Gespür, Geschmack und etwas Glück

Wie schreibt man einen Hit? Rezepte taugen nur bedingt, wissen die Pop-Professoren Michel van Dyke und Peter Weihe

Als Michael Jackson fünf Jahre alt ist, steht er zum ersten Mal auf einer Bühne. Mit neun ist er bereits Lead-Sänger der „Jackson 5“, und nur zwei Jahre später beginnt bei Motown Records eine der erfolgreichsten Pop-Geschichten aller Zeiten. Das Label versteht es früh, erfolgreiche Songs zu produzieren: Dreiminüter, die zum Tanzen anregen, eine eingängige Rhythmik und ein zyklischer Aufbau. Heute, rund 60 Jahre später, haben sich die technischen Rahmenbedingungen für Musiker verändert – der Gegenstand „Musik“ aber ist gleich geblieben. Wie schreiben Künstler heute Hits? Wie können sie sich immer wieder neu erfinden?

„Du trägst keine Liiiiiebe in dir“, grölt die Meute. 6000 Menschen im Publikum, auf der Bühne die Flensburger Band Echt. Mittendrin steht Michel van Dyke und kann es noch immer nicht ganz glauben. Er hat diesen Titel geschrieben und damit das geschafft, wovon viele nur träumen: einen Riesenhit zu landen. Das war 1999. Heute ist Michel van Dyke nicht nur weiterhin aktiver Musiker, sondern auch Professor für Songwriting und Komposition an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Die Studierenden lernen bei ihm, wie sie Texte schreiben und Musik komponieren, die berührt. Denn eins ist für Michel van Dyke ganz klar: Soll ein Song erfolgreich werden, muss er genau das tun – berühren. Dabei ist es ganz egal, ob der Song die Gefühle anspricht oder zum Tanzen anregt.

Wie schreibe ich einen Hit? Die Rolle des Songwriters

Erfolgsrezepte zum Schreiben solcher Songs sind aber nur bedingt nützlich. Van Dyke nennt das „Handwerk“: „Man könnte ein Buch mit Regeln aufstellen, zum Beispiel: Der Chorus sollte spätestens nach 50 Sekunden einsetzen. Oder: Der Song darf insgesamt nicht länger sein als drei Minuten oder drei Minuten dreißig.“ Dennoch gilt: Auch Songs, die gegen diese Regeln verstoßen, können erfolgreich werden – solange sie die Menschen berühren.

Als Michel van Dyke damals das Demo zu „Du trägst keine Liebe in dir“ aufnahm, war ihm bewusst, dass dieser Titel dem damaligen Massengeschmack überhaupt nicht entsprach: „Das Demo klang eher nach Phil Spector und nicht nach dem damals total angesagten Grunge. Ich dachte, Echt würden den Titel niemals singen, weil er ihnen viel zu unrockig wäre.“ Doch die Flensburger Band nahm den Song auf und erreichte damit ein Publikum, das weit über ihre eigentliche Zielgruppe, die Teenies der Endneunziger, hinausging. Er vermutet, dass „Du trägst keine Liebe in dir“ nicht so ein Erfolg geworden wäre, wenn er den Song selbst gesungen hätte: „Echt waren damals halt in aller Munde.“ „It’s not the song, it’s the singer“ heißt ein altes Prinzip, und das meint nicht nur die Performance eines Titels. Das Zusammenspiel aus Singer und Songwriter ist also für die Produktion eines Hits von Bedeutung.

Gespür für Zeitgeist und Zielgruppe? Die Rolle des Produzenten

Peter Weihe, Studiogitarrist und Professor für Gitarre und Producing/Recording in Hamburg und Hannover, ist selbst als Instrumentalist und Produzent auf vielen Hitproduktionen zu hören und kennt die unterschiedlichen Arbeitsweisen seiner Kollegen. Er weiß, dass der Produzent durch eben jene individuelle Arbeits- und Denkweise einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung eines Hits leisten kann. So kann er über Jahre hinweg eine sehr hohe Trefferquote haben, wenn es um das Produzieren von Chart-Erfolgen geht. Frank Farian zum Beispiel gehört zur Garde der Hitproduzenten und war mit Bands wie Boney M., Milli Vanilli und No Mercy international erfolgreich. Farian habe bei allen drei Gruppen mit derselben Formel gearbeitet, sagt Weihe: „Ein modernes Soundgewand, der aktuelle Groove der Zeit, gemischt mit populären Melodien und dazu internationale Sängerinnen und Sänger.“ Mit seinen Hits traf Farian jedes Mal den jeweiligen Zeitgeist.

Vor allem für junge Künstler, die vor ihrem Erstlingswerk stehen, kann die Zusammenarbeit mit gestandenen Produzenten von Vorteil sein. Diese können durch ihre Erfahrungen helfen, das von der Band angestrebte Zielpublikum zu erreichen. Nach Weihes Meinung braucht ein Produzent neben seinem Gespür für den Geschmack der Zeit allerdings auch noch etwas Glück. Es gebe aber auch hier kein Erfolgsrezept. Viele Produzenten versuchten verzweifelt, Hits zu produzieren, und scheiterten, und das, obwohl sie vielleicht technisch gesehen besser qualifiziert seien als die erfolgreichen Produzenten.

Hilfe oder Hindernis? Die Rolle des Labels

Man kann sich leicht vorstellen, dass das Verhältnis zwischen Künstlern und Label zuweilen recht angespannt ist. Nach Weihes Ansicht finden sich nur selten Belege dafür, dass das Eingreifen einer Plattenfirma direkt mit dem Erfolg einer Platte in Verbindung steht. Michel van Dyke würde das Label aber dennoch nicht verteufeln: „Manchmal ist die Plattenfirma ein guter Ratgeber. Wenn man künstlerisch wirklich weiß, was man will, und eine Vision hat von einem Album, dann braucht sie auch gar keinen Einfluss zu nehmen. Dann nimmt sie den Künstler so, wie er ist. Aber es gibt durchaus andere Künstler oder Bands, bei denen viel Potenzial brachliegt. Da kann eine Plattenfirma, wenn es gute Leute sind, die ein Gefühl haben für Musik und für Menschen, eine große Hilfe sein.“

Über einen kreativen Namen zum Erfolg? Die Nordic Ashtrays

Ein junges Beispiel individueller Vermarktungsstrategien liefert diese Band: Das „Organically Reproduced Idiots & Geniuses Introducing Nordic Ashtrays, Love, Peace & Ordinariness (in a completely new way)-Orchestra“ wählte die Taktik des ungewöhnlich langen Namens, um einen Wiedererkennungswert zu kreieren. In den Medien wird zwar immer auf die Kurzform des Bandnamens – Nordic Ashtrays – zurückgegriffen, dennoch hätten viele dabei direkt die Band mit dem langen Namen im Kopf, sagt Gitarrist Vinnie Lunke. Auch auf ein eindeutiges Genre will sich die Band nicht festlegen: „Unsere offizielle Beschreibung umfasst Blues, Funk, Rock, Hip-Hop und Ska. Hier und da spielen wir auch mal eine Popnummer oder einen Walzer.“ Das macht eine gezielte Vermarktung zwar zuweilen schwierig. Beim Publikum komme die Mischung aber überraschend gut an, so Vinnie.

Alles neu? Über die Notwendigkeit der Neuerfindung

Wenn ich einmal erfolgreich war, kann ich dann ewig so weitermachen, oder sollte ich mir von Zeit zu Zeit einen neuen Sound zulegen? Michel van Dyke und Peter Weihe glauben, dass es vor allem für die eigene künstlerische Entwicklung wichtig ist, sich offen für neue Einflüsse zu zeigen. „Wenn man merkt, dass man an einem Punkt ist, an dem man sich wiederholt, ist es wichtig, etwas Neues zu machen“, sagt van Dyke. Auch um sich selbst nicht zu langweilen, ist die Suche nach einem neuen Sound zuweilen interessant, ergänzt Weihe.
Gerade im Mainstream-Pop stehen Produzenten unter einem großen Druck, sich ununterbrochen neu zu erfinden. Der Zeitgeist ändere sich ständig. Die Plattenfirmen forderten immer wieder neue Sounds ein.
Eine ultimative Strategie zur Neuerfindung gibt es jedoch nicht. Michel van Dyke rät vor allem dazu, möglichst viel verschiedene Musik zu hören, sowohl Aktuelles als auch Vergangenes. Peter Weihe sieht es ähnlich: „Um sich neu zu erfinden, muss man neue Sachen hören und neue Sounds ausprobieren. Das ist manchmal schwierig, wenn man als Produzent mit Abgabefristen zu kämpfen hat.“ Eine Taktik könne aber sein, sich andere Arrangeure zu suchen, die neue Einflüsse beisteuerten.

Eine Neuerfindung birgt aber auch die Gefahr, die eigentliche Zielgruppe zu verfehlen: Meine Lieblingsband klingt auf einmal ganz anders – und das gefällt mir nicht. Auch hier kann ein Produzent mit Gespür für Zeitgeschmack und Zielpublikum Abhilfe schaffen. Der Produzent Andreas Herbig ist so ein Beispiel. Er verschaffte Künstlern wie Aha und Udo Lindenberg einen frischeren Sound, der aber stark an den ursprünglichen Klang anknüpfte – und damit ins Schwarze traf.

Die machen es richtig! Beispiele für gute Vermarktung

Wie in jeder Branche gibt es auch bei der Vermarktung von Musik Künstlerinnen und Künstler, die anderen voraus sind. Für Michel van Dyke ist der Stuttgarter Rapper Cro so ein Beispiel. Der hatte, noch bevor er überhaupt von einer Plattenfirma unter Vertrag genommen wurde, über soziale Netzwerke eine große Fangemeinde um sich geschart. Ähnliches gelang auch der US-amerikanischen Sängerin Lana del Rey, die durch die geschickte Benennung ihres ersten Hits „Video Games“ viele Klicks auf ihr Video generieren konnte.

Peter Weihe nennt zwei weitere Größen im Showgeschäft, die schon über Jahrzehnte erfolgreich sind: Auf der einen Seite Popikone Madonna, die sich, laut Weihe, ständig selbst erneuert hat und sich damit geschickt vermarktet. Auf der anderen Seite sieht Weihe die Rock-’n’-Roll-Urgesteine The Rolling Stones, die dadurch erfolgreich seien, dass sie sich seit Beginn ihrer Karriere musikalisch kaum verändert hätten. Eben dieses Konzept verfolgten laut Weihe auch die Toten Hosen.

Und nun? Auf die Hits, fertig, los?!

Sich ständig neu erfinden, sich ewig treu bleiben – beides kann funktionieren. Es gibt kein Patentrezept für den Riesenhit. Junge Musikerinnen und Musiker sollten sich heutzutage sozialer Netzwerke bedienen und so weit wie möglich selbst vermarkten, raten Michel van Dyke und Peter Weihe. Viele Plattenfirmen achteten verstärkt darauf, ob junge Künstler in der Lage seien, sich erfolgreich zu präsentieren, bevor sie unter Vertrag genommen werden.

Dennoch – und das haben Vergangenheit und Zukunft gemeinsam: Ein Quäntchen Glück darf bei all dem nicht fehlen. Manchmal kann man seinem Glück aber auch etwas auf die Sprünge helfen.

Julia Wartmann/Marlene Seibel

Bildnachweis: Warner Music

2017-11-23T15:42:48+00:00 Oktober 2014|Kategorien: Zukunftsmusik|