpistols und Patti Smith. Sie lautet: Die Beschuldigten hätten die ursprüngliche Idee des Punk zur reinen Modeerscheinung degradiert. Das eigentlich Neue am Punk, was laut Crass bei den anderen auf der Strecke blieb, haben sie selbst konsequent durchgezogen: Anti-Kommerz, Anti-Krieg, Anti-Musikindustrie, Anarchie und (fast) alles in DIY-Eigenarbeit. Diese Konsequenz hatte aber auch ihren Preis. Crass geriet ständig mit Staat, Kirche und Medien in Konflikt. Am Ende fühlten sich die Anarcho-Punks ausgebrannt und erschöpft. Letztendlich auch ein Grund für die Auflösung 1984. Das Jahr, von dem viele behaupten: „Punk is dead.“

THE BUGGLES
Video killed the radio star
1978

Der Titel spricht für sich. Vorbei die Zeiten, in denen sich Nat King Cole und Benny Goodman hinter den elektromagnetischen Wellen des Radios verstecken konnten. Unaufhaltsam haben sich Fernsehwellen ihren Weg in die Wohnzimmer gebahnt und den Hörfunkapparat ins Badezimmer oder Auto verbannt. Selbstverständlich also, dass das Musikvideo zu diesem Song am 1.8.1981 um 00:01 Uhr als erster Beitrag auf MTV die Ära der Musiksender einläutete. Im Video tritt kein Geringerer auf als Hans Zimmer, der als Filmusikkomponist mit seiner Performance am Synthesizer die neue Technik der Visualität und den Schöpfungsakt von elektronischen Klängen zu zelebrieren scheint. Band-Mitglied und Produzent Trevor Horn, auch bekannt als „Mann, der die Achtziger erfand“, wird dabei allerdings auch ein wenig nostalgisch. So fragt er sich etwa, was man den Kindern erzählen soll, die ein bedeutendes Stück Musikgeschichte nicht erleben durften. Anspielungen auf das Lied und Weiterentwicklungen gibt es zahlreiche. 2009 hat Robbie Williams mit dem Album „Reality killed the video star“ seinem Produzenten Trevor Horn gehuldigt. Am treffendsten formuliert es The Broad Band: „Internet killed the video star.“

Sarah Rott

Bildnachweise: Lizenzfrei

2017-12-13T16:49:11+00:00 Oktober 2014|Kategorien: Zukunftsmusik|Tags: |