Ungewöhnliche Kombinationen und eine gute Geschichte

Wie man als junger Klassik-Interpret heute noch Karriere machen kann

In der Datenbank des ,,Bielefelder Katalogs” sind zurzeit (September 2014) 49 Gesamteinspielungen der Beethoven-Sinfonien dokumentiert. Aus der bekannten Fünften kann man das Schicksal mittlerweile in 150 verschiedenen Versionen klopfen hören. Es geht aber noch mehr: Liszts h-moll-Sonate für Klavier wurde 168-mal aufgenommen, Schumanns Klavierkonzert sogar 204-mal. Wie soll man es bei einer derartigen Fülle anstellen, sich alles anzuhören und dann zu entscheiden, was einem am besten gefällt? Theoretisch wäre dies der einzige Weg, zu einem fairen Urteil zu kommen, und sicherlich gibt es auch ein paar Puristen, die von bestimmten Werken jede erhältliche Aufnahme besitzen und kennen.

Aber Kaufentscheidungen des normalen Musikliebhabers fallen natürlich anders. Ausschlaggebend für den kommerziellen Erfolg einer Aufnahme ist vor allem die Prominenz der Interpreten. Außerdem spielt die Empfehlung von sogenannten Meinungsführern, wie etwa Musikkritikern, eine Rolle. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf eine kleine Auswahl an Interpretationen.

Doch was steuert die Aufmerksamkeit der Musikkritiker? Wie erlangt man heutzutage noch Aufsehen mit der Einspielung von Stücken, die zum einen teilweise jahrhundertealt sind und zum anderen schon häufig gespielt wurden? Dass dies besonders schwierig geworden ist, weiß Ewa Kupiec, selbst konzertierende Pianistin und Professorin in Hannover. Man müsse sich als Klassikinterpret erst durch Aufnahmen und Wettbewerbe profilieren, um dann an Verträge für Konzerttourneen zu kommen. Die Zeit, in der nur eine kleine Künstlerelite für die großen Plattenfirmen aufnehme, sei vorbei. Aus der übergroßen Fülle an Wettbewerben resultiere nämlich eine ebenso große Fülle an Preisträgern, die dann oft auch einen Plattenvertrag erhalten.

Damit sind wir aber wieder am Ausgangspunkt. Wenn so viele Interpreten einen Preis bekommen, ist auch der Preis kein echtes Unterscheidungsmerkmal mehr. Also steht man als Konsument erneut vor einem Überangebot, während man als Interpret händeringend und im ständigen Konkurrenzkampf um die Gunst des Publikums bemüht sein muss. Kupiec empfielt deshalb noch mehr. Junge Musiker wollten mit ihren ersten Aufnahmen vor allem ein persönliches Profil erstellen. Dazu griffen sie immer wieder auf das bekannte Repertoire zurück. Mehr Erfolg verspreche aber vielleicht der Versuch, mit ungewöhnlichen Kombinationen von Stücken hervorzutreten. Eine Studentin mit armenischer Herkunft habe z.B. vor Kurzem ein Album ausschließlich mit armenischer Klaviermusik aufgenommen. Das sei auch ein Weg, sich von ihren Mitstreitern abzugrenzen. Auf diese Weise könne sie ihr Produkt ganz einfach auf ihre eigene Person, in diesem Fall ihre Herkunft, beziehen. Das schaffe Authentizität.

Ein weiteres Beispiel für moderne Konzepte ist die im September erschienene CD ,,Russian Moments“ von Mario Häring, Pianist in Hannover. Sie enthält sowohl bekanntes Repertoire (Rachmaninoff und Prokofjew) als auch selten gespieltes (Kapustin). ,,Um einen thematischen roten Faden für die CD zu haben, beschloss ich, Komponisten aus einer ähnlichen Region zu wählen und auch eine kleine Reise durch die Zeit zu unternehmen“, sagt Häring. Da er außerdem schon sehr früh in seiner Kindheit mit russischer (oder besser slawischer) Musik in Berührung gekommen sei, habe er bei dieser Aufnahme Stücke spielen wollen, die ausschließlich dieser Region entstammen. Mit dieser Aussage stellt auch er einen persönlichen Bezug zu seinem Produkt her.

Es geht also in jedem Fall um geschickte Vermarktung, und der Jargon der Werbebranche hat längst den Weg in die klassische Musik gefunden. Dass moderne Marktstrategien aber darauf nicht reibungslos anwendbar sind, weiß Meike Knoche, PR-Chefin bei der Konzertdirektion Schmid in Berlin, sehr wohl. Es gebe zwar Beispiele dafür, solche Strategien aus der Popmusik erfolgreich zu imitieren, wie den Geiger David Garrett, der Klassik-Evergreens als Popversionen darbietet. Ob oder wie der Musik, welcher Art auch immer, damit geholfen wird, ist allerdings eine Frage, die stark polarisiert. Viele Klassikhörer schlagen bei Garrett und ähnlichen Stars dann auch die Hände über dem Kopf zusammen. Es sei jedenfalls eine Parallelwelt, die im klassischen Bereich nicht als Vorbild genommen werden könne, so Knoche.

Was gehört also noch dazu, sich als Klassikinterpret einen Namen zu machen? Dass man sein Instrument auch wirklich beherrschen muss, dürfte wohl Grundvoraussetzung sein. Das folgende Beispiel zeigt, dass allerdings noch ganz andere Faktoren eine Rolle spielen. 2010 fand in Warschau der alle fünf Jahre ausgetragene Chopinwettbewerb statt, bei dem Julianna Awdejewa zur Siegerin gekürt wurde. Einige Medien sahen aber den zweitplazierten Ingolf Wunder vorn, und der erhielt letztendlich auch den Vertrag mit der Deutschen Grammophon. Wie ist das zu erklären?

Von vornherein war Wunder der Liebling bei Publikum und Medien. Das lag einmal daran, dass er im Gegensatz zu Awdejewa eine weitaus interessantere Lebensgeschichte zu bieten hatte. So ging er eben nicht als Wunderkind aus einer Pianistenschmiede hervor, sondern begann erst relativ spät, sich mit dem Klavierspielen zu befassen. Ein Talent, das sich vollkommen ungezwungen, sozusagen aus eigener Kraft an die Spitze kämpft, ist viel sympathischer als jemand, der von Kindesbeinen an darauf getrimmt wird, Wettbewerbe zu gewinnen und Karriere zu machen.

Ein anderer Faktor war sicherlich seine Nationalität, denn er war ein Österreicher, der sich gegen die großen Klaviernationen Russland oder China behaupten konnte. Wunder war somit ein Außenseiter, der den Großteil des Publikums schnell auf seine Seite zog. Als er aber von der Jury am Ende nicht zum Sieger ernannt wurde, hatten viele den Verdacht, dass man sich auf eine Kompromisslösung für die Platzierungen geeinigt habe. Der Ruf des Wettbewerbs nahm wieder einmal Schaden, wie schon dreißig Jahre zuvor, als Ivo Pogorelich als Nichtgewinner auf einen Schlag weltberühmt wurde, während Dang Thai Son als Erster in Vergessenheit geriet. Mehr Aufmerksamkeit hätten sich weder Pogorelich noch Wunder wünschen können, was in beiden Fällen einen plötzlichen Karriereschub für die Pianisten bedeutete.

Auch im Klassiksektor ist Image eben alles. Es gehe darum, unabhängig von dem, was man spielt oder sonst tut, immer eine Geschichte zu erzählen und sich ,,lebensecht“ zu präsentieren, so Knoche. Die Ära der Diven und scheuen, sensiblen Künstler, die keinen Kontakt zu ihrem Publikum pflegen, scheint demnach vorbei zu sein. Auch Ewa Kupiec gibt zu, dass die eigene Medienpräsenz und -kompetenz des Interpreten zunehmend über Erfolg und Nichterfolg entscheide.

Soll das nun heißen, dass die Interpretationskunst an sich nur noch nebensächlich ist? Alfred Kerr schrieb einmal: ,,Von Händlern wird die Kunst bedroht, da habt ihr die Bescherung. Sie bringen der Musik den Tod, sich selber die Verklärung.“ Ganz so finster sollte man es vielleicht nicht sehen. Vielleicht schadet es als Musiker aber auch nicht, Idealist zu sein.

Robert Colonius

Bildnachweis: Sarah Rott

2017-11-23T16:39:51+00:00 Oktober 2014|Kategorien: Zukunftsmusik|