Hummelflug mit Pirouette

Jeder Liebhaber der Geige sollte sich eigentlich freuen, wenn das Instrument nach jahrelangem Desinteresse der breiten Öffentlichkeit plötzlich wieder im Mittelpunkt steht. Wenn Tausende von Menschen in ausverkauften Hallen einen Violinisten umjubeln, Mädchen bei in Takt wallendem Virtuosenhaar in Ohnmacht fallen, Videos von tanzenden Geigerinnen auf YouTube für Millionen von Klicks sorgen. Der Hype scheint nicht abzubrechen. Wir müssen es einsehen: Was André Rieu für unsere Großeltern war, sind David Garrett und Lindsey Stirling für unsere Generation.

Die Innovation, die seit einigen Jahren die Massen packt, ist einfach: Klassische Geige trifft auf rockige oder je nach Geschmack auch poppige und elektronische Elemente. Crossover nennt sich das. Expertise und zugegebenermaßen auch technische Meisterschaft werden massentauglich verpackt. Dazu noch gutes Aussehen, ein bisschen Rhythmusgefühl, ausgefallene Klamotten – und, puff, das Rockstar-Image ist erschaffen. Die Fans folgen auf dem Fuße. Doch ist es unbedingt nötig, mit gestretchten Beinen und Pirouetten durchs Video zu hopsen, um zu zeigen, wie cool und außergewöhnlich man ist, obwohl man ein klassisch-traditionelles Instrument in der Hand hält? Ist es anscheinend. War ja auch noch nie da in der Art und findet direkt Anhänger.

„Neulich war ich auf dem Garrett-Konzert, war gar nicht mal so schlecht“, kriegt man neuerdings sogar von Klassik-Fans immer öfter zu hören. „Die Karten waren ein Geschenk, selbst hätte ich mir die nie gekauft“, wird dann noch hastig hinterhergeschoben. Denn in der klassischen Szene laut auszusprechen, dass man die Musik der Genannten einfach gut findet, traut sich kaum jemand. Ist ja auch klar, wen diese Art von Musik eigentlich begeistert: nur die Ungebildeten und Kulturlosen, die keine Ahnung von „richtiger“ Musik haben. Für gebildete Hörer, die seit Jahren nur die vorzüglichen Klänge klassischer Musik an ihre Ohren lassen, ist das doch nichts, dieses massentaugliche Geplänkel.

Vielleicht war es aber auch längst einmal an der Zeit für eine Innovation im Bereich der Geigenmusik. Der Schritt vom Besuch eines Mega-Events, auf dem David Garrett den „Hummelflug“ auf „Smooth Criminal“ folgen lässt, zu einem Gang ins altbekannte Konzerthaus ist gar nicht so groß. Vielleicht finden dank Garrett und Stirling wieder mehr Menschen, jüngere Menschen, Geschmack an klassischer Musik oder zumindest an Musik, die auf klassischen Instrumenten gespielt wird. Und zugegeben, dieses Michael-Jackson-Medley, das geht ja doch ganz schön ins Ohr…

Linda Knauer

Bildnachweis: Sarah Rott

2017-12-13T17:24:12+00:00 Oktober 2014|Kategorien: Zukunftsmusik|Tags: |