Morgenwäsche in Moll

Algorithmen sind mittlerweile aus vielen Lebensbereichen nicht mehr wegzudenken. Auch in der Musikbranche werden diese komplexen technischen Lösungen erfolgreich eingesetzt. Vor Allem Streaming-Anbieter Spotify hat das Verfahren für sich entdeckt. Statt selbst auf Musiksuche zu gehen, erhalten die Nutzer hier unter anderem vorgefertigte Playlisten. Besonders sogenannte Mood-Listen, die einen Song-Mix nach Stimmungen und Gefühlen beinhalten, markieren einen aktuellen Trend.

Das warme Wasser prasselt aus dem Duschkopf, die Haare sind bereits shampooniert. Da ertönen aus den Laptop-Lautsprechern auch schon die ersten Beats von ABBA’s „Dancing Queen“. Jetzt schnell den Duschkopf zum Mikro umfunktionieren und im Takt mit den Fingern schnipsen – so wird die Duschkabine zur Bühne.

Genau diese alltägliche Situation haben viele Streaming-Dienste für sich entdeckt. Sie bieten ihren Nutzern unzählige vorgefertigte Playlists für jede Situation an – so zum Beispiel auch „Songs to sing in the shower“. Doch noch beliebter sind Listen, die eine spezielle Stimmung oder Gefühlslage ausdrücken und untermalen. Als einer der Ersten entdeckte Streaming-Marktführer Spotify das enorme Potenzial eben dieser zusammengestellten Musikauswahl. Ausschlag gaben die eigenen User. 2009 startete Spotify als Open-Source-Software in Schweden, und die ersten Nutzer kreierten vermehrt eigene Playlists, die nicht in Genres unterteilt, sondern auf Momente und Gefühle ausgerichtet waren. Zusammen mit der neuen Möglichkeit des Streamings veränderte sich die Musikrezeption zu dieser Zeit grundlegend. Die Mixtapes der Achtzigerjahre lebten gleichsam wieder auf. Wie damals stand auch jetzt statt der einzelnen Künstler der perfekte Mix verschiedener Musik im Mittelpunkt der Zusammenstellung. Die komplette Songauswahl war auf ein bestimmtes Thema ausgerichtet.

Neben diesem Trend von unten erkannten auch mehr und mehr Unternehmen die Wichtigkeit der veränderten Musikrezeption. Beispielsweise trat Mercedes Benz an Spotify heran und beauftragte das Start-Up damit, herauszufinden, welche Musik Mercedes-Käufer beim Autofahren hören. Ziel war die Verbesserung des „Corporate Sounds“, erklärt Marcel Grobe, Pressesprecher von Spotify Deutschland. Insgesamt nahm der Streaming-Anbieter diese Entwicklungen zum Anlass, seine eigenen Funktionen verstärkt auf das Hören nach Stimmung auszurichten.

Heute, im Jahr 2014, sind bei Spotify über 1,5 Milliarden Playlists abgespeichert. In der Browse-Funktion erscheinen die Listen nach „Genres & Stimmungen“ mittlerweile vor den Hits der Charts. Viele Redakteure des Unternehmens arbeiten täglich daran, die Datenbanken, gefüllt mit dem Nutzerverhalten, zu analysieren. Sie greifen zur Erstellung von in sich stimmigen „Mood Lists“, die möglichst viele User ansprechen, auf alle verfügbaren Daten zu. Dabei gehen sie allerdings nicht mit einem musikwissenschaftlichen Ansatz an die Auswahl heran. Der Schwerpunkt liegt eher auf historischen Besonderheiten. So darf für sie bei der Rendezvous-Playlist beispielweise ein Frank-Sinatra-Klassiker nicht fehlen. Gleichwohl spielen traditionelle musikalische Parameter ebenfalls eine entscheidende Rolle. Algorithmen übernehmen den Job studierter Musikwissenschaftler und suchen in den Meta-Daten der Songs nach festgelegten Kriterien wie Beats per minute (BPM) oder Tonlage mit dem Ziel, möglichst ähnliche Songs zu finden.

Daneben sehen die zuständigen Redakteure beim Durchforsten der Nutzer-Playlists welche Themen beliebt sind und ob Kompilationen eher zur Entspannung oder zum Sport gehört werden. Daraufhin erstellt Spotify eigene, perfekt zugeschnittene Musikarrangements, die in der Suchfunktion an führender Stelle gelistet sind und einfach „monetarisiert“ werden können. Das Unternehmen hat also erkannt, dass es über die vielgehörten Playlists wiederum neue Hörer gewinnen kann und damit auch seinen Wert und Einfluss, insbesondere bei der jungen Zielgruppe, steigert.

Bei aller künstlichen Erzeugung und Gleichschaltung der Nutzer wird Pressesprecher Grobe jedoch nicht müde zu betonen, wie sehr Spotify die Individualität seiner User am Herzen liege. Das klingt ziemlich paradox – bedenkt man, dass bis zu eine Million Individuen dieselben Songs in ein und derselben Reihenfolge hören. Der Vorwurf, dass Nutzer in vorgefertigte „Stimmungsschubladen“ gesteckt werden, kann aber nicht nur Spotify gemacht werden. Auch die deutsche Videoplattform Tape.tv lockt seit Längerem mit einigen künstlich erzeugten „Moodlisten“. Dort kann zu den Songs der Fußball-WM 2014 mitgegrölt oder zur „Mood: Hyper“ ekstatisch getanzt werden. Andere Plattformen hingegen dienen ausschließlich der Rezeption von Playlists, die Momente oder Stimmungen einfangen. Das wohl erfolgreichste Modell dafür lieferte Songza und weckte damit sogar das Interesse des Medienriesen Google. Der erkannte das Potenzial und kaufte die US-amerikanische Plattform kurzerhand auf. Dieses aktuelle Beispiel zeigt, dass große Medienunternehmen die Veränderungen in der Musikrezeption, den Stellenwert der Nutzerprofile und die finanziellen Möglichkeiten erkannt haben.

Sieht so also die Zukunft des Musikhörens aus? Überlassen wir unsere Musikauswahl demnächst Algorithmen, die jederzeit die richtige Musik liefern, passend zu Gefühlslage und Situation? Die jetzt schon unüberschaubare Masse an Daten über Nutzerverhalten und das große Interesse der Unternehmen lassen diese Vorstellung nicht mehr utopisch erscheinen. Auch Spotify-Pressesprecher Marcel Grobe hält es für möglich, schon bald beispielsweise Herzschläge in Echtzeit auszuwerten. So könnte dem Jogger direkt eine Playlist mit Songs vorgeschlagen werden, die in ihren BPM mit seinem Herzrhythmus übereinstimmen.

Wenn sich solche Techniken durchsetzen, könnte der aktive Nutzer demnächst vollständig in den Hintergrund treten. Bereits beim Betreten des Badezimmers würde ein System scannen, welches Familienmitglied sich unter die Dusche stellt. Helene Fischer versüßt dann Mutti das Reinigungsritual, während für Vati das Beste aus den Sechzigern abgespielt wird. Beginnt hingegen die vom Liebeskummer geplagte Tochter mit der Morgenwäsche, ist das System ihr bereits einen Schritt voraus. Den vor fünf Minuten geänderten Beziehungsstatus auf Facebook hat es automatisch abgeglichen, und statt ihrer „Songs to sing in the shower“-Playlist ertönt nun die moll-lastige Kompilation „Heartbroken“.

Das klingt doch nach einem verlockenden Leben, frei von Sorgen und Entscheidungen. Oder?

Clara Ehrmann/Gesa Asche

Bildnachweise: Clara Ehrmann/Gesa Asche

2017-11-23T15:42:35+00:00 Oktober 2014|Kategorien: Zukunftsmusik|