Tasten nach dem eigenen Ich

Der Komponist Helmut Lachenmann erwartet Mut von seinen Hörern

Groß gewachsen ist er, der Komponist Helmut Lachenmann. Hoch ragt er auf zwischen den Instrumentalisten der „Banda Modern“ bei der Aufführung seines Stückes „… zwei Gefühle…“. Scharf und genau artikuliert er Worte Leonardo da Vincis, schafft es mit seiner Präsenz die Aufmerksamkeit der Zuhörer immer wieder auf sich zu lenken, trotz des um ihn herum herrschenden Spektakels aus Lauten und Klängen: „So donn… ernd ni-ch-t das st – ürrr – m – isch – e Meer…“, klingt die Stimme des Komponisten durch den Richard-Jakoby-Saal der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH).

Die Aufführung ist mit keinem gewöhnlichen Konzert zu vergleichen, bei dem die Instrumentalisten brav an ihrem Platz sitzen und in die Noten schauen. Da wird der Klavierdeckel geschwungen, um wellenförmige Klänge zu produzieren, in die Öffnung einer Tuba gesprochen, auf Saiten gekratzt und gequietscht. Fast schon düster ist die Atmosphäre, die durch die scharf eingeworfenen Töne der Bläser und das Flirren der Streicher entsteht. Und nicht nur mit den Instrumenten wird experimentiert, auch die Stimmen der Musiker kommen zum Einsatz. Scheinbar willkürlich fallen sie in den Text ein, übernehmen Passagen und unterstützen Lachenmann sprachlich. Unerschütterlich steht er inmitten der von ihm geschaffenen Klangwelt, hochkonzentriert und beherrscht.

Seine Klanglandschaft sei an akustischen Eindrücken orientiert, erklärt Lachenmann im Gespräch. Geräusche gehörten genauso dazu wie normale Töne; sogar das Umfallen eines Mülleimers könne man mit dem Klang eines Instruments vergleichen. Das Hauptthema in seinen Kompositionen, das auch in „…zwei Gefühle…“ eine große Rolle spiele, sei die Verfremdung. Nicht nur der Instrumentenklang werde hier verfremdet, auch Wörter würden so zum Klingen gebracht, dass man zweimal hinhören müsse, um ihren Sinn zu verstehen.

Lachenmann spricht leise und auf Grund seines leichten Dialekts etwas undeutlich, groß ist der Unterschied zu seiner klar definierten Stimme im Konzert. Dass seine Zuhörer ihn und seine Kompositionen verstehen, liegt ihm am Herzen. Das wird klar, wenn Lachenmann Laute vormacht. Mit den Händen gestikuliert. Seine Stimme verfremdet und dabei selber lachen muss. „Ritsch, ritsch“, intoniert er, um Klänge eines Instruments zu veranschaulichen. Mit diesem Wunsch nach Verständnis arbeitet er dem gängigen Vorurteil, dass Neue Musik unzugänglich und schwer verständlich sei, entgegen. Jedenfalls gibt er sich große Mühe, das Verständnis zu erleichtern und seinem Publikum die Scheu vor dem Ungewohnten und selten Gehörten zu nehmen.

Angefangen hat der 1935 geborene Lachenmann in den 50er Jahren damit, „ganz brav“ Kontrapunkt zu lernen. Durch die Nähe zu Donaueschingen kam er bald mit der Musik von Stockhausen und Boulez in Kontakt. Damals dachte er noch: „Das ist doch gar keine Musik.“ Doch ließ ihn diese andere Art der Musik nicht los, machte ihn nervös, wie er sagt. Nachdem er die Komponisten 1957 in Darmstadt persönlich getroffen hatte, wollte er deren neue Denkweise kennenlernen und fragte sich: Will ich jetzt bei denen mitmachen, wie ich bei den braven Kontrapunktikern mitgemacht hab? Oder wie finde ich meinen eigenen Weg?

Wer Innovationen schaffen will, wer authentisch sein will, kann das nicht planen. Wer sich an den Tisch setzt und sagt „Ich will jetzt etwas Neues machen“, der wird scheitern, meint Lachenmann. Authentizität bedeutet für ihn einen Moment des nie Dagewesenen, in dem Komponisten einfach ihre Fantasie umsetzen. Ein bisschen sei eine Komposition auch immer ein Tasten nach dem eigenen Ich, und dazu müsse man erst einmal wissen, wer man eigentlich ist. Zuallererst ein Produkt seiner Erziehung, seiner Umgebung, seines Geschlechts oder seiner Nationalität. Das Ganze nenne man dann ‚Ich‘. „Such dich erst einmal selbst“, rät der Ehrendoktor der HMTMH deshalb seinen Schülern, wenn die mit Kompositionen voller Klischees zu ihm kommen.

Ein wichtiger Teil des musikalischen Prozesses – das gilt für das Schaffen neuer Musik wie für das Zuhören – ist für ihn das Entdecken. Zuhörer sollten sich, wenn es nach ihm ginge, einfach mal in den Konzertsaal setzen, abwarten, was passiert, und das Geschehen beobachten. Von zu vielen Erklärungen hält er nichts: „Ich muss Menschen doch auch keinen Dschungel erklären oder einen Sternenhimmel.“ Das Hören seiner Musik bezeichnet er als Abenteuer. Dass Menschen Geld für Bungee Jumping oder eine Wildwasserfart bezahlen, um dann im Konzertsaal von etwas Neuem eingeschüchtert oder gelangweilt zu sein, versteht er nicht.

Ob seine Zuhörer dieser Idee folgen? Wie üblich bei Aufführungen Neuer Musik sieht man nach dem Konzert viele interessierte und begeisterte Gesichter, aber auch distanzierte und gelangweilte Mienen. Eine ältere Dame kann nur schwer ein Gähnen unterdrücken. Den Wunsch nach Abenteuer im Konzertsaal scheint sie nicht zu haben.

Linda Knauer

Bildnachweis: Astrid Karger

2017-11-23T16:35:56+00:00 Oktober 2014|Kategorien: Zukunftsmusik|