Plattenkritik (Ausgabe: Zukunftsmusik)

JARYS & MATYES
Stéréo
Kein Label

„Hallo Welt! Was hast du aus dir gemacht? Du drehst dich nicht mehr um dich selbst.“ Nein, dass sich Jonas und Mathias alias Jarys & Matyes nur mit den kleinen Dingen des Lebens begnügen, davon kann keine Rede sein. Direkt, plakativ und multinational rappen die beiden Hannoveraner auf ihrem frisch gepressten Album „Stéréo“ über das Heute und das Wir in unserer schnelllebigen, vom Trend geprägten Zeit. Immer die Kritik an Gesellschaft, Medien und Kapitalismus im Gepäck („Hallo Welt“, „Werbung“). Schwebende Synthesizerklänge gepaart mit feinen, meist zurückhaltenden Beats treiben die Songs genau so weit voran, dass der Zuhörer entspannt auf der musikalischen Welle mitreiten kann und die Ohren dennoch frei hat, die aussagestarken Texte auf sich wirken zu lassen. „Atlantis“ ist genau so ein Song, der mit seiner sphärischen Atmo, ganz „versunken in Gedanken“, zum Mitschweben einlädt. Ein wenig erinnert er gar an „All I Need“ von Air, ohne die zarte Stimme von Sängerin Beth Hirsch und dafür ausgestattet mit vielsagendem, rhythmischem Sprechgesang, versteht sich. Generell fällt auf, dass Jarys & Matyes stimmlich geübt harmonieren. Mit seinen Pariser Wurzeln bringt Matyes den französischen Einschlag in das konsequent zweisprachige Wirken des Lindener Duos. Mal ist es ein Feature „en français“, mal ein zweisprachiger Refrain oder eine deutsch-französische Abwechslung in Strophenform. Doch es wird schnell deutlich, dass die beiden hier ihre Schaffensquelle verorten: „zwei Sprachen, ein Gefühl“ („Ein Gefühl“). Und ja, Jarys & Matyes gelingt es zu zeigen, dass guter deutsch-französischer Rap funktioniert. Losgelöst von jeglichen Clan-Allüren und oberflächlicher Provokation des Rap-Business. So bleibt „Stéréo“ im Kern kritisch und trotzend („Eskalation“). Und dann sind plötzlich auch „Die kleinen Dinge“ wichtig.
Mehr davon auf der Facebookseite der Band.

Gesa Asche

 

 

FOXOS
Fables EP
Kein Label

Sagenhaft wollen sie sein, fantastisch und mystisch. Sie erzählen von wundersamen, aber auch alltäglichen Begebenheiten und entführen den Hörer mit märchenhaft elektronischer Musik. Die Rede ist von der sechsköpfigen hannoverschen Band „Foxos“ und ihrer Debüt-EP „Fables“. Mit einem wolfsartigen Heulen stimmt der erste der fünf Tracks „Cry“ sogleich auf die rätselhafte und magische Aura ein, die die Newcomer mit ihrem selbst so benannten „electronic-fable-pop“ schaffen möchten. Es schieben sich sauber perfektionierte Synthesizerklänge unter die Tierstimme, ehe der tragende Gesang Rick Jurthes das Stück vibratoreich dominiert. Ein wenig erinnert die ruhige Strophe an das Kollektiv Bon Iver, bevor die klangliche Auffüllung mit Percussion, Gitarre und Keys eine ganz eigene sphärisch-treibende Dynamik entwickelt.
Im Anschluss geht es zuerst ähnlich ruhig weiter. Ein stetiger Synthesizer-Beat schiebt sich durch Strophe und Refrain und versinnbildlicht den Titel des Songs: „Heartbeats“. Sowieso ist dieser Track sehr eingängig. Er steigert sich musikalisch mit zunehmender Klang- und Rhythmusfülle, sowie sprachlich mit der Anapher („heart beats, hearts bleeds, hearts needs… love) in stimmungsvoller Liaison bis über den Refrain hinaus. Elektronische Taktschläge und Akkordwechsel am Klavier bilden eine Zeit lang das Fundament, bevor sich der Song klanglich wieder auf ein Minimum reduziert, kurz steigert und schließlich mit einem langen Instrumental-Outro fast schon abrupt endet. Es fällt auf, dass die Musikstudenten nicht nur mit Klängen, sondern auch mit Pausen zu spielen wissen. So wird beispielsweise kein einziger Track ausgeblendet. Fast alle enden stattdessen auf der schweren, betonten Zählzeit und deshalb gefühlt plötzlich.
Als drittes Stück folgt „Shut Down“. Es wird stimmlich mit Loop und Vocoder gespielt, die Musik klingt im Vergleich zum Vorgängertitel weniger melodiös und poppig. Dafür eine Nuance bedrohlicher, dunkler – passend zum Text „This is the part that we cut out today“. Gegen Ende mausert sich „Shut Down“ jedoch noch fast zu einer Up-tempo-Nummer, was dem treibenden, durchgehenden Schlagzeug und dem vollen harmonischen Fundament geschuldet ist. Doch schon endet auch dieser Track ganz unvermittelt. Zu Beginn von Song Nummer vier, „White Horses“, kommt schließlich das Glockenspiel mit seinem hohen, feenhaften Klang zum Einsatz, ehe sich Jurthes markante Stimme auch hier wieder ganz selbstverständlich die volle Aufmerksamkeit erkämpft. Das einsetzende elektronische Klanggerüst ist diesmal mit vielen Bässen und Tiefen angelegt und vermischt sich später optimal mit den Backgroundgesängen der übrigen Bandmitglieder.
Als letzter Song komplettiert die bereits ausgekoppelte Single „Run“ den Erstling. Gewohnt ruhig auch hier der Auftakt: Ein pures Gesangssolo, getragen lediglich von Bass und sehr zurückgelehnt gespieltem Schlagzeug. Dann der Einschub einer klanglichen Synthesizer-Wand, die sich mit kurzen Pausen und musikalischen Reduzierungen abwechselt, bevor auch dieser Song, man ahnt es schon, ohne großen Wirbel, aber mit aufgedrehter Rückkopplung endet.
Mehr davon: www.foxosmusic.com

Gesa Asche

 

 

FLORIAN HOFER
Reaching
Kein Label

Es gibt wieder Hoffnung für alle Freunde der psychedelischen Gitarrenmusik! Etwas für diejenigen, die der auf Beat gepolten Computermusik müde sind und mal ein bisschen Erfrischung brauchen. Genau diese verschafft der Hannoveraner Florian Hofer mit seinem neuen Album „Reaching“. Fast hätte man vergessen, wie wunderbar echt die Gitarre klingt und wie schön sie singen kann. Bei Songs wie „Reaching“, „Telling Lies“ und diversen sehr melodischen Gitarrensoli führt Hofer dem Hörer die Emotionalität der Gitarre intensiv vor Ohren. Doch nicht nur die Gitarre singt, auch Hofer selbst beweist auf der Platte großes stimmliches Potenzial mit einer Mischung aus David Gilmour und Kurt Cobain.
Songs wie „Let it out“, „Telling Lies“ oder „On my knees“ lehnen sich vom Sound her stark an die Großen des Psychedelic Rock an. Die Stücke erinnern besonders von den Gitarrenriffs her an die eines Jimi Hendrix. Doch nicht nur diese Rockgröße nimmt Einfluss auf das Album. An manchen Stellen meint man die Queens of the Stone Age zu hören und an anderen wieder Cream.
Da ein Großteil des Albums geprägt ist von Adaption und Weiterentwicklung der Stile anderer Künstler, sticht ein Stück besonders heraus. „Why“, die Singleauskopplung des Albums, verkörpert sehr prägnant Hofers persönlichen Stil. Der Song zeigt deutlich, wie aus den genannten musikalischen Einflüssen ein eigener Sound entstanden ist. Dieser Sound ist es, der Lust auf mehr Musik von Florian Hofer macht. Wir sind also zuversichtlich, dass dies erst der Anfang eines begabten jungen Künstlers ist und noch einiges folgen wird.
Mehr davon auf Facebook oder www.florianhofer.com

Clara Ehrmann

 

 

ATMOSPHÄRE
Lindenpop
Kein Label

Kinder ihrer Zeit sind sie, die Jungs von Atmosphäre. Das hört man den Zeilen ihrer ersten EP an, auf der sich Popmusik mit funkigen Elementen verbindet und groovige Beats auf spannende Melodien treffen. In den fünf Songs setzt sich die Band aus Linden auf intelligente Art und Weise mit den Herausforderungen und Problemen ihrer Generation auseinander. Im Song „Kind meiner Zeit“ erweist sich Sänger Benedict Hartsch als einfühlsamer Beobachter, der die Veränderungen und auch die Macken der heutigen Lebenswelt erkennt. Mit ruhiger Stimme konstatiert er den durch soziale Netzwerke entstandenen Wettbewerb und Vergleich mit den Mitmenschen und kritisiert widersprüchliche Handlungen („buche Ryanair mit Ökostrom“). Lustig und etwas funkiger geht es im Song „Kosenamen“ zu, in dem die Band die oftmals peinliche Angewohnheit von Pärchen, sich gegenseitig die merkwürdigsten Namen zu geben, aufs Korn nimmt. Zum Tanzen animieren die Songs „Pawlow“ und „Auf dem richtigen Weg“, in denen sich Hartschs Stimme abwechslungsreich gibt und besonders in den Refrains ihren Facettenreichtum zeigt. Als regelrechter Ohrwurm erweist sich der Song „Alles bewegt sich“. Der eingängige Refrain haftet im Gedächtnis, und auch musikalisch begeistert der Song durch das sich wiederholende Gitarren-Pattern und den melodiösen Gesang.
Atmosphäre liefern mit ihrer ersten EP eine runde Pop-Platte ab, die sowohl Platz für locker-leichte Gute-Laune-Tracks als auch für nachdenkliche und kritische Texte hat. Eine spannende Mischung, die Lust auf ein ganzes Album macht.
Mehr davon: www.lindenpop.de

Linda Knauer

Bildnachweise: Pressefotos

2017-11-23T15:42:29+00:00 Oktober 2014|Kategorien: Zukunftsmusik|Tags: |