Keep it visual

Wie Videoplattformen im Internet ein neues Musikverständnis ermöglichen

Aus unserem Alltag sind sie kaum noch wegzudenken: Videoplattformen wie YouTube, MyVideo, Clipfish oder Vimeo. Es ist noch nicht lange her, da hat auch die Klassik-Branche ihren Wert erkannt. Sie erreichen viele Menschen, und soziale Hürden können umgangen werden. Doch was leisten Videoplattformen für die Vermittlung klassischer Musik konkret? Ein persönlicher Streifzug durchs Internet und ein Vergleich zwischen YouTube und der Digital Concerthall der Berliner Philharmoniker – zwei viel beachteten Videoplattformen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

YouTube bietet als Videoplattform mit starkem Archivcharakter Zugriff auf fast alles. Jeder User und jedes Unternehmen kann einen Channel einrichten und eigene Videos hochladen. Da so viele Menschen diese Plattform nutzen, ist eine Fülle an Videos vorhanden, die jede noch so kleine Sparte der klassischen Musik abdeckt. Allerdings ist kein Rahmen vorgegeben, der dem Rezipienten Halt gibt. Man muss also wissen, wonach man sucht.

Gibt man nur die Suchanfrage „klassische Musik“ ein, wird man weniger interessante Ergebnisse bekommen. Kennt man schon bestimmte Namen, wie etwa den des Geigers Jascha Heifetz, so ist das erste Ergebnis gleich eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus Heifetz’ besten Jahren. Der User SamLee0519, der dieses Video hochgeladen hat, stellt interessante Aufnahmen auch anderer Geiger bereit, wie etwa von Henryk Szeryng, Christian Ferras, David Oistrach und Nathan Milstein. Ausgewählte Raritäten der Violinliteratur kann man hier also erleben, die es sonst nirgendwo zu sehen gibt.

Mit über 16 Millionen Videoaufrufen hat der Channel eine beachtliche Zahl an Interessierten. Die geringe Bild-und Tonqualität der durchweg historischen Aufnahmen scheint niemanden zu stören, denn die Videos sind alle gut bewertet. Andere Kriterien sind hier wichtig: Gerade bei klassischer Musik geht es in erster Linie um Phrasierung und Technik der Interpreten. Dies kann man in den einzelnen Kommentaren unter den Videos immer wieder sehen. Überhaupt stellt die Kommentarfunktion eine wichtige Möglichkeit dar, musikalisches Wissen zu teilen, zu diskutieren und weniger erfahrene User einzubinden. Die interpretatorischen Fragen werden mitunter hitzig besprochen. Der User kann also, wenn er weiß, wie er an die Ergebnisse kommt, einiges durch diese Plattform erfahren.

Einen Eindruck von der Tradition und Geschichte der Interpretation klassischer Musik zu bekommen, ist für Musikliebhaber unglaublich wertvoll. So kann man zum Beispiel das legendäre Cleveland Quartet Beethoven spielen hören, bei einer Meisterklasse mit Dietrich Fischer-Dieskau dabei sein oder alte Probenaufnahmen mit Carlos Kleiber bewundern. Manche laden sogar nur Tonaufnahmen hoch. Davidhertzberg und rareviolintreasures machen dies zumindest. Aber auch User wie DanielKurganov, Carla Aguilera und Emilio Pessina haben eine Bibliothek an guten Aufnahmen zusammengestellt, die ihresgleichen sucht. Außerdem sind sie offfensichtlich mit einem derartigen Fachwissen ausgestattet, dass man überlegen könnte, diese Leute für bestimmte Projekte im klassischen Bereich zu engagieren. Man müsste so etwas wie eine YouTube-Community für klassische Musik ins Leben rufen, die für jedes bestimmte Instrument einen Experten hat und sich dort verstärkt für die Vermittlung von klassischer Musik einsetzt…

Inzwischen sind auch viele Orchester auf den Zug der Videoplattformen aufgesprungen und haben ihren eigenen YouTube Channel. Beispiele sind das London Symphony Orchestra, das New York Philharmonic Orchestra, das Sydney Symphony Orchestra, aber auch deutsche Klangkörper wie das Symphonieorchester des hessischen Rundfunks, oder die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Und selbst YouTube hat ein eigenes Orchester: das YouTube Symphony Orchestra. Ein Projekt, das im Jahr 2011 das erste Mal so richtig auf sich aufmerksam machte. Ein virtuelles Orchester, bei dem die Bewerber sich im gängigen YouTube-Stil zunächst selber filmen, das Material dann bei YouTube hochladen und von einer Fachjury bewerten lassen. Nachdem man angenommen ist, trifft man sich real zu den Proben, und die anschließenden Konzerte finden in den berühmtesten Konzertsälen der Welt statt. So wird aus dem reinen Betrachten von Videos echtes Musizieren und das einmalige Gefühl, selbst schöpferisch tätig zu werden.

Ein gänzlich anderes Modell ist dagegen die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker: der erste virtuelle Konzertsaal. Im Gegensatz zu YouTube konzentriert sich diese Videoplattform auf die Identität des Orchesters. In Echtzeit und beeindruckender Qualität kann man hier alle Konzerte der Berliner Philharmoniker überall auf der Welt mitverfolgen. Die Konzertdramaturgie wird von speziellen Fachleuten umgesetzt. Mit einer Partitur in der Hand steuern sie per Joystick die HD-Kameras und machen Strukturen und Verflechtungen in der Musik visuell erlebbar. Konzerteinführungen und Pausengespräche mit den Künstlern runden die digitalen Konzerte ab. Zurecht kostet ein Abonnement der Digital Concert Hall auch Geld, denn im Moment ist dies wohl das hochwertigste Format der Musikübertragung im Internet, das YouTube in Sachen Qualität meilenweit hinter sich lässt. Die Vermutung, dass hierdurch die Besucherzahlen der „echten“ Philharmonie einbrechen könnten, lässt sich nicht bestätigen. Denn die Auslastung des Saals beträgt weiterhin konstant 98 Prozent. Die Digital Concert Hall, für die im Moment etwa 20.000 Menschen ein Abonnement besitzen, ist keine Konkurrenz, sondern versucht gezielt dort die Reichweite zu verstärken, wo Menschen die Konzerte aus Gründen räumlicher Distanz nicht besuchen können.

In Zukunft wird Musikübertragung im Internet noch an Bedeutung gewinnen. Dabei muss das Augenmerk der Verantwortlichen immer wieder darauf liegen, die Hürden so niedrig wie möglich zu halten und dadurch die Teilhabe möglichst vieler Menschen am Wunder Musik voranzutreiben. Diese Leidenschaft mit anderen zu teilen – das ist es, was zu guter Letzt die klassische Musik am Leben erhält. Ob im Konzertsaal oder im Netz.

Johannes-Daniel Engelmann

Bildnachweis: Klaus Rudolph

2017-11-23T15:42:43+00:00 Oktober 2014|Kategorien: Zukunftsmusik|